Freitag, 29. Mai 2015

Psychologische Systemtheorie VII: Suizidale Systeme - Wenn die Leitdifferenz zur Leiddifferenz wird

Der Tod eines psychischen Systems. Die völlige und endgültige Auflösung einer System-Umwelt-Differenz – die vollständige Entdifferenzierung. Bei biologischen Systemen ist es die Regel: Jeden Tag werden welche – auch verursacht durch innere Vorgänge wie etwa Tumore – krank und sterben. Auch bei sozialen Systemen ist dies nichts Ungewöhnliches: Interaktionssysteme lösen sich jeden Tag auf, häufig auch Organisationssysteme. Selbst für Funktionssysteme der Gesellschaft – wie z. B. die Religion, das Recht oder die Politik – besteht nicht per se eine Ewigkeitsgarantie.

Der Tod psychischer Systeme ist häufig die Folge des Sterbens biologischer Systeme und manchmal auch eine Folge der Auflösung sozialer Systeme (man denke etwa an Bürgerkriege in sog. „failed states“). Manchmal jedoch setzt sich ein psychisches System auch selbst ein Ende – wir nennen es dann „Selbstmord“. Doch wieso tut es das? Es folgt der Versuch einer systemtheoretisch inspirierten Erklärung.

Identitätsbildend für ein System, sei es sozial oder psychisch, ist seine Leitunterscheidung. Die Leitdifferenz ist der Code, der seine Umweltbeobachtung prägt und determiniert, welche Gesichtspunkte der beobachteten (Um-)Welt Sinn verleihen und somit auch Sinn stiften für das System selbst. Ein konkreteres Beispiel aus der Welt sozialer Systeme: Das politische System beobachtet seine Umwelt grundsätzlich in Bezug darauf, was für die eigene Machterhaltung förderlich ist und was nicht (Macht / Ohnmacht als Leitdifferenz). Für die Wirtschaft gilt dies analog mit der Leitunterscheidung von Gewinn / Verlust, für die Wissenschaft mit dem Code Wahrheit / Unwahrheit usw. usf.

All diese binären Codes sind identitätsstiftend für die besagten Systeme, die dadurch auch wissen, bis wohin sie reichen, was zu ihnen gehört und was nicht. Der Code schafft die Grenze zwischen System und Umwelt. Auf der Ebene der Organisations- und der Interaktionssysteme gestaltet sich dieses Phänomen mitunter vielfältiger und heterogener – Organisationen lassen sich, etwa über unterschiedliche Abteilungen, oft mehreren Funktionssystemen zuordnen; ähnlich ist es bei Interaktionssystemen, wenn man etwa an Sitzungen von Vorständen mit verschiedenen Geschäftsbereichen denkt. Dennoch: System-Umwelt-Grenzen und identitätsstiftende Leitunterscheidungen gibt es auch hier.

Gleiches gilt für psychische Systeme, wenn auch natürlich in noch komplexerer Form, wenn man an die (post-)moderne Diversität sozialer Rollen denkt, mit denen wir tagtäglich klarkommen müssen. Nichtsdestotrotz verfügen auch psychische Systeme über Leitdifferenzen, die ihrem Leben einen Sinn verleihen und ihre Umweltbeobachtungen determinieren. Auf dieser Mikro-Ebene können beispielsweise Werte diese Funktion einnehmen – je nachdem, welchen wir folgen. Das persönliche Moralempfinden, Liebe, berufliche Ziele, Ängste verschiedenster Art – sie alle bedeuten Leitdifferenzen, die unser Leben und unsere Selbstbeschreibung als psychische Systeme prägen und konstruieren. Und dabei manchmal durch Leiddifferenzen ersetzt werden.

Wie an anderer Stelle bereits dargestellt, sind psychische Erkrankungen wie Depressionen oder auch Zwangsstörungen systemtheoretisch fassbar als fehlende Geschlossenheit des jeweiligen psychischen Systems, welche durch das Fehlen eines stabilen Leitcodes zustande kommt. Das daraus resultierende Fehlen einer „Letztinstanz“ zur Beurteilung systeminterner Operationen – sprich: Gedanken, Gefühle, Erinnerungen etc. – führt dazu, dass diese nicht oder nur schwer durch eine systeminterne Entscheidung zum Abschluss gebracht werden können. Konsequenz: Die internen Systemoperationen geraten in eine Endlosschleife. Konkret äußert sich dies dann etwa in endlosen, grüblerischen Teufelskreisen, ungesunden Dauerreflexionen, depressiven Tiefs („Löcher“), lähmender Lethargie oder auch in Zwangshandlungen mit immer und immer wiederkehrenden Wiederholungen, die aufgrund des Fehlens der Letztentscheidung nicht zum Abschluss gebracht werden können, da sich das System selber nicht mehr traut und somit immer wieder „sicher gehen“ muss, ohne abschließende Entscheidung.

Noch gravierender wird es dann, wenn die gestörte Codierung sich zu einem dauerhaften Mangel an Leitdifferenzen auswächst. Hier fehlt dann nicht nur die Letztentscheidungskapazität, die dafür sorgt, dass systeminterne Operationen zum nötigen Abschluss gebracht werden, sondern es fehlt gar das sinnstiftende Element für die Umweltbeobachtung. Ein gravierender Einschnitt: Die Umwelt kann nicht mehr in Bezug auf bestimmte Blickpunkte betrachtet werden, sondern sie wird einfach nur noch so betrachtet – ohne Kriterien, ohne Prioritäten. Es überrascht nicht, dass auf diese Weise keine Zurechnung von Sinn, von Bedeutung mehr erfolgen kann, was wiederum alles in der Umwelt beobachtete für das betreffenden psychische System – im buchstäblichen Sinne des Wortes – „gleich-gültig“ und somit egal macht. Wo nicht via Code gewichtet wird, ist alles gleich viel wert, alles gleich wichtig oder eben alles gleich unwichtig. Der völlige Fatalismus – ein typisches Merkmal etwa der Depression – tritt ein, der die Umweltbeobachtung unprofitabel und daher sinnlos macht.

Konsequenz: Die Umweltbeobachtung wird massiv verringert oder gar eingestellt. Doch ein System, sozial oder psychisch, welches aufhört seine Umwelt zu beobachten, ist nicht mehr irritierbar – und somit auch nicht mehr imstande, sich an seine Umwelt anzupassen oder in ihr zu operieren. An diesem Punkt treten, konkreter gesprochen, dann Stationen wie Jobverlust, Beziehungsende etc. ein, die ihrerseits den Teufelskreis verfestigen und die Negativentwicklung verstärken können.

Mit der Umweltbeobachtung fällt jegliches übriges identitätsstiftendes Element weg. Wer und was wir sind, wissen wir, indem wir erfahren, wer und was wir nicht sind. Erst dies ermöglicht uns die Unterscheidung zwischen uns selbst und den anderen, erst das schafft die System-Umwelt-Grenze. Beobachte ich nicht mehr, unterscheide ich nicht mehr zwischen mir und den anderen. Die Differenz endet und somit übrigens auch jede Option, sich als Individuum in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen – auch diese generiert sich immer nur in dem (vermeintlichen) Wissen darüber, was an einem anders ist als an anderen. Dieses kann es aber nur geben, wenn „das Andere“ bewusst beobachtet und wahrgenommen wird.

Mit dem Ende der Umweltbeobachtung und dem entweder schon zuvor oder aber spätestens jetzt eintretenden Auflösen der systemischen Leitdifferenzen entfällt schließlich jedes letzte, übrige sinn- und identitätsstiftende Element für das System. Dies schafft die gravierende Sinnkrise, die – da der Prozess nun soweit fortgeschritten ist – nicht mehr auflösbar ist. Am Ende der Krise steht, sofern die Entwicklung nicht von der sozialen Umwelt erkannt und gestoppt wird, die Selbstabschaltung des Systems, das sich aufgrund der sich auflösenden System-Umwelt-Grenze (s. o.) schon gar nicht mehr als solches begreifen kann. 

Der dies verwirklichende Suizid mag in diesem Falle dann einen letzten, finalen Akt der sinn- und identitätsstiftenden Kommunikation darstellen: Was gibt es authentischeres als dem eigenen Leben absichtlich und in vollem Bewusstsein ein Ende zu setzen? In welchem Moment ist das System mehr es selber als in dieser fundamentalsten aller möglichen Entscheidungen? In einem letzten Zuge wird also doch nochmal entschieden, da wird doch nochmal Identität gesucht und kommuniziert, da wird doch nochmal die vergangene Individualität, also das Anders-Sein als der Rest, mit einem flammenden Ausrufungszeichen versehen, um ein letztes Mal die Grenze zwischen sich und der verbleibenden Umwelt zu ziehen, bevor man sie endgültig aufgibt. Diese Funktion erfüllt dann oftmals der Abschiedsbrief, in dem Gründe erläutert und Botschaften für die Nachwelt hinterlassen werden, die deutlich machen sollen: „Meine Identität, mein Sinn, meine Leitdifferenz, meine System-Umwelt-Grenze – all das mag sich aufgelöst haben. Aber es war mal anders. Und nun sollt ihr sie noch ein letztes Mal wahrnehmen, bevor sie endgültig verschwindet.“

Dienstag, 5. Mai 2015

Psychologische Systemtheorie VI: Individualitätszurechnung durch Körpermodifikation

Für Susana!

In ihrem Aufsatz „Tell me what you don’t like about yourself“: Personale Identitätskonstruktion in der US-amerikanischen makeover culture im 21. Jahrhundert am Beispiel der Serie Nip/Tuck beleuchten Susana Rocha Teixeira und Anita Galuschek (2015) am Beispiel einer US-Fernsehserie, wie sich die Effekte dessen, was gemeinhin immer häufiger als Postmoderne identifiziert wird, auf Körpervorstellungen und – genauer – Körpermodifikation auswirken. Der damit einhergehende Vorgang der „beautification“ wird dabei nach Nina Degele als Kommunikationsmedium zum Zwecke der Identitätssicherung dargestellt (vgl. Teixeira / Galuschek 2015: 80). Grund genug, dieser Diagnose auch nochmal aus einer systemtheoretischen Sicht nachzugehen. Gibt es eine (psycho-)soziale Funktion der Körpermodifikation, die mit der Postmoderne in Zusammenhang steht?

Das, was man makrosoziologisch gesehen unter „Postmoderne“ subsumieren kann, setzt den Menschen einem nicht geringen Druck aus. Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft – im Zuge derer die Funktionssysteme der Gesellschaft wie Politik, Recht, Wissenschaft, Religion, Wirtschaft, Erziehung oder Kunst gleichberechtigt nebeneinander existieren und in keinem hierarchischen Verhältnis mehr zueinander stehen – hat zu einem großen „Nebeneinander von Wahrheiten“ geführt, im Zuge derer der Freiheitsgrad des Einzelnen unzweifelhaft gestiegen ist, mit dem aber auch ein schlagartiger Anstieg an sozialer Komplexität und Kontingenz (Ungewissheit) einhergeht: Lebenswege sind nicht mehr familiär vorprogrammiert. Vieles mehr ist erreichbar, sowohl bio- als auch geografisch. Die Auswahl an Waren und Dienstleistungen ist angestiegen. Politik wird entideologisiert, Religion mindestens privatisiert. Freundschaften und Beziehungen sind nicht mehr zwingend an Klassen gebunden. Informationen stehen jederzeit zur Verfügung. Globale Kommunikation ist zum Alltag geworden. Damit gehen zugleich neue Erwartungen an das Individuum einher: Flexibilität im Beruf und auf dem Arbeitsmarkt ist gefragt. Der postmoderne Mensch – bewusst klischeehaft zugespitzt im „Hipster“, der einfach alles nur noch ironisch sieht und nichts mehr ernst meint – lebt unverbindlicher, er hat keine absoluten Wahrheiten mehr, keine lebenslangen Beziehungen, keine Konfession und keine feste politische Meinung. Er muss jederzeit alles haben können, aber auch jederzeit überall sein und arbeiten können (kein Zufall dabei: die sog. Zivilisationskrankheit „Burn-Out-Syndrom“).

Auch die nicht mehr ganz so neue Diagnose der Individualisierung kann als ein Symptom dieses Prozesses begriffen werden, in dem der Mensch bzw. das psychische System im Zuge seiner unvermeidbaren Identitätsfindung auf sich selbst zurückgreifen muss, weil es zunehmend an höheren sozialen Ebenen, die dies für ihn übernehmen könnten, mangelt. Wo die Familie, die Klasse, die Nation, die politische Ideologie, die Konfession, die Ehe oder welches soziale System auch immer nur noch ein System unter vielen sind und nicht mehr das „Heimat-System“, dem man sich vor allen anderen zurechnen konnte, da braucht es neue Mechanismen der Identitätsfindung, welche nun immer mehr nur noch auf der untersten Mikro-Ebene möglich ist: Der des „Individuums“.

Individualität in der Kommunikation ist gleichbedeutend mit der Zurechnung von Einzigartigkeit und damit Unterscheidbarkeit, was konstitutiv ist für das Selbstwertgefühl des postmodernen Menschen. Individualität erlaubt die Identifikation im Interaktionsprozess, die Möglichkeit, soziale Erwartungen auf ein bestimmtes psychisches System zuzurechnen. In der postmodernen, funktional differenzierten Gesellschaft ist dies umso mehr notwendig geworden, als dass es immer weniger kollektive, soziale „Ausweichidentitäten“ gibt (s. o.). Sie ermöglicht es, sich trotz der vielen gesellschaftlichen Hochzeiten, auf denen der postmoderne Mensch heute tanzen muss – i. S. v.: Anforderungen sozialer Selbstdarstellung in verschiedensten Systemen, sei es als Kunde, als Arbeitnehmer, als Familienmensch, als Sportler, als Medienrezipient, als Patient usw. usf. – einen Halt zu bewahren, der dafür sorgt, dass man in der Vielfalt der Eingebundenheit in die sozialen Systeme nicht zerteilt und aufgelöst wird.

Zugleich entfaltet die Beliebigkeit der Postmoderne auch auf die Konstitution von Individualität ihre Wirkung: „Das viel zitierte, postmoderne ‚anything goes‘ bedeutet (…) [auch] eine metaphysische Obdachlosigkeit durch den Verlust von allgemeingültigen und metaphysischen Sinnstrukturen" (Teixeira / Galuschek 2015: 86). Wo es an diesen Strukturen fehlt, da gleicht die Palette zur Herstellung von Individualität einem Selbstbedienungsladen: Sei es die Angehörigkeit zu einer vermeintlich „alternativen“ Subkultur, sei es eine bestimmte Mode, eine bestimmte Freizeitaktivität oder ein bestimmter Musikgeschmack – viele Wege führen zum Rom des Individualismus. Einer davon ist der der Körpermodifikation.

Die technologisch fortgeschrittene Weltgesellschaft ist eine beschleunigte Gesellschaft. Man kommt schneller an beliebige Orte, kann Menschen kommunikativ schneller erreichen und erhält schneller beliebige Informationen. Doch wo Beobachtung und Irritation durch dadurch gewonnene Informationen schneller gehen, da werden diese auch schneller alt. Trends, seien sie musikalisch oder modisch, kommen schneller auf und verschwinden schneller wieder. Und das Individuum muss mithalten können. Das Ideal der Jugendlichkeit, mit der gemeinhin Schnelligkeit und Dynamik assoziiert werden, wird hierdurch gestärkt.

Modifikation des eigenen Körpers, welche konkrete Form sie denn gerade auch annimmt, erlaubt es, diesem Ideal näher zu kommen. Doch sie ermöglicht noch mehr: „Da der Körper als Folge der individualistischen Konsumgesellschaft zum erwerbbaren Konsumgut geworden ist, kann (…) also der Gang ins Fitnessstudio, der Kauf einer Botoxbehandlung oder Fettabsaugung, zum Konstruieren und Inszenieren der eigenen Identität dienen, welche dennoch (…) harte Arbeit, Selbstdisziplin und Durchsetzen im beruflichen (und privaten) Wettbewerb suggeriert“ (ebd.: 91). Das Inszenieren der eigenen Identität ist hierbei der Versuch des betreffenden Individuums, bei der jeweiligen sozialen Umwelt eine Zurechnungsleistung herbeizuführen, im Zuge derer vermeintlich charakteristische Merkmale speziell mit ihm – und, wichtig: mit keinem anderen! – assoziiert werden. Merkmale, die zugleich die Werte der es jeweils beheimatenden sozialen Systeme verkörpern: Bei unternehmerisch tätigen Menschen wird Materialismus kommuniziert, bei wissenschaftlich tätigen Menschen Nachdenklichkeit, bei sozial tätigen Menschen Solidarität. Bezogen auf reine modische Accessoires kann sich der fantasievolle Leser hier bspw. eine goldene Armbunduhr, eine schwarz umrandete Brille oder eine zerrissene Jeans imaginieren. Im Rahmen der Körpermodifikation wird dieser Vorgang dann essenziell zugespitzt, indem es im wahrsten Sinne des Wortes „an den Kern der Sache“ geht.

Damit wird zugleich Authentizität kommuniziert, ein „mit sich identisch (…) sein“ (ebd.: 91): „Seht her, meine Individualität ist es mir wert. Ich bin so sehr ich selber, so wenig wie die anderen, dass mir das eine essenzielle Veränderung meiner ureigenen diesseitigen Existenzform wert ist.“ Und trotzdem erwächst daraus eine störende Paradoxie: Von der noch nicht so postmodern geprägten sozialen Umwelt kann gerade dies als eben nicht authentisch, sondern als Nichtwahrhabenwollen des eigenen, natürlichen Alterungs- und / oder Veränderungsprozesses wahrgenommen werden. Hier kollidiert die althergebrachte Sichtweise einer festen, unveränderbaren Identität mit dem postmodernen Ideal des allzeitflexiblen, ständigen Veränderungen unterworfenen, sozial wie auch geografisch heimatlosen Kosmopoliten, der immer alles sein können muss. Daraus ergibt sich nicht selten ein Kulturkampf zwischen zwei Mentalitäten, der nicht wirklich beilegbar zu sein scheint.

Die soziale Dimension ist nicht gleichbedeutend mit der psychischen. Und dennoch haben die intendierten sozialen Auswirkungen von Körpermodifikation (Zurechnung von Individualität entsprechend den postmodernen System-Werten / -Erwartungen) sehr konkrete psychische Folgen.

Das Genügen angenommener sozialer Systemerwartungen stärkt das Selbstwertgefühl des psychischen Systems und reduziert dadurch zumindest kurzfristig kognitive Dissonanzen (wie etwa die Differenz „gealterter Körper“ vs. „Erwartung von Jugendlichkeit“), was temporäre Zufriedenheit zu schaffen vermag. Doch ein solches Vorgehen kann schnell in einen Teufelskreis münden: Da gerade in der postmodernen Gesellschaft kollektive Erwartungen bzw. Werte einem schnellen Wandel unterliegen, kann die Modifikation von heute schon morgen bereits unmodern sein. Stabilität und ein psychisch gesundes In-Sich-Ruhen müssen auf diese Weise unerreichbar bleiben, da das Ideal, selbst wenn es zeitweise hergestellt wurde, aufgrund äußerer Wandlungen nie von Dauer sein kann.

Körpermodifikation kann somit, sofern sie aus den hier dargestellten Intentionen heraus betrieben wird und nicht lediglich einem partiellen, beiläufigen ästhetischen Empfinden oder etwa der restaurativen Medizin dient – was aber, wenn man sowohl den finanziellen Preis als auch die dauerhaften und nachhaltigen Folgen so mancher Modifikation betrachtet, wohl eher selten der Fall sein dürfte – zu einem Risiko für die Zufriedenheit mit sich selbst und damit die psychische Gesundheit werden. In ihr drückt sich eine gesellschaftliche Entwicklung aus, die mit dem Problemkomplex „Burn-Out“ auch auf anderen Feldern zuweilen gnadenlos zuschlägt.

Die Suche nach Individualität und nach der sie gewissermaßen bestätigenden Authentizität gleicht zuweilen – längst nicht immer, aber, wie dargestellt, oftmals – dem verzweifelten Streben eines Esels, dem man eine Karotte vor die Schnauze gebunden hat, selbige zu erreichen, was ihm natürlich nie gelingt – während er zugleich die im an ihn gebundenen Karren sitzenden Menschen unbewusst immer weiter zieht. So wie der postmoderne Mensch, der verzweifelt nach einem Anker der Individualität strebt in einem Meer der sozialen Kontingenz, in seiner haltlosen Verzweiflung zum Lastenesel wird für zuweilen entwurzelnde und überkomplexe Systemerwartungen, die ihn irgendwann krank machen.

Vielleicht sollten wir nicht nur versuchen, die Gesellschaft, wie es oft so schön heißt, zu „entschleunigen“, sondern auch bei der eigenen verzweifelten Selbstumklammerung einen Gang zurückschalten. In einer Welt, in der der verzweifelte Ruf nach Individualitätszurechnung vielen Menschen geradezu aus dem Gesicht springt, da gleicht jener, der dabei wirklich in sich ruht, einem Fels in der Brandung. Und damit verkörpert er mehr Individualität als alle Postmodernisten zusammen.


Quelle: 

Teixeira, Susana Rocha / Galuschek, Anita (2015): „Tell me what you don’t like about yourself”: Personale Identitätskonstruktion in der US-amerikanischen makeover culture im 21. Jahrhundert am Beispiel der Serie Nip/Tuck. In: Bainczyk-Crescentini, Marlene / Ess, Kathleen / Pleyer, Michael / Pleyer, Monika (Hrsg.): Identitäten / Identities: Interdisziplinäre Perspektiven. Universitätsbibliothek Heidelberg, S. 77-93. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/18646/1/HGGS_Identitaeten_05TeixeiraGaluschek.pdf (abgerufen am: 5. 5. 2015)