Mittwoch, 31. August 2016

Als Habermas den herrschaftsfreien Diskurs beendete – Zum Tode von Ernst Nolte

Am 18. August starb der umstrittene – wenn nicht gar umstrittenste – deutsche Historiker Ernst Nolte. Ein Name, der auch für viele, die in keiner Verbindung zu einer Geisteswissenschaft stehen, automatisch mit dem legendären Historikerstreit der 80er Jahre assoziiert wird, in dem sich führende deutsche Intellektuelle um die Auslegung und den geschichtspolitischen Umgang mit dem Holocaust stritten. Die Auseinandersetzung ging weit über eine „normale“ wissenschaftliche Kontroverse hinaus: Es fielen Revisionismus- und sogar Antisemitismus-Vorwürfe, die zur Folge hatten, dass insbesondere Nolte in den Jahren danach bis zu seinem Tod in der Historiker-Gemeinde zusehends isoliert war. Was war geschehen?

Nolte hatte in seinem berühmt gewordenen FAZ-Aufsatz „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ die Frage gestellt, ob nicht der „Klassenmord der Bolschewiki“ das „logische und faktische Prius des Rassenmords der Nationalsozialisten“ und der „Archipel Gulag nicht ursprünglicher als Auschwitz“ gesehen sei. Der Holocaust wird in dieser Sichtweise zu einem nicht-singulären und zu einem in einer historisch-politischen Kausalkette stehenden Ereignis, zu einer Reaktion auf zuvor Geschehenes.

Diese zentralen Thesen, die Nolte später den Vorwurf der Holocaust-Relativierung einbrachten, wurden von ihm an anderer Stelle ergänzt durch die Einschätzung, sowohl der Marxismus als auch der Faschismus seien Reaktionen auf Modernisierungsprozesse gewesen, was den Philosophen Jürgen Habermas, der im Historikerstreit den lautesten Gegenpart zu Nolte bildete, zu der Kritik veranlasste, letzterer differenziere hier eine für ihn nachvollziehbare Intention von den Verbrechen des Nationalsozialismus. Der linksliberale Habermas schloss seinerseits mit dem Bekenntnis zur Bindung Deutschlands an den Westen, welche nur durch die „Schamesröte“ vor dem Hintergrund des Holocausts gewährleistet sei. Dem Historiker Andreas Hillgruber hatte Habermas außerdem Revisionismus sowie die Ablehnung sozialwissenschaftlicher Erklärungsansätze vorgeworfen.

Nun können und sollen an dieser Stelle nicht alle Facetten des – in seinen Thematisierungen und persönlichen wie fachdisziplinären Perspektiven durchaus vielschichtigen – Historikerstreits betrachtet werden. Stattdessen soll ein spezifischer Aspekt herausgegriffen werden, dem sich der Autor dieser Zeilen nicht nur in Form eines Dissertationsprojektes widmet, sondern der auch gerade vor dem Hintergrund interessant ist, dass Habermas sozialwissenschaftliche Erklärungsansätze vermisst hat, wohingegen aber gerade diese durchaus das Potenzial haben, gravierende Teile seiner eigenen Argumentation gegen Nolte auszuhebeln.

Die deutsche Soziologie – von der sich Habermas selbst bekanntlich früh verabschiedet hat, nachdem die Anschlussfähigkeit seiner Theorie des kommunikativen Handelns spätestens infolge seiner Debatte mit Niklas Luhmann gravierend in Frage stand – hat sich mit einer eigenen Erforschung des Dritten Reiches über lange Zeit hinweg schwer getan und vieles den Historikern überlassen. Womöglich auch gerade als Folge des Historikerstreits haben sich hierzulande erst in jüngerer Vergangenheit Soziologen an die brisante Materie herangetraut, bei deren Thematisierung bereits ein falsches, als unsensibel rezipiertes Wort Empörungsstürme entfachen kann.

Hierbei sind allerlei verschiedene Forschungsperspektiven denkbar. Zu den besser erforschten Ebenen sozialer Prozesse im Dritten Reich haben bislang besonders die Sozialpsychologie und die Mikrosoziologie sowie die Organisationssoziologie beigetragen. Gewaltig zu wünschen übrig lässt dagegen bisher der Fundus an makrosoziologischen Perspektiven, die die gesellschaftliche Entwicklung im – bzw.: hin zum – Nationalsozialismus gewissermaßen aus der Vogelperspektive beleuchten. Übrigens etwas, das in den 80er Jahren erst recht fehlte – was die oben genannte Habermas-Kritik an Hillgruber geradezu scheinheilig macht. Die Perspektiven jedoch, die bereits ausgearbeitet sind, bieten interessante Schlussfolgerungen, die geeignet sind, die Nolte-These einer „Reaktion auf Modernisierung“ zu unterfüttern und zugleich aufzuzeigen, dass die sich daraus ergebende Sozialstruktur der „Kriegsgesellschaft“, wie sie der Bielefelder Kriegssoziologe Volker Kruse in Anlehnung an Herbert Spencer nennt und in der sich sowohl das nationalsozialistische Deutschland als auch die stalinistische Sowjetunion befanden, geeignet ist, über die zugerechnete Drohung eines Krieges auch Exklusionsprozesse im Innern voranzutreiben.

Auch bedingt durch technische und kulturelle Entwicklung lässt sich insbesondere im 19. Jahrhundert das ausmachen, was als funktionale Ausdifferenzierung einer Weltgesellschaft beschrieben werden kann: Gesellschaftliche Systeme wie Religion oder Politik verlieren ihr Primat; zugleich erscheinen neue „Wettbewerber“ wie etwa ein autonomes Wirtschaftssystem, ein von der Religion unbehelligtes Wissenschaftssystem oder gar – wie spätestens in der Weimarer Republik – ein autonom und auf Basis einer Verfassung operierendes Rechtssystem. Die Komplexität wie auch die Kontingenz (also die Ungewissheiten) einer Gesellschaft steigen mit deren Ausmaß an funktionaler Differenzierung (Ausdifferenzierung eben solcher gesellschaftlicher Funktionssysteme), welche mit gutem soziologischem Gewissen als der Kern dessen beschrieben werden kann, was „Modernisierung“ ausmacht.

Es bedarf keiner jahrelangen Forschungserfahrung, um sich zu verdeutlichen, dass die staats- und gesellschaftstheoretischen und, in der Folge, ideologischen Ursprünge sowohl des Marxismus als auch des Nationalsozialismus auf gesellschaftliche Charakteristika rekurrieren, welche beide auf Kernmerkmale der funktionalen Differenzierung zurückzuführen sind. Beide begriffen sich stets als antikapitalistisch – also die Autonomie des Wirtschaftssystems ablehnend – und als Gegenbewegungen zum Liberalismus, welcher mehr als alles andere als eine Art „politische Ideologie der funktionalen Differenzierung“ begriffen werden kann, indem er das Primat des Politischen ablehnt und dieses an das Recht zu binden versucht. Ein Ansinnen, das auf energische Kritik des späteren NS-Staatsrechtlers und -Vordenkers Carl Schmitt traf, wie in dessen berühmtem Werk „Politische Theologie“ nachzulesen ist: Die liberale Entpolitisierung galt Schmitt als politisch zu bekämpfende Entwicklung.

Sei es nun Schmitts Liberalismus-Kritik oder der marxistische Kampf gegen den Kapitalismus: In beiden Bewegungen kommt die Ablehnung von Kernelementen der Modernisierung zum Ausdruck – und beide Bewegungen erhielten ihre Stärke durch die Massen der Leute, die diese Ablehnung teilten oder ihr gar mit Angst begegneten. Sei es, im Falle der Arbeiterklasse, aufgrund eines schlechten sozialen Status, oder, im Falle des Bürgertums, vor dem Hintergrund von sozialen Abstiegsängsten. An diesem Punkt zeigt sich, dass das pauschale Abkanzeln dieser These Noltes durch Habermas dem anderswo geäußerten Anspruch des letzteren, „sozialwissenschaftliche Erklärungen“ heranzuziehen, gründlich widerspricht.

Wie Volker Kruse in seinem Buch „Kriegsgesellschaftliche Moderne“ von 2015 aufzeigt, entfaltete sich darüber hinaus in beiden Nationalgesellschaften, in Deutschland und in der Sowjetunion, eine Strukturlogik, in deren Folge diese zu „Kriegsgesellschaften“ wurden, ohne bereits de facto in einer militärischen Auseinandersetzung zu stehen: Jede politische Maßnahme erfolgte basierend auf der Prämisse, dass man so handeln müsse, als befinde man sich bereits im Krieg, was, betrachtet man das prominenteste Indiz dieser Entwicklung, u. a. massive rüstungspolitische Folgen hatte. Zugleich folgte man damit – in der UdSSR wohl eher unbewusst, im Dritten Reich bewusst – der Theorie Carl Schmitts, die besagt, dass das Politische sich durch die Unterscheidung von Freund und Feind auszeichnet, welche, über das Potenzial zum „Ausnahmezustand“ geeignet ist, sämtliche anderen relevanten Unterscheidungen der Gesellschaft – also z. B. die wirtschaftliche von Gewinn / Verlust oder die von Recht / Unrecht – zu verdrängen. Schmitt legte damit nichts anderes vor als eine Theorie, die das direkte Gegenteil dessen vorsah, was die Vorstellung einer funktional differenzierten, aus autonomen und von der Politik unabhängigen Funktionssystemen bestehenden Gesellschaft ausmacht. Damit wird deutlich, welche Wirkungsmacht die kriegsgesellschaftliche Strukturlogik mit der Folge ihrer Freund-Feind-Codierung entfaltete: Ausreichend war dabei die bloße Zurechnung einer Kriegsabsicht des Feindes und die damit vorgenommene Selbstverortung in einem Konfliktsystem globalen Ausmaßes. Akzeptiert man diese wohlgemerkt makrosoziologische, also sozialwissenschaftliche (!) Erklärung – die Habermas ja mindestens implizit eingefordert hatte – so bietet sich einem ein Ansatz, der durchaus geeignet ist, auch die Hauptthese Noltes zu fundieren und dadurch zu stützen. 

Dies anzuerkennen, würde freilich voraussetzen, an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema interessiert zu sein, welche sich nicht zu einem bloßen Instrument eines politischen Paradigmas macht, wie dies bei Habermas‘ Argumentation der Fall war – was er ja auch, mit seinem Bekenntnis zur Westbindung und der, seiner Ansicht nach, dieser dienlichen kollektiven „Schamesröte“, selbst zugegeben hat. Noch interessanter wird dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass der aus der Soziologie in die Philosophie geflüchtete Habermas in seinen kommunikationstheoretischen Arbeiten als ein Verfechter des „herrschaftsfreien Diskurses“ auftrat. Diesem hat er mit seiner Argumentation im Historikerstreit ein Ende gesetzt: Das politische Paradigma der Westbindung übernahm die Definitionsgewalt – zum Preis der Wissenschaftlichkeit.

Sonntag, 7. August 2016

Abschied von der Linken

Links sein ist nicht mehr das, was es einmal war. Das zeigt nicht nur die Konzept- und Hilflosigkeit der europäischen Sozialdemokratien. Auch die linken Ideale der Jugend verwässern.

 

Ein Gastbeitrag von Sebastian Müller

 

Im Campus Magazin der Zeit ist am 22. Juni ein bemerkenswertes Interview mit dem Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel erschienen (hier). Es ist deshalb so interessant, weil es eine kurzweilige, aber dennoch messerscharfe Analyse einer Transformation liefert.
Und Merkel, selbst parteiloses Vollmitglied der Grundwertekommission der SPD, kennt sich aus mit Transformationstheorien. Eine handelt davon, was große Teile der jungen, studentischen Generation heute unter dem Label „Links“ versteht, dem sich eine Mehrheit dieses Milieus immerhin zugehörig fühlt. Und das ist sowohl denkwürdig als auch erhellend.
Denkwürdig ist es, weil man Zeuge eines Zeitgeistes wird, in dem das Label den Inhalt ersetzt ‒ oder aber der Inhalt bis zur Unkenntlichkeit verwässert wurde. „Links“ ist in diesem Kontext etwa so wie „Bio“ oder „Grün“: Was darauf steht, muss noch lange nicht drinstecken. Vielmehr ist es beliebig, dialektisch begrenzt, im Habitus entgrenzt, Hauptsache politisch korrekt und im Trend. Es ist soft, zahm, aber ohne erzählerische, empirische oder intellektuelle Wucht. Es ist ein Offenbarungseid. Und es ist der Abschied von einer Denkrichtung, die ein Jahrhundert der Garant für sozialen Fortschritt und damit gesellschaftlicher Prosperität war.

 

Bruch mit der sozialdemokratischen Tradition


Was das konkret heißt, offenbart Merkels Holzschnitt der neuen jungen „Linken“, der sich anhand eines Abschiedes von „Großorganisationen“ wie Gewerkschaften und Parteien auszeichnet. Fast folgerichtig geht diese Entwicklung einher mit der Aufgabe des Ziels einer gerechten Verteilungspolitik des gesellschaftlichen Wohlstandes. Die Verlagerung von einer Makro- auf die Mikroperspektive kommt durch die nun „unbedingte“ Priorisierung der „Gleichstellung von Minderheiten“ zum Ausdruck.
Dieser Prozess paart sich mit einer kosmopolitischen Orientierung auf Kosten von Gerechtigkeitsfragen im nationalen Kontext wie „sozial- oder lohnpolitischen Auseinandersetzungen“, die auch popularisiert im Slogan „no borders, no nations“ zum Ausdruck kommt. Der Nationalstaat, einst Garant von demokratischen und sozialen Rechten, wird von denen, die das neue „Links sein“ prägen, als „überholt und gestrig“ betrachtet.
„Auch dies ist ein Bruch mit einer klassisch linken, sozialdemokratischen Tradition, in der Solidarität und Gemeinschaft etwas ganz Konkretes, Nachbarschaftliches war und Wirtschaftspolitik als Nationalökonomie verstanden wurde.“ (Merkel)
Die Diagnose deckt sich mit der Beobachtung, dass sich für Themen der sozialen Gerechtigkeit im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern nur noch geschwächte Gewerkschaften mobilisieren lassen. Das ist umso bemerkenswerter, als dass genau jene junge Generation, die sich von diesen entscheidenden Themen abwendet, am meisten davon betroffen ist: Befristet Beschäftigte sind in der Regel jünger und überdurchschnittlich häufig junge Akademiker. Laut Statistischen Bundesamt waren 2014 knapp über 17 Prozent der abhängig Beschäftigten zwischen 25 und 34 Jahren mit einem befristeten Arbeitsvertrag ausgestattet.
Streng genommen hat der Transformationsprozess innerhalb der Linken, den Merkel skizziert, nur noch wenig mit „Links“ zu tun. Er ist schlicht Ausdruck eines (neo)liberalen Mainstreams, garniert mit einer Prise grünen Lifestyles. Er ist das Ergebnis einer neoliberalen Durchdringung kultureller, individueller und gesellschaftlicher Lebenswelten und Realitäten, die auch die „Linke“ seit einem knappen halben Jahrhundert erfasst hat. Heraus gekommen ist eine Generation, der nicht nur das Bewusstsein für diesen Prozess fehlt, sondern auch dafür, dass sie selbst, ganz im Sinne „Mirowskis“, neoliberal ist und denkt.
„Das ideale neoliberale Selbst braucht gar nicht zu wissen, dass es neoliberal ist.“ (Mirowski, Untote leben länger: 112)
Diese junge „Linke“ hat den Blick für das große Ganze verloren, das, was die intellektuelle Linke seit Marx und später Keynes immer ausgezeichnet hatte: eine profunde Kritik der politischen Ökonomie und der Blick für gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge samt ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.
Doch Marx‘ Revolution des Proletariats blieb aus. Was kam, war eine Konterrevolution, die auch die keynesianischen Ökonomen weitestgehend isolierte. Selbst von den „Linken“ werden sie im Großen und Ganzen mit Skepsis betrachtet. Zu Wachstumsfreundlich. Die heterodoxe Wirtschaftswissenschaft kann sich gegen die Dominanz der Neoklassik nicht behaupten. Was daher den „Neuen Linken Bewegungen“ mehr denn je fehlt, ist ein wirtschaftstheoretischer Unterbau, der dem Neoliberalismus ein alternatives und progressives Konzept entgegenhält.

 

Prekär, aber selbstbestimmt


Obwohl die Jungen, Intellektuellen und Gebildeten, aus dem sich das Milieu dieser neuen „Linken“ vornehmlich rekrutiert, selbst zunehmend unter prekären Lebensbedingungen zu leiden hat, sich von Praktika zu Praktika hangelt, die Aussicht auf eine Festanstellung dennoch oft in weiter Ferne, hat sie „den Bezug zu der Unterklasse im eigenen Land fast gänzlich verloren.“ Vielmehr besteht die Tendenz, sich von dieser zunehmend mit Unbehagen betrachteten Unterschicht abzugrenzen. Die eigenen Lebensunsicherheiten interpretiert man dagegen als Ausdruck eines leistungsorientierten, flexiblen, freien, weltoffenen und selbstbestimmten beruflichen Selbstoptimierungsprozesses.
Während die Unterschicht in den Augen dieser „Linken“ einen bedrohlichen Hang zum Chauvinismus und Rechtspopulismus hat und, fast schlimmer noch, keinen Wert auf Veganismus und ethischen Konsum legt, zeichnet sich der neue linke Lifestyle auch hier mit einem Auge fürs Detail aus: Bioprodukte, gesunde Ernährung und Fair Trade sind die Maßstäbe für den eigenen ethischen Kontostand, der eine grundlegende Kritik liberalisierter Märkte obsolet werden lässt. Statt dem kommunistischen Manifest wird heute das konsumistische Manifest gepredigt. Das ist die linke Version der Marktgläubigkeit.
„Diese Denkweise ist der traurige Rest, der übrigbleibt, wenn die Möglichkeit des kollektiven politischen Handelns aus dem Blick gerät; es bleibt nur das atomisierte Individuum, dass durch unzählige moralische Mikroentscheidungen an seinem ethischen Kontostand arbeitet.“ (Johannes Simon)
Die Individualisierung und die Fokussierung auf den eigenen kulturellen Lifestyle sind nicht irgendeinem Zufall geschuldet, sondern Ergebnis eines gesellschaftlichen Partikularisierungsprozesses. Sie ist Folge der Verlustwerdung eines solidarischen, gemeinschaftlichen Bewusstseins, der durch die Zentrifugalkräfte des freien Marktes seit Jahrzehnten vorangetrieben wird. Doch mit dem Bruch mit der sozialdemokratischen Tradition zementiert diese „Linke“ die sich verfestigten Klassenstrukturen nur noch weiter.
Dabei resultiert die Empfänglichkeit für neoliberale Ideologeme und Deutungsmuster nicht nur aus einem intellektuellen Versagen. Sie hat auch strukturelle Ursachen, wie etwa die Auflösung der traditionellen Arbeiterbewegung, die vielerorts mit einem voranschreitenden Deindustrialisierungsprozess zusammenhängt. Die globale Wirtschaft befindet sich in einem tiefgreifenden technologischen und arbeitsorganisatorischen Veränderungsprozess, dessen soziale und gesellschaftliche Umwälzungen mit denen der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts vergleichbar sind.

 

Keine Antworten


Doch das macht die Sache nicht besser. So oder so hat die Linke keine Antworten auf diese Umwälzungen. Vielleicht hat Hayeks „Entthronung der Politik“ auch der Linken den Glauben an eine politische Gestaltung der Welt geraubt. Doch eine postdemokratische „Agenda“, die sich nur auf einen politisch korrekten Lifestyle und moralische Mikroentscheidungen beschränkt, wird erst recht keine Antworten finden. Das ist umso tragischer, da in einer Welt der Hyperglobalisierung, in der die Ungleichheit wieder extreme Ausmaße annimmt und demokratische sowie soziale Rechte erschreckend offen zur Disposition gestellt werden, eine neue progressive Konzeption des Ökonomischen und Sozialen geradezu dringlich wäre.
Eine Dialektik der Hyperglobalisierung aber bleibt ausgerechnet von Seiten der jungen „Linken“ nicht nur aus, sondern man scheint diesem Phänomen bisweilen auch positiv zu begegnen. Das ist erhellend, bietet dieser Umstand doch eine weitere wunderbare Erklärung für den intellektuellen und parteipolitischen Niedergang der „Linken“. Es ist dann auch nicht verwunderlich, das ‒ wie im Interview angerissen – die Entfremdung dieser „Linken“ von der „Unterschicht“ und den Modernisierungs- sowie Globalisierungsverlierern zwangsläufig beidseitiger Natur ist.
Wer die entscheidenden Fragen nicht stellt und damit auch keine adäquaten Antworten zu formulieren weiß, muss sich nicht wundern, wenn die „einfachen Leute“ diese andernorts suchen.
„Schließlich konnte sich der Hilfsarbeiter vermutlich noch nie sonderlich für geschlechtergerechte Sprache begeistern, und der Nationalstaat erscheint doch gerade in Zeiten beschleunigter Modernisierung als letztes Ordnungsprinzip in einer zunehmend unübersichtlichen Welt.“ (Merkel)
Stattdessen wird den Ängsten jener prekär Beschäftigten, Arbeitslosen, kleinen Angestellten oder unteren Mittelschicht, die sich täglich um ihr Auskommen sorgen, von einer kosmopolitischen Linken mit einer Konzeption eines noch intensiveren marktorientierten Integrationsprozesses der EU, offenen Grenzen und der Absage an das staatliche, regulatorische Gewaltmonopol begegnet. Wer die Flüchtlingsströme, die letztlich das Äquivalent freier Kapitalströme bilden, als Bedrohung der eigenen Lebenswelt wahrnimmt, wird in der linksliberalen Öffentlichkeit schnell als Nazi stigmatisiert.

 

Aufstieg des Rechtspopulismus


Wenn gleichzeitig jene sozialstaatliche Programmatik, die von den Sozialisten in Frankreich ähnlich wie zuvor von der SPD verraten wurde, vom Front National aufgegriffen wird, dann ist es kein Wunder, dass den Rechtspopulisten nun die Wähler, die einstmals die Sozialisten gewählt hatten, in die Arme laufen. Oder wenn in Deutschland ein Milieu, das wie in Mannheim-Schönau immer sozialdemokratisch gewählt hatte und das noch einen nationalen, sozialstaatlich geprägten Bezugsrahmen hat, der AfD zu einem Wahlsieg verhilft.
Es gibt nicht wenige, die sich zu Recht als kulturelle und soziale Verlierer fühlen müssen. Es ist kaum auszudenken, was passieren würde, wenn die AfD ein wirtschaftspolitisches Programm wie das der Front National in Deutschland vorlegen würde.
Letzterer hat jenseits aller fremdenfeindlichen Rhetorik einen wirtschaftspolitischen Maßnahmenkatalog auf den Tisch geknallt, der, einmal abgesehen von einem geforderten Euro-Ausstieg, an die besten Zeiten der europäischen Sozialdemokratie erinnert: Nicht nur will der FN die politische Kontrolle über die Notenpresse zurückerlangen, was in der herrschenden ökonomischen Lehre genauso ein Affront ist, wie das Ziel der monetären Staatsfinanzierung ein Tabuthema. Flankiert werden soll das Ganze zudem von einer keynesianischen Konjunkturpolitik. Der Austerität wird eine Absage erteilt. Doch das ist an ehemals linken Konzepten noch längst nicht alles: Das Monopol der Finanzmärkte und Banken soll zerschlagen, Geschäftsbanken teilverstaatlicht und wieder Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden.
Damit ist der FN wirtschaftspolitisch progressiver als jede der auf den „Dritten Weg“ abgekommen ehemaligen sozialdemokratischen Altparteien Europas und inhaltlich konkreter und mutiger als jede der neuen Linksparteien von der deutschen Die Linke über Syriza bis Podemos.

 

Wasserträger einer neoliberalen Leitkultur


Es ist der eingangs erwähnte Offenbarungseid, dass während eine rechtspopulistische Partei mit einem stringenten linken Wirtschaftsprogramm aufwartet, die „Linke“ eine durch Medien und unzählige Werbespots transportierte neoliberale Leitkultur weitestgehend mitträgt, die die Ablehnung der von vielen Menschen gewünschten „bekannten Strukturen und klar geordneten Lebenswelten“ mehr als nur subtil suggeriert. Den „subjektiv wie objektiv abgedrängten Gruppen“ kann so die Linke, „tief im kulturellen Kosmos der Mittelschichten verankert“, wie es Merkel sagt, bisher wenig anbieten.
„Dieser Verlust der Kommunikation zwischen den Klassen (…) ist massiv und ein Problem für die soziale Gerechtigkeit.“ (Merkel)
Die Generation der „Neuen Linken“ samt ihrer „Privatisierung“ der Gerechtigkeitsfrage, ihrer wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber sozialer Desintegration, ihrer Ablehnung von Grenzen und ihrem Misstrauen gegenüber dem Staat als politischen Bezugsrahmen ist nicht nur kompatibel mit dem kosmopolitischen, transnationalen Neoliberalismus. Sie ist ein Teil von ihm.

Sebastian Müller ist Gründer und Herausgeber des Blogs Le Bohémien. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Germanistik an der TU Darmstadt und arbeitet als freier Journalist und Autor. Dieser Beitrag erschien zuerst auf Makroskop.