Mittwoch, 8. Juli 2015

Psychologische Systemtheorie VIII: Funktion und Probleme von Flirt-Kommunikation

Wenn im Alltag vom „Flirten“ die Rede ist, so schwingen dabei für gewöhnlich recht unterschiedliche Assoziationen mit: Verstehen die einen darunter eine relativ direkte Anbahnung von Intimkontakten, so kann für andere schon ein lockerer, charmanter Wortwechsel mit einem / einer Vertreter/in des präferierten Geschlechts, der beim Bäcker stattfindet, darunter fallen, nach welchem man wieder auseinandergeht und während dem man nie anderes vor hatte, als sich während des Brötchenkaufs mal schnell ganz nett zu unterhalten.

Was jedoch beide Auslegungen gemeinsam haben, ist, dass Flirts nicht mit Vertretern eines Geschlechts geführt werden, welches grundsätzlich nicht für weitere intim- oder gar liebesbasierte Kontakte in Frage kommt. Selbst wenn diese also während des Flirts nicht direkt intendiert werden, so schwingt ihre grundsätzliche Möglichkeit, ihr Potenzial immer gleichsam mit. Das „theoretisch könnten wir ja…“ ist dabei Dauerbegleiter. Wo dies nicht der Fall ist, liegt kein Flirt vor, und wo dies nur von einer Seite ausgeht, nur ein Flirtversuch, der scheitern muss. Danach kann das Gespräch dann auf andere Weise fortgesetzt oder – nicht selten peinlich berührt – beendet werden. Ersteres vollzieht sich auch gerne einmal unbemerkt (etwa über Orts- oder „versachlichende“ Themenwechsel, oder auch das Dazukommen anderer Personen), letzteres eher nicht. Im letzteren Falle muss dann mitunter zu Ersatzfloskeln gegriffen werden („Oh, es muss schon zwanzig nach sein…“) oder es wird eilig eine sehr gute Freundin herangewinkt, die einen aus dem kommunikativen Elend erlöst.

Aber eins nach dem anderen. Festzuhalten ist zunächst einmal, dass die Funktion von Flirtkommunikation in der Schaffung von Kontingenz in der Interaktion liegt. Einfacher ausgedrückt: Solange geflirtet wird, ist noch alles offen. Ab dem Moment, ab dem man in die konkret erotische Kommunikation übergeht, oder ab dem Moment, ab dem die Liebeskommunikation offensichtlich wird, also Emotionen verbalisiert und offen ausgesprochen werden, ab dem Moment endet die Flirt-Phase der Kommunikation.

Flirt hat dabei die Funktion, einem allzu schnellen Verbindlich-Werden in diesen weiterführenden Fragen entgehen, sie aber interaktiv vorbereiten zu können. Er bietet die Möglichkeit, sich nicht allzu schnell festlegen zu müssen, ob man sich etwa den One Night Stand nun wirklich antun will, weil man ja nicht weiß, ob der oder die andere einen wirklich so reizt, wie es der Alkohol an der Bar gerade glauben macht, oder ob man sich auf ein Wiedersehen mit einer liebesbasierten Vertiefung der Kommunikation einlassen will („Date“). Oder auch: Ob man die eine oder die andere Variante vorzieht. Wer flirtet, muss all das noch nicht klären, sondern kann hier erst einmal vorfühlen.

Gleichzeitig ist es natürlich auch möglich, sich alleine an der Möglichkeit des „Es könnte ja mehr werden“ zu ergötzen, trotz des Wissens, dass dies nicht eintreten wird. Man denke an die oben beschriebene Situation beim Bäcker: Der verheiratete 55jährige Verwaltungsbeamte Hubert, der sich beim Brötchenkauf einen anspielungs- und blickreichen, humorigen und zwinkernden Plausch mit der hübschen 20jährigen Bäckereifachverkäuferin Isabel gönnt und danach treu mit den Brötchen zu seiner gleichaltrigen Bertha zurückkehrt – auch er flirtet, nur eben mit einer geringen Wahrscheinlichkeit einer Realisierung der Intensivierungsoption. Dies weiß Hubert, dies weiß auch Isabel (ja sogar Bertha weiß es, sonst hielte sie bei Huberts Rückkehr schon den Kochlöffel in der geballten Faust). Aber gleich einer Träumerei à la „Was würde ich machen, wenn ich Millionär wäre?“ oder einem Schaufensterbummel vor einem Juwelier mit ohnehin unbezahlbaren Schmuckstücken kann allein die Vorstellung reizvoll und ja auch mal recht schmeichelhaft und ego-stärkend sein. Eine Funktion des Flirts ist somit auch die, die in Intim- und Liebesbeziehungen noch stark intensiviert wird: Die der Bestätigung der eigenen, sozialen Selbstdarstellung, was das Selbstwertgefühl und damit die Zufriedenheit erhöht.

Und dies nicht nur bei Hubert, sondern auch bei Isabel: Auch sie kann sich dadurch ihres Reizes rückversichern und erfährt nebenbei etwas nette Ablenkung in ihrem vielleicht nicht grundsätzlich immer allzu abenteuerlichen Beruf. Auch für das Geschäft ist es gut und die Kunden kommen wieder. Flirt kann also auch eine Funktion einnehmen für übergeordnete soziale Systeme: Wirtschafts- oder politische Organisationen etwa, die dadurch Anhänger gewinnen wollen, operieren nicht selten mit dem Irritationsinstrument der Flirt-Interaktion, welche durch junge, gutaussehende Damen zuweilen wahrscheinlicher gemacht wird. Schwierig wird es dann mitunter, wenn dann der Code des übergeordneten sozialen Systems ins Spiel kommt und sich hinter der Flyer verteilenden Schönheit das verhasste Parteilogo oder das unternehmerische Profitinteresse offenbart. Ob das Interaktionssystem Flirt hier dann immer noch seinen organisational vorgesehenen Job tun kann, ist dann auch maßgeblich von biochemisch-hormonellen Prozessen in den Körpern der angesprochenen Personen abhängig.

Abseits dieser Positivbeispiele sind logischerweise auch Situationen denkbar, in denen Flirtversuche vom Typ „Nette Illusion beim Bäcker“ scheitern, weil genau dieses von einer Seite nicht erkannt oder als aufdringlich empfunden wird. Die herzliche Vorstellung von Hubert und Isabel in der Bäckerei oder die amüsante Vorstellung eines baggernden Horst Schlämmer weicht in diesem Falle dann Stories wie der von Rainer Brüderle und seiner Tanzkarte für die Stern-Journalistin Laura Himmelreich, die dessen Dirndl-Komplimente nicht allzu charmant fand. So kann scheiternde Flirt-Kommunikation auch schon mal netzweite #Aufschreie und damit massive Irritationen ganzer gesellschaftlicher Funktionssysteme wie Politik und Massenmedien nach sich ziehen. Ob dies dann allerdings schon unter „Sexismus“ fällt, mag vom / von der mündigen Bürger/in durchaus in Zweifel gezogen werden.

Eine besondere Schwierigkeit des Flirts außerhalb der recht klaren „Bäcker-Situationen“ liegt nicht selten in dem, was in Niklas Luhmanns Mikrosoziologie unter Rückgriff auf Talcott Parsons als „doppelte Kontingenz“ bezeichnet wird: Die Tatsache, dass sich beide Seiten währenddessen über die Motive des anderen und dessen nächste Schritte im Unklaren sind, was natürlich durch die ohnehin schon vorhandene, dem Flirt als solchen ja innewohnende Kontingenz-Situation noch verstärkt wird.

Diese bringt es mit sich – den Typus des „Bäcker-Flirts“, der auf einer zweifach geteilten und willkommen geheißenen, aber von beiden auch als solchen erkannten Illusion basiert, wie gesagt ausgenommen – dass eben beide Seiten sich völlig unklar darüber sind, wie es denn nun weitergeht. Das, was den Flirt für die Phase der Unsicherheit so nützlich und funktionell macht, macht ihn ab dem Moment, ab dem die Unsicherheit bei mindestens einem der beiden einer Entscheidung gewichen ist (Affäre? Date? Verliebtheit?) zu einer Qual, weil man ja nicht weiß, ob es dem anderen genauso geht (die Beendigung des Flirts ohne die Intention einer Kontaktintensivierung ist hiergegen noch verhältnismäßig einfach, wenn auch mitunter peinlich; s. o.). Der andere wiederum befindet sich womöglich sogar in der gleichen Situation.

Beide jedoch können ihr Dilemma nicht aussprechen, da genau das ja die Flirtkommunikation beenden würde, da es das Streben nach Verbindlichkeit aufzeigen würde: Dieses kann erfolgreich sein; es kann den anderen jedoch auch frühzeitig abschrecken und damit die eigene Zielsetzung vorzeitig sabotieren. Zur Auflösung des beiderseitigen Dilemmas gibt es dann einerseits die Zeitdimension: Flirts sind zeitlich begrenzt. Dass man z. B. über 50 Jahre hinweg ohne weitere Folgen, welcher Art auch immer, nur miteinander flirtet, ohne dass es endet oder eben ohne dass mehr passiert als das, ist eher unwahrscheinlich.

Andererseits gibt es Kommunikationsmedien abseits der Sprache, die einem mitunter das gegenseitige Verstehen erleichtern und auch die Frage beantworten, wieso man den ganzen Aufwand andauernd wieder auf sich nimmt. Hier geht es dann um Elemente wie Blicke, Mimik, Gestik und andere Kommunikationsformen (im Internet: Smilies / Icons), die, jedenfalls bei genügend zwischenmenschlicher Kompetenz (= Beobachtungsfähigkeit zweiter Ordnung = Beobachten, wie der andere beobachtet), dafür sorgen, dass man eher versteht, ob der andere sich auf den ganzen Plan einlassen würde.

Hiervon ausgenommen sind natürlich Mechanismen, die im Rahmen von Flirt-Aufarbeitung im Nachhinein dann gerne als „mit jemandem spielen“ tituliert werden: Wenn etwa einer der beiden Partner über die o. g. Formen zustimmende Signale abgibt, ohne sie selbst so zu meinen, und dann, bei dem daraus folgenden Ende der Flirt-Kommunikation mit dem daran anschließenden Versuch des Verbindlich-Machens, den anderen auflaufen lässt. In derlei Fällen wurde gewissermaßen die Kontingenz-Funktion der Flirtkommunikation bis ins Letzte ausgereizt, um sich der Qualität der eigenen sozialen und ggf. ästhetischen Selbstdarstellung zu versichern. 

So ist es eben mit dem Flirten ganz genauso wie mit vielen anderen Kommunikationsmodi: Kontingenz bedeutet höhere Freiheitsgrade. Doch wo mehr Freiheit ist, ist auch mehr Risiko. Ob und wie lange man sich all das immer wieder antun will, mag jeder selbst entscheiden. Einer Sache sollte der oder die Flirtende jedoch beachten: Machen Sie sich das hier Geschilderte nicht allzu deutlich bewusst – und wenn Sie flirten, vergessen Sie all das am besten wieder. Es ist möglich, Interaktionen im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode zu analysieren – was dann dementsprechend auch tödlich ist gerade für einen Flirt, in dem Spontaneität, Emotion und Irrationalität gefragter sind als Intellekt und Analyse. Schalten Sie letzteres rechtzeitig ab. Und hören Sie am besten auf, solche Texte wie diesen zu lesen.