Donnerstag, 11. Februar 2016

Zauber- und Netzwerk-Berge: Begabtenförderwerke als Netzwerk-Organisationen

Mit dem Ende des Jahres 2015 endete zugleich auch meine Zeit als Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF). Allein dies wäre Grund genug für eine kleine soziologische Analyse dieser Organisation, an der ich über 2 ½ Jahre teilhaben durfte. Abgesehen davon jedoch bietet genau diese Analyse aber auch einige interessante neue Erkenntnisse darüber, wie manche soziale Systeme Typologien vermischen können, die in der soziologischen Theorie eigentlich recht klar getrennt werden: Organisationen und Netzwerke. Der folgende Text ist der FNF und meinen Co-Stipendiaten gewidmet.

Alles ist irgendwie interdependent: Netzwerkforschung ist in der Soziologie in den letzten Jahren groß in Mode gekommen. Nicht erst mit dem Aufkommen der „Social Networks“ im Internet wie Facebook und Co ist bei vielen Soziologen die Faszination für die Erforschung des Vernetzten geweckt worden. In Zeiten der Weltgesellschaft, in der grundsätzlich jeder jeden auf dem Globus erreichen kann, gewinnt Wissen über Vernetzung eine besondere Attraktivität, nicht nur im wissenschaftlichen Kontext. Es ist buchstäblich ein neuer Markt entstanden, der sich darum dreht, Menschen, Gruppen und Organisationen – insbesondere in Wirtschaft und Politik – dahingehend zu beraten, wie sie am besten „netzwerken“ können. Nicht immer qualitativ hochwertig und nicht selten mit verheerenden Folgen: So ist etwa bei aufdringlich-hyperaktivem Visitenkarten-Verteilen in manchen politischen Jugendorganisationen nicht zwingend damit zu rechnen, dass hieraus wirklich ein stabiles Netzwerk erwachsen wird, sondern eher, dass der Betreffende als peinlicher Wannabe rezipiert wird. Doch zurück zur Wissenschaft.

Gute Erklärungsansätze zum sozialen Phänomen des Netzwerks finden sich u. a. in einem Aufsatz der Bielefelder Organisationssoziologin Veronika Tacke (2011), die damit zugleich auch eine schon länger bestehende Baustelle der soziologischen Systemtheorie angeht. Diese ist, zugegeben, keine Theorie, der man automatisch eine Offenheit gegenüber diesem Thema attestieren würde: Als Differenzierungstheorie schaut sie naturgemäß zunächst einmal auf trennendes und nicht auf verbindendes – was jedoch nicht bedeutet, dass sie letzteres nicht beobachten könnte, wie auch der Theorie-Begriff der „strukturellen Kopplung“ schon seit langem verdeutlicht. Doch es besteht noch ein anderes Problem: Netzwerke passen in kein bestehendes System-Schema. Weder sind sie Gesellschaft oder ein gesellschaftliches Funktionssystem, noch bestehen sie zwingend aus Interaktion oder sind gleichbedeutend mit Organisationen. Wie also mit ihnen umgehen?

Netzwerke haben aus Sicht Tackes (vgl. ebd.) zwei Dimensionen: Sie können dargestellt werden, ohne dass sie wirklich bestehen – gerade auch in der Politik, wie etwa im Falle von Arbeitskreisen und Runden Tischen (vgl. ebd.: 12), die eigentlich Organisationen oder klare Teile dieser sind. Und sie können hergestellt werden – dann „gibt es sie tatsächlich“, wenn auch nicht zwingend lange. In diesem Fall verbinden sie Personen oder Organisationen in loser Form miteinander. Nicht in hierarchischer Form, wie es häufig in Organisationen vorzufinden ist: Hierarchien würden die angenehme und gerade dadurch nützliche Unverbindlichkeit stören. Gleiches gilt für ihre Kommunikationsform, die im informellen Duktus gehalten ist („Sag mal, du kennst doch da wen…“-Gesprächsintros; wohlgemerkt an der Bar – nicht am Konferenztisch!). Wäre es anders – es wäre kein Netzwerk mehr und die profitable Fundierung ihrer (Nicht-)Struktur wäre dahin. Netzwerke leben davon, dass sie keine sozialen Systeme, dass sie nicht autopoietisch, dass sie nicht operativ geschlossen sind, sondern dass sie diejenigen verbinden, die es sind. Sie überwinden die unangenehmen Aspekte der sozialen Differenzierung.

Organisationen dagegen basieren auf Verbindlichkeit – sogar so sehr, dass sie, über entscheidungsbasierte, verbindliche und nicht selten schriftliche Kommunikation, die einzigen sozialen Systeme darstellen, die imstande sind, miteinander zu kommunizieren (weswegen sie sich ja überhaupt erst als Organisation konstituiert haben). Organisationen basieren, im Gegensatz zu Netzwerken, aber auch allen anderen sozialen System-Typen (Gesellschaft, Gruppe, Interaktion) auf dem Prinzip der Mitgliedschaft. Ohne formale Mitgliedschaft geht nichts – eine Voraussetzung, die in ihrer Verbindlichkeit für Netzwerke ebenso hinderlich wäre wie die Kommunikation über Entscheidungen. Netzwerke entscheiden nicht. Ihre Attraktivität liegt in dem Offenlassen, in der Kontingenz, in der Informalität. Und doch lässt sich ein soziales System finden, welches beide Phänomene auf spannende Weise zu kombinieren scheint.

Recht subtil und ohne diese doch so zentrale Funktion allzu direkt herauszustellen, nehmen die Begabtenförderungen u. a. und vor allem der parteinahen, politischen Stiftungen über die Vergabe von Studien- und Promotionsstipendien diese Rolle ein. Die der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) – inklusive des „Verbandes der Stipendiaten und Altstipendiaten“ (VSA), welcher gewährleistet, dass das Netzwerk nach Ende der Förderungszeit nicht einfach abreißt, sondern weitergeht oder sich gar intensiviert – ist eine von ihnen. Neben der (nicht unbeträchtlichen) finanziellen Förderung steht vor allem die ideelle Förderung im Mittelpunkt, wie sie nicht zu Unrecht betont. Und dabei geht es neben der Verbreitung ihrer freiheitlichen politischen Werte und Inhalte eben auch um Netzwerkherstellung. Die eng zusammenhängenden Organisationssysteme FNF und VSA betreiben also – nicht nur, aber gerade auch über genau diesen Zusammenhang – ganz gezielte, ja eben organisierte Netzwerkherstellung und werden genau dadurch zu eigenen Netzwerken hoch professioneller Art, die sich dabei jedoch in einem ständigen Balanceakt zwischen diesen beiden Polen befinden, der nicht immer leicht zu managen ist.

Ein Schlüsselort für dieses ehrgeizige Vorhaben ist – neben dem Sitz der FNF in Potsdam, in dessen Nähe die mehrtägigen Einführungsveranstaltungen für die jeweils neuen Stipendiaten stattfinden – die Theodor-Heuss-Akademie (THA) im nordrhein-westfälischen Gummersbach. Gelegen auf einem idyllischen Berg am Waldrand, trägt die Lokalität unter den Stipendiaten den Namen „Zauberberg“. Kern dieser „magischen Zurechnung“ ist die Tatsache, dass er für die dort regulär im Rahmen von Arbeitskreisen, Seminaren, Konvents und anderen Treffen oft mehrmals im Jahr zusammenkommenden Stipendiaten und Altstipendiaten stets einen besonderen Zauber in sich birgt, der in einem originären Zusammenhang steht mit der Besonderheit der Zusammenkünfte. Lediglich alle paar Monate, aber dafür an einem schönen, sowohl lebhaften, als aber auch besinnlichen Ort (wo und wann hat man diese Mischung sonst schon?), kommen dort freiheitlich-freidenkerisch gesinnte Menschen aus allen Teilen der Bundesrepublik (und manchmal auch darüber hinaus) zusammen, um gemeinsam etwas zu bewegen oder etwas zu lernen. Und um – ohne sich dessen immer bewusst zu sein – ihre Bindung zu festigen, ihr Netzwerk herzustellen und zu stabilisieren. Dies kann über Freundschaften geschehen, muss es aber nicht zwingend. Selbst denjenigen, denen man keine Sympathie entgegenbringt, bringt man dennoch eine Art Grund-Solidarität entgegen – ein Phänomen, das höchstens in kameradschaftsbasierten, gefahrengemeinschaftlichen Organisationen wie Militär und Polizei noch intensiver ausgeprägt ist.

Ein wesentliches Element, welches die Netzwerk-Generierung hierbei begünstigt, welches gewissermaßen die Magie, den Zauber des Berges ausmacht, ist die Unterbrechung der Routine, die er für jeden, der ihn besucht, bedeutet. Man trifft eben nicht nur besondere Menschen an einem besonderen Ort, sondern man trifft sie abseits von allem, was für einen ansonsten lähmende Routine und Alltag ist. Der Arbeitsplatz ist weit entfernt, ebenso in der Regel die Arbeitskollegen. Gleiches gilt für die eigene Wohnung. Der THA-Aufenthalt wird zu einer Art „hochproduktivem Urlaub“, obgleich die Tage dort zumeist aus harter Arbeit bestehen (Seminarbeginn um 9.00 Uhr morgens, Ende nicht selten erst spät am Abend, kurze Nächte wegen langer Aufenthalte in der Heuss-Bar). Ein Kloster-Aufenthalt, eine Art „Retraite“, aber mit Lebhaftigkeit, Aktivität und Freundschaft. Die daraus generierte gemeinsame Erinnerung wird zum gründenden Fundament nicht nur der Freundschaften, die hier geknüpft werden, sondern auch des Netzwerks, welches sich über die mit der Förderung zusammenhängenden beruflichen Parallelen herausbildet. Die Kraft, die Stabilität, ja die Innigkeit des Netzwerks speist sich direkt aus dem Zauber dieser gemeinsamen Zeit und bezieht sich kollektiv-psychisch und mindestens unterbewusst immer wieder auf die Erinnerung an diese. Das „Netzwerk mit Nutzwert“ (VSA-Slogan) funktioniert im Kern über die positive emotionale Assoziation, die diese Erinnerung hervorruft (und hätte daher diesen überaus pragmatisierenden Slogan eigentlich gar nicht nötig, denn der „Nutzwert“ ist hier nur ein attraktives Element neben anderen).

Nimmt man all die genannten Punkte zusammen, so bietet sich einem – zumindest mit dem VSA, in dem man Mitglied werden kann – das Bild einer klar als solchen zu identifizierenden Organisation, welche das Ziel der Netzwerkherstellung einerseits verfolgt, dadurch aber zugleich auch selbst zum Netzwerk wird. Und dies, ohne bei dem dabei (rein soziologisch gesehen) erforderlichen Balance-Akt zu scheitern. Man bleibt sowohl Organisation als auch Netzwerk zugleich. Fraglich allerdings ist, ob das Netzwerk zusammenbrechen würde, wenn es den VSA nicht gäbe: Dazu ist die „Zauberberg“-Methode der FNF letztlich zu effektiv. Ohne Zweifel aber betreibt er als „ergänzende“ Netzwerk-Organisation eine Art Optimierung des schon bestehenden; es wird sozusagen von Natur aus unverbindliches verbindlich organisiert, jedoch ohne dabei zu verbindlich zu wirken oder gar zu werden. Paradox! Und zugleich eine aus soziologischer Sicht beträchtliche Leistung, deren spannende Mechanismen es eigentlich verdienten, mit dem angemessenen Theorie-Instrumentarium – der kundige Leser weiß schon, welches ich meine – näher untersucht und erforscht zu werden. Vielleicht ja sogar FNF-gefördert?


Literatur: 

Tacke, Veronika (2011). Systeme und Netzwerke – oder: Was man an sozialen Netzwerken zu sehen bekommt, wenn man sie systemtheoretisch beschreibt. In: Systemische Soziale Arbeit. Journal der dgssa. Heft 2+3, 2. Jahrgang. S. 6 bis 24.