Montag, 22. Juni 2015

Ursachen von Extremismus - Ein Plädoyer gegen politische Simplifizierungen

Wenn es um die Frage nach den Ursachen von Extremismus und Terrorismus geht, bietet sich allzu häufig eine breite Spielwiese für Leute, die mittels scheinwissenschaftlicher Erklärungen ihre politische Meinung zu artikulieren versuchen und sich dadurch seriöser geben, als sie es eigentlich sind. Alles, was einem politisch gerade nicht genehm ist, kann dann als Ursache von Extremismus herangezogen werden: Für Libertäre ist es der „Staat“, für Islamisten „der Westen“, für NeoCons „der Islam“ und für Linke „die Armut“. Das, was man selber sozial als Risiko konstruiert, wird der ausschlaggebende Faktor, dem fast jede Schieflage der Welt (Extremismus und Terrorismus bilden in dieser Weltsicht dann zumeist nur einen Ausschnitt der Schieflage) entspringt. Die politische Weltanschauung wird zur theoretischen Rahmung der Sicht auf alles, was beobachtbar ist.

Letztlich dient dieses Herstellen trivialer und trivialisierender, unterkomplexer und einseitiger Kausalketten einem ur-menschlichen Bedürfnis: Dem nach Komplexitätsreduktion. Wir können die Weltgesellschaft und das, was in ihr geschieht, niemals in ihrer gesamten Komplexität wahrnehmen, da uns dies, sowohl als psychische als auch als soziale Systeme, heillos überfrachten würde. Dieser Informationsüberflutung müssen wir Herr werden, indem wir nur bestimmte Ausschnitte beobachten und erklären. Die Verneinung sozialer Komplexität und die Rückführung sozialer Ereignisse und Zustände auf einfache Ursachen und Kausalitäten liefert uns Verständnis und dadurch Sicherheit. Vor dem, was wir verstehen, haben wir keine Angst. Komplexität und Ungewissheit verunsichern uns, weil sie fremd sind. Diese simple sozialpsychologische Erkenntnis erklärt bereits, warum es in Laiendiskussionen über das Thema mehr oder weniger üblich und auch kaum vermeidbar ist, allzu simplifizierende Gesetzmäßigkeiten darüber aufzustellen, „woher das alles kommt“.

Sogar die Politik muss nach diesem Muster operieren, da es ihrer Codierung entspricht: Soziale Entwicklungen müssen in politisch-ideologische oder wenigstens programmatische Rahmen gepresst werden, damit man als Politiker oder politische Organisation recht behalten und dadurch im harten politischen Geschäft bestehen kann. Soweit also nichts Neues. Problematisch wird es jedoch, wenn selbst Wissenschaftlicher diese Simplifizierungen übernehmen – sei es aus dem Bedürfnis nach Komplexitätsreduktion heraus oder aber um zu politisieren. Beides ist schlicht unwissenschaftlich und daher unseriös.

So tendiert beispielsweise auch manch links angehauchter „Friedensforscher“ dazu, selbst noch heute, im Jahre 2015, Botschaften wie „Es geht um Armut, nicht um Religion“ zu verbreiten und damit wider jegliche wissenschaftliche Erkenntnislage gesetzmäßige Ausschlussbotschaften zu artikulieren, die nur dem Drang zu politisieren entsprungen sein können. Anders lässt sich eine so grobe Ignoranz gegenüber dem Forschungsstand kaum erklären.

Achtung: Damit soll an dieser Stelle übrigens genauso wenig erklärt werden, dass das Gegenteil wahr sei, dass es also immer um Religion und nicht um Armut ginge. Dies wäre eine genauso falsche Simplifizierung, nur von der anderen (politischen) Seite. Es geht vielmehr darum zu erkennen, dass es bei der Frage nach den Ursachen von Extremismus und Terrorismus dringend notwendig ist, eine wissenschaftliche Beobachterebene einzunehmen, die sowohl die Makro-, die Meso- und die Mikro-Ebene in ihre Analysen mit einbezieht (vgl. Della Porta 2006) als auch eine interdisziplinäre Perspektive einnimmt, die tunlichst jede Form von wissenschaftlichem „Fachidiotentum“ vermeidet.

Zieht man die reichhaltige soziologische und sozialpsychologische Forschung zu Rate, die sich insbesondere auf den Kontext des linksextremen Terrorismus der 70er und 80er Jahre und des Rechtsextremismus seit den 90er Jahren bezieht, so stößt man auf eine Fülle von Faktoren, die die Entwicklung zur Radikalisierung bis hin zur politischen Gewalt entscheidend geprägt haben. Diese Faktoren finden sich sowohl auf der gesellschaftlichen Ebene als auch auf der Ebene von Organisationen und Gruppen sowie auf der kleinsten Ebene, also der individueller Biografien und Sozialisation.

Auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene nehmen nicht zuletzt auch Entwicklungen, wie sie die sog. Friedensforschung und auch die Politikwissenschaft ausmachen, eine wichtige Rolle ein: Hier gehen Armut und sozioökonomische Missstände mitunter eher Hand in Hand mit kulturellen und / oder religiösen Aspekten, als dass beide sich gegenseitig ausschließen würden, da politisch- bzw. religiös-radikale Ideen, soviel ist ja allgemein bekannt, auf einem Nährboden gesellschaftlicher Perspektivlosigkeit mitunter sehr viel schneller wachsen können als dort, wo allgemeiner Wohlstand herrscht. Dies minimiert aber eben nicht die Rolle der Ideologien, deren Vertreter sich fragen lassen müssen, wie es sein kann, dass sie überhaupt auf diese verhängnisvolle Weise interpretierbar ist.

Dies ist jedoch längst nicht der einzige Aspekt. So hatte man es etwa im Falle der Radikalisierung von Teilen der Studentenbewegung Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre in Europa eben kaum mit breit gesellschaftlichen sozioökonomischen Einflüssen zu tun. Hier spielte auf der Makro-Ebene vor allem die Wahrnehmung einer politischen Doppelmoral (z. B.: Vietnam-Krieg) und eines repressiven Staates (Konfrontationen mit der Polizei, Attentat auf Dutschke, staatliche Reaktionen auf die RAF etc.) mit rein, die auf dieser Ebene die Radikalisierung beschleunigten (vgl. Horn 1982).

Im Falle des modernen deutschen Rechtsextremismus wiederum, der besonders in den neuen Bundesländern ausgeprägt ist, müsste man wiederum wieder mehr sozioökonomische Ursachen in den Blick nehmen. Aber: Auch nicht als einzige! So ist hier nicht zuletzt auch die Frage nach der politischen Sozialisation von Relevanz, die in der DDR von Kollektivismus und nicht von Meinungspluralismus geprägt war, was die Entwicklung einer „Suche nach dem starken Mann“, nach politischen Führerfiguren stark begünstigt.

Dies ist wahrlich keine neue Erkenntnis: Schon sehr früh hat Theodor Adorno seine Theorie von der „autoritären Persönlichkeit“ (vgl. Adorno et al. 1950) entwickelt, welche zwar in Teilen von der modernen Sozialpsychologie kritisch beurteilt wird, die aber dennoch Komponenten enthält, die nach wie plausibel erscheinen und die durch die moderne Forschung unterfüttert wurden. So ist die Sozialisation im Rahmen einer autoritären familiären Erziehung ein Faktor, der auf eine etwaige spätere Entwicklung hin zum Extremismus begünstigend wirken kann, da hier die Suche nach einer strengen Vaterfigur mitunter auf das Politische übertragen wird, etwa um deren Wegfall auszugleichen, um persönliches Unglück und Kontrollverlust zu kompensieren (vgl. Fritsche / Deppe / Decker 2013: 167 ff.) oder um eine Quelle komplexitätsreduzierter Erklärungen zu erhalten, die einem die eigene, aufwändige und vor allem ungewisse Suche nach Erklärungen für gesellschaftliche Missstände erspart.

Teile der psychologischen Forschung wiederum vertiefen diese Mikro-Ebene noch weiter, indem sie psychoanalytische Erklärungsmodelle für die besagten Entwicklungen auf individueller Ebene heranziehen und etwa im Falle von islamistischen Terroristen die These einer gestörten frühkindlichen Sozialisation aufstellen, die – vom Verhältnis zur Mutter projizierend hin zur religiös-gesellschaftspolitischen Sicht auf die Frau als solche – zu einer massiven Frauenfeindlichkeit und zu dem Drang führt, eigene, schon frühkindlich empfundene Machtlosigkeit in Form von massiven Gewalttaten zu kompensieren (vgl. Piven 2003).

Abseits dessen, was hier nun zur Makro- und zur Mikro-Ebene gesagt wurde, gilt es auch, gerade im Zuge einer soziologischen Perspektive, entscheidende Gruppendynamiken im Auge zu behalten, welche besonders im Falle der RAF durch nachträgliche qualitative Interviews gut erforscht sind. Hier lässt sich etwa ausmachen, wie die zunehmende Abschottung von Gruppen nach außen – erst „nur“ politisch, dann vor allem durch den Gang in den Untergrund – zu einer Radikalisierung in ihrem Innern (vgl. Della Porta 2006) und zu einer Stärkung des Freund-Feind-Denkens führte, das alle Extremismen auszeichnet. Zeitgleich steigt die Konformität im Innern, da die Abhängigkeitsverhältnisse zu den Autoritätspersonen massiv zunehmen: Man ist auf die Führer der Gruppe angewiesen, kann ja nirgendwo anders mehr hin. Ist dieser Weg einmal eingeschlagen, ist eine Entwicklung hin zu sich immer weiter verstärkender politischer Gewalt und immer weiter verschwindenden Scheuklappen hierbei wahrscheinlich.

Zugleich müssen sich die extremen Gruppierungen auf einem eigenen „Markt“ profilieren, was Donatella della Porta mit der Metapher der „Unternehmer der Gewalt“ umschrieben hat (vgl. ebd.): Man muss sich immer radikaler geben und sich dadurch profilieren, um aufzufallen und bei all der fundamentalistischen Konkurrenz nicht unterzugehen. In den 70er Jahren war dieses Phänomen der Meso-Ebene insbesondere bei den linksextremen Gruppierungen in Europa zu beobachten, heute besonders bei den islamistischen Organisationen des Nahen Ostens.

Im Falle des europäischen Rechts- und Linksextremismus kann ferner auch eine Politisierung der Milieus der Betroffenen ausgemacht werden. So kommunizierte ein politisch radikaler Aktivist der Studentenbewegung Anfang der 70er Jahre selten nur dann politisch, wenn er etwa an einem Treffen seiner politischen Gruppe teilnahm. Auch im Hörsaal herrschte zu jener Zeit eine mitunter – je nach Fach, besonders aber in den Sozialwissenschaften – durch und durch politische und manchmal politisch aufgeheizte Stimmung. Wenn man dann noch mit zwei politischen Gesinnungsgenossen, die zugleich Kommilitonen sind, in einer WG wohnte, war ein beträchtlicher Anteil des Lebensumfeldes dementsprechend politisiert, was natürlich nicht ohne Einfluss auf den Einzelnen blieb (vgl. Horn 1982). Das oben beschriebene Phänomen der Gruppenabschottung schlägt hier auf ähnliche Weise zu und begünstigt Radikalisierung, da der Austausch mit Andersdenkenden und damit die (Selbst-)Reflexion leidet.

Richtet man nun nochmal den Blick nach Nahost, so treten gesellschaftliche und politische Entwicklungen der Makro-Ebene gerade auch da mit der tiefenpsychologisch beobachteten Mikro-Ebene in Zusammenhang, wo in der Soziologie von „Konfliktsystemen“ (vgl. Japp 2006) oder, in der Alltagssprache, von einer „Spirale der Gewalt“ die Rede ist. Diese schaffen Teufelskreise, indem Betroffene durch selbst erlebte Gewalt radikalisiert werden, die sich nicht nur in einer familiär und (!) politisch autoritären Erziehung manifestiert, sondern eben auch durch ganz konkrete Kriegserfahrungen und daraus resultierende Traumata. Diese begünstigen über vielfältige Teilaspekte – Empfindungen wie Hass oder auch der Drang zur Kompensation von Ohnmachtsgefühlen und Kontrollverlust – ihrerseits wieder die Gewalt von morgen, zumal oftmals auch keine Strukturen psychosozialer Dienstleistungen bestehen, die helfen könnten, diese Gewalterlebnisse und Traumata zu verarbeiten. Sie werden somit gewissermaßen mitgeschleppt und wachsen oft unerkannt heran zu inneren Dämonen, die irgendwann erbarmungslos zuschlagen können.

Im Rahmen dieses kurzen Artikels konnten die zahlreichen Einflussfaktoren bei der Entstehung von Extremismus und Terrorismus nur schlaglichtartig beleuchtet werden. All die genannten spielen je nach Fall, je nach Person, je nach Gruppe, je nach Ideologie, je nach Weltregion in völlig unterschiedlicher Form und Gewichtung in die Entwicklung mit rein – manche mehr hier, manche mehr dort; manche weniger hier, manche weniger dort. Klar ist auch: Jeder Extremist, jeder Terrorist ist ein Produkt eines Zusammenspiels (!) mehrerer der genannten Faktoren und so gut wie niemals nur das Produkt eines einzigen. Diese Verschiedenartigkeit von Biografien, Entwicklungen und Ereignissen anzuerkennen, bedeutet, soziale Komplexität zur Kenntnis zu nehmen.

Zugleich existiert zu jedem dieser angesprochenen Punkte eine Fülle von sozialwissenschaftlicher Literatur (von der medizinisch-neurologischen, die etwa die biochemischen Bedingungen von Aggression in unseren Körpern beleuchtet, einmal ganz abgesehen). Wer wirklich ernsthaft – d. h., ohne die Intention einer lebenserleichternden Komplexitätsreduktion und ohne den Drang, eigentlich nur seiner politischen Meinung Ausdruck zu verleihen – über diese Fragen diskutieren möchte, sollte sich einen sorgfältigen Überblick über den entsprechenden Forschungsstand verschaffen – und sich danach zu Wort melden. Mit den bisher leider ständig zu beobachtenden politischen Reflexen jedoch ist der Sache ganz sicher nicht gedient.


Literatur

Adorno, Theodor W. / Frenkel-Brunswik, Else /  Levinson, Daniel J. / Sanford, R. Nevitt (1950): The Authoritarian Personality. Harper and Brothers, New York.

Auchter, Thomas (2003): Angst, Hass und Gewalt. Psychoanalytische Überlegungen zu den Ursachen und Folgen des Terrors. In: Auchter, Thomas / Büttner, Christian / Wirth, Hans-Jürgen (Hrsg.): Der 11. September. Psychoanalytische, psychosoziale und psychohistorische Analysen von Terror und Trauma. Psychosozial-Verlag, Gießen.

Böllinger, Lorenz (1981): Die Entwicklung zu terroristischem Handeln als psychosozialer Prozeß. In: Jäger, Herbert / Schmidtchen, Gerhard / Süllwold, Lieselotte (Hrsg.): Lebenslaufanalysen. Westdeutscher Verlag, Opladen.

Decker, Oliver / Kiess, Johannes / Brähler, Elmar (2013): Bedrohungserleben und Kontakthypothese. In: Decker, Oliver / Kiess, Johannes / Brähler, Elmar (Hrsg.): Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose. Psychosozial-Verlag, Gießen. Kap. 5.4 (S. 185 bis 195).

Della Porta, Donatella (2006): Politische Gewalt und Terrorismus: Eine vergleichende und soziologische Perspektive. In: Weinhauer, Klaus / Requate, Jörg / Haupt, Heinz-Gerhard (Hrsg.): Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren. Campus Verlag, Frankfurt a.M.

Diewald-Kerkmann, Gisela (2006): „Verführt“ – „abhängig“ – „fanatisch“: Erklärungsmuster von Strafverfolgungsbehörden und Gerichten für den Weg in die Illegalität – Das Beispiel der RAF und der Bewegung 2. Juni (1971 – 1973). In: In: Weinhauer, Klaus / Requate, Jörg / Haupt, Heinz-Gerhard (Hrsg.): Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren. Campus Verlag, Frankfurt a.M.

Fritsche, Immo / Deppe, Janine / Decker, Oliver (2013): Außer Kontrolle? Ethnozentrische Reaktionen und gruppenbasierte Kontrolle. In: Decker, Oliver / Kiess, Johannes / Brähler, Elmar (Hrsg.): Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose. Psychosozial-Verlag, Gießen. Kap. 5.2 (S. 161 bis 174).

Horn, Michael (1982): Sozialpsychologie des Terrorismus. Campus, Frankfurt a. M. / New York.

Jäger, Herbert (1981): Die Sozialisation von Terroristen als Weg in abweichende Konformität. In: Jäger, Herbert / Schmidtchen, Gerhard / Süllwold, Lieselotte (Hrsg.): Lebenslaufanalysen. Westdeutscher Verlag, Opladen.

Japp, Klaus Peter (2006): Terrorismus als Konfliktsystem. In: Soziale Systeme. Zeitschrift für Soziologische Theorie 12, 6 - 32.

Piven, Jerry S. (2003): Terrorismus als Religionsersatz. In: Auchter, Thomas / Büttner, Christian / Wirth, Hans-Jürgen (Hrsg.): Der 11. September. Psychoanalytische, psychosoziale und psychohistorische Analysen von Terror und Trauma. Psychosozial-Verlag, Gießen.

Von Baeyer-Katte, Wanda / Claessens, Dieter / Feger, Hubert / Neidhardt, Friedhelm (1982): Gruppenprozesse. Westdeutscher Verlag, Opladen.

Wahl, Klaus / Wahl, Melanie R. (2013): Biotische, psychische und soziale Bedingungen für Aggression und Gewalt. In: Enzmann, Birgit (Hrsg.): Handbuch Politische Gewalt. Formen – Ursachen – Legitimation – Begrenzung. Springer VS, Wiesbaden. 

Zick, Andreas (2004): Psychologie des Rechtsextremismus. In: Sommer, G. / Fuchs, A. (Hrsg.): Krieg und Frieden: Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie. Psychologie Verlags Union, Weinheim.