Samstag, 25. Oktober 2014

JuLis: Wilde Spekulationen nun endlich einstellen

Die Jungen Liberalen Bielefeld äußern sich zum polizeilichen Ermittlungsergebnis hinsichtlich der Moscheebrände in Bielefeld. Nachdem vorher allgemein von fremdenfeindlichen Motiven ausgegangen worden war, war nun herausgekommen, dass es sich bei dem Täter um einen mutmaßlichen Drogenabhängigen gehandelt hat, der aus Habgier und Frustration heraus gehandelt habe. Das Bündnis Islamischer Gemeinden (BIG) hatte Zweifel daran angemeldet und spekuliert, das sei nur eine Schutzbehauptung, die politischen Extremismus verdecken solle.

Dazu erklärt Florian Sander, Kreisvorsitzender der JuLis: "Es war von Anfang an unseriös, bei einer derartigen Tat, bei der viele Motive verschiedenster Tätergruppen in Frage gekommen sind, öffentlich zu spekulieren. Damals war diese Art der Reaktion aufgrund der nachvollziehbaren Emotionalisierung noch verständlich. Aber nun sollten diese wilden Spekulationen wirklich ein Ende haben."

Es sei bekannt, dass Funktionäre wie Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime, geübt darin seien, der deutschen Gesellschaft beständig Islamfeindlichkeit zu unterstellen. Wer nun über ein polizeiliches Ermittlungsergebnis hinaus immer noch öffentlich und wider alle Fakten über derlei vermeintliche Motivlagen spekuliere, der setze sich irgendwann dem Vorwurf aus, die politische Autorität einer gesellschaftlichen Opferrolle anzustreben.

Samstag, 11. Oktober 2014

Hochschuldebatte: Zur Krise eines Wissensstandortes

Klamme Unis, ausgebeutete Dozenten, Profitinteressen und ein sich schlank sparender Staat: Das alles hängt zusammen. Nur kaum einer will das wahrhaben – schon gar nicht die FDP.

Ein Gastbeitrag von Sebastian Müller

Innerhalb der nordrhein-westfälischen FDP-Basis, genauer in Bielefeld, wurde jüngst in hier und hier online gestellten Leserbriefen über die Hochschulpolitik diskutiert. Hintergrund ist die knappe Finanzlage der Hochschulen und die zunehmende Prekarisierung des akademischen Mittelbaus, die zuletzt auch immer wieder in der SZ thematisiert wurde.

Die Regionaldebatte ist deshalb so interessant und erwähnenswert, weil sie erstens überregional derzeit weitestgehend totgeschwiegen wird, und zweitens dennoch symptomatisch ist. Das letzte Rauschen im Blätterwald gab es Mitte September nach einer Stellungnahme der wissenschaftspolitischen Sprecherin der FDP-Fraktion in NRW, Angela Freimuth, zum umstrittenen Hochschulzukunftsgesetz (HZG). Das wurde wenige Tage zuvor verabschiedet, und räumt der Ministerialbürokratie NRW unter anderem mehr Kontrolle über die Finanzplanung der Hochschulen ein.

Daran reiben sich sowohl Freimuth als auch Daniel Steiner, Mitglied des Bielefelder Studierendenparlaments und stellvertrender Vorsitzender der Liberalen Hochschulgruppen NRW, die im HZG eine Schwächung des Wissenschaftsstandortes Nordrhein-Westfalen sehen. Doch das ist nicht viel mehr als Kampfrethorik. Tatsächlich dreht sich der ganze hochschulpolitische Streit um das HZG nicht zuletzt um das Paradigma der „unternehmerischen“ bzw. der „entfesselten“ (Detlef Müller-Böling vom bertelsmannschen Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)) Hochschule gegen das Leitbild einer demokratischen und sozialen Hochschule in gesellschaftlicher Verantwortung. Dieses Paradigma steht in einem direkten Wirkungszusammenhang mit der knappen Finanzlage. Dazu später mehr.

Vor allem wurde und wird neben dem bedenklichen Leitbild der “unternehmerischen Hochschule” eine weitere zentrale Problematik unisono nicht aufgegriffen. Damit dreht sich die Debatte um sich selbst. Symptomatisch ist sie, weil sie insgesamt für eine FDP steht, die einfach nicht in der Lage ist, ihren in fast allen Belangen neoliberalen Dogmatismus zu überwinden, und damit auch nicht die Gründe für ihren Niedergang begreifen wird. Das zumindest erkennt Florian Sander, leBoh-Autor, als einer der Diskutierenden immerhin selbst:
“Einher geht diese Ignoranz mit einem Freiheitsbegriff, der bis auf einige wenige thematisch verengte Wirtschaftsliberale niemanden mehr anspricht und den auch niemand braucht, da er das Individuum ausklammert und sich in wahltaktischem Klienteldenken erschöpft. Es bleibt ein Rätsel, wie eine Partei, die selbst auf lokaler Ebene eine solche Politik der politischen Konkursverwaltung verfolgt, sich jemals wieder erholen will.”
Längst muss die Ursache der Unterfinanzierung der Hochschulen trotz geschnürter Milliardenpakete des Bundes, und damit das zentrale und übergreifende Problem für die Infrastruktur des Wissensstandortes Deutschland in einem größeren Zusammenhang gesehen werden. Dieser wurde – wahrscheinlich unwissentlich – im Zuge der Diskussion zwar von Steiner kurz erwähnt, ohne aber auch nur in einem Halbsatz kritisch darauf einzugehen: Die 2009 durch Bundestag und Bundesrat verankerte “Schuldenbremse” – und mit ihr auch die im größeren Umfang von der FDP in Regierungszeiten mit unterstützte Austeritätspolitik der Bundesregierung!

Diese beiden Daumenschrauben erlauben den Ländern und Kommunen keine seriöse Haushaltspolitik mehr; sprich auch die Möglichkeit, in Bildung zu investieren, anstatt dort immer mehr Kürzungen vorzunehmen. Denn es ist nichts neues, dass es immer Kultur und Bildung sind, die als erstes zu leiden haben, wenn die Gelder klamm sind.

Im Grunde genommen wird nun allenthalben über jene Folgen auf Kommunal- und Landesebene geklagt, die durch eine jahrelange Spar- und Steuersenkungspolitik selbst geschaffen wurden. Das Problem also ist längst übergreifend, und lässt sich angesichts einer chronischen Unterfinanzierung nicht über eine hochschulpolitische Diskussion lösen. Fakt ist, dass die Frage, ob dem Zweig nun mehr Autonomie zugestanden werden soll oder nicht, belanglos ist, wenn am ganzen Ast gesägt wird.
Denn durch die rigide Spar- und Kürzungspolitik untergräbt Deutschland seine einst so guten Voraussetzungen als Wirtschaftsstandort insgesamt. Mittlerweile verrottet die Infrastruktur allenthalben, Gelder zur Instandsetzung von Brücken etc fehlen. Schulen, Büchereien und Schwimmbäder müssen geschlossen, der ÖPNV ausgedünnt werden und so weiter und so fort. Länder und Gemeinden schaffen es dabei immer weniger, ihren hoheitlichen Aufgaben nachzukommen. Stichworte: Outsourcing, Privatisierung, PPP, Cross-Border-Leasing, Subunternehmen.

Das alles ist auch FDP-Vokabular. Und die Geschichte vom Rückzug des sparenden Staates hat ihre eigenen Kapitel. Das Jüngste ist die von misshandelten Menschen in einem Flüchtlingsheim im nordrhein-westfälischen Burbach. Die Täter: Angestellte des “sozialen Dienstleisters” European Homecare (EHC). Es ist ein Beispiel der vielen möglichen Folgen, wenn die öffentliche Hand immer mehr Aufgaben privaten Unternehmern überlässt.

Man kann jetzt fragen, was das alles mit Bildungs- und Hochschulpolitik zu tun hat. Mehr als man denkt. Denn nicht nur eine Privatisierungspolitik, sondern auch der steigende Einfluss von Unternehmen auf Bildung und Forschung ist zu beobachten und offenbar politisch gewünscht. Zu der zunehmenden Ökonomisierung und deren Folgen hatte einst auch Florian Sander unter dem bezeichnenden Titel “Die Ökonomisierung der Bildung ist unliberal” Stellung genommen:
“Die deutschen Studierenden sollen vor allem als Humankapital für die Wirtschaft fit gemacht werden: Die Abschlüsse sollen vergleichbarer werden, das Studium kürzer, die Inhalte „praxisnäher“, die Organisation „effizienter“. Die neu installierten Hochschulräte, ausgestattet mit erstaunlich weitreichenden Kompetenzen, wirken in ihrer Zusammensetzung nicht selten wie operative Kopplungen, über welche das Wirtschaftssystem seine (Profit-)Interessen besser in die Wissenschaften projizieren kann.”
Dass eine solche Entwicklung um so mehr gefördert wird, je knapper die öffentlichen Mittel werden, scheint dabei aber im blinden Fleck des deutschen Liberalismus zu liegen. Die von den Liberalen so hofierte Wettbewerbsfähigkeit und Standortkonkurrenz sind längst jene ideologisch aufgeladenen Kampfbegriffe, die auch zum Leitbild für die „unternehmerische“ oder „entfesselte“ Hochschule geworden sind. Deren Forschung und Entwicklung soll angesichts rückläufiger oder bestenfalls stagnierender staatlicher Grundmittel mehr und mehr durch den Wettbewerb um die Einwerbung zusätzlicher Drittmittel gesteuert werden, die inzwischen teilweise bis zu 40 Prozent am Gesamtbudget der Hochschulen ausmachen.

Ohne nun auf die Gefahren eines wissenschaftlich-industriellen-Komplexes einzugehen, zeigt das alles, dass eine klein-klein-Diskussion über Hochschulorganisation wenig bringt, wenn man die Ursachen des Problems auf der Makroebene nicht benennt: Das Eingeständnis, das eben Schuldenbremse und Austeritätspolitik mitten in der Krise (prozyklisch) nicht nur krisenverschärfend wirken, sondern auch in jederlei Hinsicht zukunftsschädigende Folgen haben. Das Eingeständnis also, dass diese fiskalpolitischen Instrumente, die die FDP bis heute unbeirrt mit trägt, rein gar nichts mit seriöser Haushaltspolitik zu tun haben.

Es ist im weitesten Sinne eine bildungspolitische Frage: Wenn die FDP argumentiert, dass der Staat, wenn er Schulden mache, dies auf Kosten der zukünftigen Generationen tue, ist das zwar reine Polemik, aber leider auch Common-Sense geworden. Tatsächlich sind Investitionen in Infrastrukturprojekte – und Hochschulen zählen dazu – eine Investition gerade zu Gunsten zukünftiger Generationen.

Solange hier kein Umdenken stattfindet, ist die Diskussion über eine fragwürdige Hochschulfreiheit im Sinne der Privilegien von Rektoren nicht wirklich zielführend. Sie kann jedenfalls nicht das Problem der Prekarisierung des akademischen Mittelbaus lösen. Dieses Problem ist ohnehin eine konsequente Fortentwicklung eines wachsenden Phänomens in Zeiten schrumpfender Mittelschichten: Das Bildungsprekariat. 

Sebastian Müller ist Historiker (Mag.) und Politikwissenschaftler und ist als freier Autor tätig. Er betreibt den neoliberalismuskritischen Blog Le Bohémien, in dem dieser Artikel zuerst veröffentlicht wurde.

Dienstag, 7. Oktober 2014

"Corporate Social Responsibility" als systemischer Effekt

Das folgende Interview mit Simone Burel (inkl. der Einleitung) erschien zuerst hier und wird an dieser Stelle zweitveröffentlicht - mit freundlicher Genehmigung von Jobs To Be.

Corporate Social Responsibility ist in aller Munde. Weil das niemand aussprechen kann, sagen alle CSR. Gemeint ist damit die soziale Verantwortung von Unternehmen in der Gesellschaft. Immer mehr Menschen haben sich in den letzten Jahren nämlich gefragt, welchen Beitrag Unternehmen eigentlich zum Gemeinwohl leisten. Ein Aspekt, der nicht nur zunehmend Kaufentscheidungen beeinflusst, sondern auch die Jobwahl. Wer möchte schon gerne für ein Unternehmen arbeiten, dass die Umwelt versaut, Kinder arbeiten lässt oder seine eigenen Mitarbeiter schlecht behandelt. Das haben auch die Unternehmen erkannt und eilig ethische Standards festgelegt.

Texte sind schnell geschrieben und für Außenstehende nicht immer einfach zu durchschauen. Deswegen haben wir jemanden gefragt, der eine Vision von einer Mission unterscheiden kann. Simone Burel schreibt gerade ihre Dissertation über Unternehmenswerte und ist somit ausgewiesene Expertin im Karneval der Begriffe. Wer eine Vision hat, sollte also nicht zum Arzt gehen, sondern zu Simone Burel.

JTB: Die meisten Unternehmen verschriftlichen heute grundsätzliche Leitlinien in Form von Visionen, Mission Statements oder Codes of Conduct. Für Außenstehende ist es oft schwer, den Unterschied zu erkennen. Kannst du uns da helfen?

SB: Für Unternehmen ist es gegenwärtig in der Tat wichtig, ein „Selbstbekenntnis“ in Textform anzubieten. Unternehmen sind jedoch oft sehr ungenau mit ihren Textbezeichnungen, was interessierte Leser durchaus verwirren kann. Denn es werden nicht nur prominente Bezeichnungen wie „Vision“, „Mission Statement“ oder „Code of Conduct“ synonym genutzt, sondern darunter auch ähnliche Inhalte subsumiert.

Gleichsam ist es aber auch beobachtbar, dass verschiedene Unternehmen die Textsorten unterschiedlich interpretieren. Man kann also schwer einen Textsorten-Prototyp für die Realität auffinden. Die konkreten handlungsbezogenen Werte und Prinzipien unterscheiden sich durch ihre rechtliche Bindung von der eher bildhaften Vision und Mission. Vision und Mission implizieren einen stärkeren Zukunftsbezug und wollen das Verhalten der Adressaten leiten, indem sie auf bestimmte Ziele verpflichten und zu motivieren suchen. Der Code of Conduct setzt dagegen nur allgemeine Prinzipien fest.

JTB: Oft hat es den Anschein, dass solche Wertegerüste erst als Reaktion auf Kritik von außen verfasst werden. Erst wenn etwas passiert ist, wird Besserung gelobt. Wieviel ist also Greenwashing und wieviel ist wirklich ernst gemeint?

SB: Das ist aus meiner Perspektive schwer zu beurteilen. Einerseits ist häufig zu beobachten, dass Unternehmen gerade nach Krisen Werte wie „Sicherheit“ und „Transparenz“ hochhalten (z.B. die Banken) und sich damit dem vielfach kritisierten Trend der Vermarktung einer Unternehmensethik unterwerfen. Welches große Unternehmen kommt heute noch ohne Kernwerte aus? Gleichsam ist dies aber auch als systemischer Effekt von veränderten gesellschaftlichen und sozioökonomischen Bedingungen zu sehen, denen gerade Großkonzerne heute ausgesetzt sind. Ihre Produkte werden aus Sicht der Konsumenten. immer ähnlicher.

Ohnehin sind viele Märkte bereits gesättigt. Deswegen versuchen Unternehmen, sich durch solche Werte einen Mehrwert zu schaffen. Zudem sind Verbraucher mittlereile auch kritischer und fordern ethische Transparenz von Unternehmen. Unternehmen müssen also auch ihr Handeln gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit legitimieren. Werden die proklamierten Werte dann aber nicht eingehalten und wird dies öffentlich bekannt, kann dies zu großen Umsatz- oder Imageproblemen führen (z.B. aktuell bei Amazon oder ADAC).

JTB: Papier ist geduldig. Können solche Leitlinien wirklich helfen, das Verhalten des Unternehmens und der Mitarbeiter zu lenken oder gar zu ändern?

SB: Es gibt in der Tat einen Zusammenhang zwischen Sprache und Denken bzw. dann auch dem Handeln. Solche Ansätze werden auch in der Motivationsforschung und der positiven Psychologie allgemein untersucht. Die „Vision“ etwa antizipiert einen SOLL-Zustand und setzt durch positive Formulierungen erhebliche Motivationspotenziale frei. Gemeinschaftsstiftende Komponenten unterstützten den einzelnen Mitarbeiter, den Zielzustand anzuvisieren und die Vision als Orientierung und Appell zu sehen.

Durch diese Mobilisierung ist die bessere Zukunft damit auch tatsächlich wahrscheinlicher (z.B. mehr Umsatz, führendes Unternehmen in x). Teilweise werden Visionen aber auch so utopisch formuliert, dass diese nie völlig erreicht werden können, bzw. immer wieder erneuert werden müssen, um eine positive Zukunftsperspektive aufrechtzuerhalten. Solche „permanenten Illusionen“, die dauerhaft die Motivation aufrecht erhalten sollen, werden durchaus auch kritisch gesehen.

JTB: Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst für Unternehmen, mit deren Werten sie sich identifizieren können. Wie kann ich sehen, ob ein Unternehmen wirklich zu meiner Werteauffassung passt?

SB: Diese Idee folgt der Auffassung, dass ein Unternehmen sich als Unternehmenspersönlichkeit erfahrbar macht und dem Individuum dadurch eine Plattform zur Selbsterfahrung und Selbstfindung anbietet. Da die Grundbedürfnisse der meisten Konsumenten in der westlichen Welt befriedigt sind, kann dem Konsumenten und dem Bewerber dadurch ein Nutzen angeboten werden. Die Bestätigung der Selbsterfahrung (Wie bin ich? Welche Werte habe ich?) oder Differenzierung/Abgrenzung können somit befriedigt werden.

Im Bankenbereich sind dies häufig die Sicherheits-Werte und im Automobilbereich eher die Emotionen wie Freude oder Leidenschaft, die dann als „Werte“ angegeben werden. Vergleicht man dabei die Werte von potenziell präferierten Unternehmen, wird man nicht nur feststellen, dass diese sehr homogen sind (etwa häufen sich Integrität, Leidenschaft, Qualität, Innovation), sondern auch, dass dies alles Pro-Werte sind. Das heißt, es sind alles Werte, die per se nicht zu verneinen und insgesamt gesellschaftlich als „hochwertig“ anerkannt sind.

Aus Unternehmenssicht ist zudem mit zu bedenken, dass Werte natürlich auch dazu dienen können, den Menschen eine „cognitive map“ anzubieten und sie in eine bestimmte Richtung zu „leiten“. Fühlt man sich heimisch und vertraut, kauft man eher und wird sich wahrscheinlich auch eher bewerben.

JTB: Wie entwickelt sich das Thema deiner Meinung nach in der Zukunft? Ist das ein vorrübergehender Trend oder werden Unternehmen sogar noch mehr auf diese Aspekte achten?

SB: Aufgrund der gesättigten Bedürfnisse der Konsumenten, der sich immer weiter angleichenden Produkte und der allgemeinen Informationsüberlastung werden Unternehmen sicherlich in Zukunft noch stärker versuchen, durch ihr „ethisches Profil“ einen Mehrwert anzubieten – auch wenn dies vielen nicht gelingen wird. Unternehmen ringen um Aufmerksamkeit und versuchen ihre Wertevorstellungen vermehrt nach außen zu tragen. Quantitativ befriedigende Arbeit muss jedoch nicht gleichsam auch qualitative Wertigkeit bedeuten. Es muss dem Unternehmen gelingen, die Werte klar und nachvollziehbar darzustellen und vor allem Werte zu finden, die tatsächlich einzigartig sind und nicht von allen besetzt werden.

Dass Werte nach ihrer kommunikativen Einführung dann auch tatsächlich eingehalten werden, ist eine zweite Frage. Beispielsweise können Unternehmen die Zulieferstoffe für ihre Produkte weltweit dort einkaufen, bzw. produzieren, wo es gerade am günstigsten ist. Für Mitarbeiter und die Öffentlichkeit ist das Unternehmenshandeln daher kaum mehr zu lokalisieren bzw. in seiner Komplexität zu fassen. Daher wird auch von Unternehmensseite viel dafür getan werden müssen, um in der kritischen Öffentlichkeit zu bestehen.

JTB: Simone Burel – Du bist eine Heldin der Arbeit. Vielen Dank für deine Zeit. 

Zur Person:
Simone Burel, M. A., hat Germanistik, Anglistik und Pädagogik in Mannheim, London und Heidelberg studiert und arbeitet als Lehrbeauftragte für Angewandte Unternehmenskommunikation an der Universität Heidelberg. Sie promoviert über die sprachliche Konstruktion von Selbstbildern bei den DAX-30-Unternehmen und ist Promotionsstipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Psychologische Systemtheorie II: Wider die Über-Reflexion!

Ein insbesondere von Patienten oft beklagtes Problem der Psychotherapie ist die alte Frage: Welche braucht der Betroffene eigentlich? Verhaltenstherapie, Psychoanalyse? Welche Stellung sollte die medikamentöse Behandlung einnehmen? Wie umgehen mit Traumata? Trotz des hohen Professionalisierungsgrades bringt der zentrale Charakter der Psychotherapie als „Verwaltung der vagen Dinge“ (Peter Fuchs) es mit sich, dass die Antworten auf diese Fragen selten so klar und rationalisiert anschlussfähig begründet sein können wie es etwa in der Medizin der Fall ist, was mitunter dazu führt, dass Patienten lange suchen müssen, um eine für ihren Fall angemessene und hilfreiche Therapie zu finden – oder sich gar in Therapien begeben, die ihr Leiden eher verschlimmern als lindern (gerade im Falle von Traumata eine realistische Gefahr). Befragt man Psychotherapie-Patienten nach ihren Erfahrungen, so bekommt man nicht selten Berichte über langwierige Suchen und kräftezehrendes Ausprobieren verschiedener Therapieformen zu hören.

Hier birgt eine systemtheoretisch inspirierte Psychiatrische Soziologie das Potenzial, als Klinische Soziologie zu wirken, Antworten zu geben, die den oben beschriebenen Problemen und Gefahren entgegen wirken könnten und dabei auch eine klar differenzierte diagnostische Kategorisierung zur Verfügung zu stellen. Eine Kategorisierung, die sich nicht mit für die psychische Gesundung mitunter recht unerheblichen physiologischen Fragen oder unterkomplexen „Leicht-bis-schwer“-Skalen aufhält, sondern den Geschlossenheitsgrad des psychischen Systems in den Blick nimmt, um daraus hervorgehend zu Schlussfolgerungen über die Gesundheit des betreffenden psychischen Systems zu kommen. Die Einstufung des Geschlossenheitsgrades des Systems nämlich gibt Aufschluss darüber, wie hoch sein Reflexionsbedarf eigentlich noch ist – und damit, was es zur Heilung (oder für einen Zustand, der dieser nahe kommt) noch braucht oder eher nicht braucht.

Gehen wir von folgender theoretischer Prämisse aus: Ein psychisches System, das über einen mittleren Geschlossenheitsgrad verfügt, ist gesund. Er steht somit gewissermaßen für den Normalzustand, in dem allenfalls noch Beratung, aber keine Therapie erforderlich ist. Abseits von diesem Zustand herrschen nicht ein, sondern zwei mögliche Zustände von psychischer Erkrankung: Zu niedrige Geschlossenheit auf der einen Seite sowie zu hohe Geschlossenheit des Systems auf der anderen Seite. Wir weichen hier also vom klassischen Dualismus „krank vs. gesund“ ab und ersetzen ihn durch einen Dreiklang, in dem der gesunde Normalzustand (mittlerer Geschlossenheitsgrad) in der Mitte der Skala steht, niedrige Geschlossenheit am einen Ende und hohe Geschlossenheit am anderen Ende.

Was bedeutet dieses theoretische Konzept nun übersetzt?

In der soziologischen Systemtheorie stellen autonome soziale Systeme den „funktionierenden“ Normalfall eines Systems dar. Sie sind operativ geschlossen, d. h. sie sind gegenüber potenziellen Interventionsversuchen aus ihrer Umwelt geschützt, auf höheren Systemebenen durch einen bestimmten binären Code, der die Identität des Systems prägt (bspw. die Unterscheidung von Gewinn und Verlust als identitätsprägendes Element des Wirtschaftssystems). Alle Operationen des betreffenden Systems funktionieren nach dieser Maßgabe. Versuche, dem System via Intervention andere Leitunterscheidungen einzupflanzen, müssen scheitern, da sie die Identität des Systems und damit das System selbst zerstören würden. Auf psychischer Ebene verdeutlicht sich diese operative Geschlossenheit am plastischsten durch die Unfähigkeit zur Telepathie: Man weiß nicht, was der andere denkt und kann es auch nicht bestimmen. Auch das psychische System ist somit operativ geschlossen.

Zugleich jedoch sind Systeme nicht blind und taub, sondern beobachten stetig ihre Umwelt. Dieser Vorgang gewährleistet die „Autopoiesis“ des Systems, d. h. er sorgt dafür, dass die Kommunikation, die das (in diesem Fall soziale) System ausmacht, fortgesetzt wird und dadurch das System erhalten bleibt. Die Beobachtung der Umwelt führt zur fortlaufenden Irritation des Systems, durch die es lernt, sich an äußere Umstände anpasst, sich selbst stetig weiterentwickelt, weiter kommuniziert und mit alldem sein eigenes Bestehen schützt. Auf sozialer Systemebene geschieht dies über sog. strukturelle Kopplungen zu anderen Systemen, die eine Art spiegelnde Brille darstellen, die die beobachtete Umwelt nochmal nach der Maßgabe des eigenen Codes rekonstruieren – womit sich das System letztlich immer nur selbst irritiert und nicht in dem Sinne irritiert wird (Beispiel: die Politik beobachtet die Wissenschaft über die strukturelle Kopplung der wiss. Politikberatung).

Auch ein gesundes psychisches System funktioniert auf diese Weise (auch wenn es im Gegensatz zum sozialen Funktionssystem mit seiner Umwelt zu kommunizieren vermag, also zu etwas mehr imstande ist): Der Prozess der Sozialisation, ja das soziale Leben einer Person selbst bedeutet nichts anderes als fortlaufendes Beobachten und Sich-Irritieren-Lassen von der Umwelt, was sodann, im Zuge einer Vielzahl von sozialen Rollen, die eigene Identität und Persönlichkeit prägt und weiterentwickelt. Zugleich ermöglicht es dem sozialen wie auch dem psychischen System, seine Grenzen zu erkennen. Beobachten und Irritieren-Lassen geschieht spätestens ab der Geburt; operative Geschlossenheit und Identitätsbildung des Systems erfolgt daraufhin, indem das System lernt, sich von seiner Umwelt (über Name, Verhalten, Kommunikation) abzugrenzen – wer man ist, erfährt man, indem man lernt, wer man nicht ist. Die operativen Grenzen wie auch die Beobachtungs- und Irritationsfähigkeit eines gesunden psychischen Systems sind damit zwei Seiten einer Medaille, die einander bedingen.

Damit ist im Groben umschrieben, was mit dem mittleren Geschlossenheitsgrad eines gesunden psychischen Systems gemeint ist: Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen diesen beiden Eigenschaften – operativer Geschlossenheit einerseits und vorhandener Beobachtungs- und Irritationsfähigkeit andererseits.

Wenn nun eine dieser beiden wichtigen, dem Yin-und-Yang-Konzept nicht unähnlichen Komponenten des Systemaufbaus nicht gegeben bzw. somit die jeweils andere im Übermaß vorhanden ist, steigt das Risiko dessen, was wir sozial als „psychische Erkrankung“ konstruieren und dann ggf. diagnostizieren. So birgt etwa ein Zuwenig an Beobachtungsfähigkeit und ein Zuviel an Geschlossenheit das Risiko der Isolation des Systems (hoher Geschlossenheitsgrad), welche sich in vielerlei Formen äußern kann.

Assoziativ am ehesten naheliegend ist hierbei das Phänomen des Autismus (abgestuft: des „Soziopathen“), im Zuge dessen sich psychische Systeme selbst bei hohem Intelligenzgrad so weit von der Umwelt abkapseln, dass sie sie nicht mehr adäquat beobachten bzw. sich von ihr irritieren lassen können und dadurch nicht fähig sind, sich selbstständig zu versorgen oder zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Aber auch andere Erscheinungsformen dieser Kategorie sind denkbar: So kann etwa ein Überschuss an Emotionalität wie bspw. verstärkte Neigung zu Aggressivität und Gewalt und / oder ein Suchtproblem ähnliche Folgen hervorrufen, da beides die Fähigkeit zur Selbst- und Umweltbeobachtung (Reflexion des eigenen Handels sowie die Fragestellung: Wie nehmen andere mich wahr?) mitunter massiv einschränkt und das System so über alle Maßen nach außen und vor sich selbst abschließt. Ähnliche Folgen sind denkbar, wenn eine andere psychische Erkrankung (wie etwa Depression) mit einem niedrigen emotionalen Intelligenzquotienten einhergeht, im Zuge derer der Patient nicht zu reflektieren imstande ist, was ihm fehlt. In derlei Fällen ist mitunter schon eine Verhaltenstherapie geeignet, Abhilfe zu schaffen; auch eine psychoanalytisch gewährleistete Reflexionshilfe kann zur Besserung beitragen.

Es sind jedoch auch ganz andere Systemzustände denkbar, die sich in ihrer Symptomatik womöglich zunächst ähnlich darstellen, de facto aber am anderen Ende der hier vorgeschlagenen Skala rangieren. Stichwort: Niedriger Geschlossenheitsgrad.

Je offener ein System gegenüber der Umwelt ist, desto stärker ist seine Fähigkeit zur Beobachtung dieser. Je mehr Beobachtung möglich ist, desto größer die Kontingenz, sprich desto größer die Entwicklungsmöglichkeiten des Systems, aber desto größer auch die Komplexität der Informationen, mit denen es sich auseinandersetzen muss. Wer besonders viele Informationen aufnimmt, der muss logischerweise auch mehr Zeit und Ressourcen dafür aufwenden, um diese zu ordnen, zu sortieren und nutzend zu verarbeiten, sprich: eine Selektion vorzunehmen.

Besonders häufig ist diese Problematik bei Menschen von überdurchschnittlicher Intelligenz, insbesondere emotionaler Intelligenz, vorzufinden. Wer empathisch ist, wer sowohl seine Umwelt als auch somit aber sein eigenes Handeln beständig reflektiert, also regelmäßig auch in zweiter Ordnung beobachtet, der ist, wie gemeinhin bekannt, eher in Gefahr, zum „Grübler“ zu werden und, alltagssprachlich ausgedrückt, sich „Dinge zu Herzen zu nehmen“.

Letztlich sind diese Eigenschaften Symptome eines zu niedrigen Geschlossenheitsgrades des psychischen Systems, mit dem die o. g. Problematiken einhergehen. Diese (zu) niedrige Geschlossenheit ergibt sich nicht selten aus einem – im mikrosoziologischen und sozialpsychologischen, nicht im entwicklungspsychologischen Sinne – Identitätsfindungsproblem des Systems.

Dem System fehlt es an Leitdifferenzen, die seine Grenzen stabil aufrechterhalten und im richtigen Moment für das adäquate Ausmaß an operativer Geschlossenheit sorgen. Damit fehlt es der Beobachtung der Umwelt an einem Fokus, einem Filter, einer Maßgabe in Bezug darauf, wofür und unter welchen Gesichtspunkten Informationen überhaupt aufgenommen werden sollten. Dies führt im Ergebnis zu einer Informationsüberfrachtung, in deren Folge das System die äußeren Eindrücke für sich nicht adäquat sortieren kann und kein Schema besitzt, welches ihm aufzeigt, wozu sie eigentlich dienlich sind.

Die daraus folgende Über-Irritation sorgt für Verwirrung, Konfusion und kognitive Dissonanzen, daraus hervorgehend zu Identitäts- und Sinnkrisen („wozu gibt es mich überhaupt?“) und somit schließlich zu einer das System lähmenden Depression, die das selbstständige Auflösen entstandener kognitiver Dissonanzen endgültig unmöglich macht. Ist schließlich jegliche, als eine Art Sinnkonstruktionsmuster wirkende Leitdifferenz abhandengekommen, ergibt sich das Risiko der Suizidalität, welche wir allgemeinhin als krank ansehen, die für ein System ohne funktionierende Leitdifferenz (d. h. also: Sinnkonstruktionsmuster, Grenzziehung des Systems und Identitätsstiftung) aber letztendlich nur logisch und folgerichtig ist.

Neben dem Phänomen auch oder zusätzlich denkbar: Zwangsstörungen, die dadurch ausgelöst werden, dass es an einer eine Maßgabe schaffenden Leitdifferenz fehlt, was in der Konsequenz dazu führt, dass keine abschließenden Entscheidungen herbeigeführt und stattdessen bestimmte Operationen immer und immer wiederholt werden müssen, da das System unfähig ist, sie abschließend zu bewerten und für sich eine erfolgreiche Vollendung festzustellen. Das System traut sich selbst und seinen Urteilen nicht mehr, da es an einem Kriterium (Leitdifferenz!) fehlt, nach welchem bewertet und eine Selektion vorgenommen werden kann. Somit entsteht schließlich der Zwang, eine Systemoperation immer und immer durchzuführen, ohne dass sie zu einem Abschluss gelangt.

Befindet sich ein psychisches System in einem solchen Zustand, so werden verhaltenstherapeutische und psychoanalytische Ansätze, die im Grunde nur eine Fortsetzung dieses (mindestens im Falle von Depression) potenziell tödlichen (Selbst-)Reflexions-Wettlaufs vorantreiben, womöglich einen kontraproduktiven Effekt haben, da sie die Suche nach einer sinn- und identitätsstiftenden Leitdifferenz, die die Geschlossenheit und damit die Gesundheit des psychischen Systems gewährleistet, ausklammert. Die beständige, dann therapeutisch sogar noch vorangetriebene Über-Reflexion führt dann zum genauen Gegenteil, da sie nicht erkennt, dass der pure emotionale Intellekt ohne Codierung so nur in einem Teufelskreis versinkt, anstatt ihn zu verlassen.

An diesen Punkten braucht es komplexitätsreduzierten Affekt statt Intellekt. Es braucht ein therapeutisches Verständnis für die Folgen, die übermäßige Kontingenz und übermäßige Komplexität auf ein psychisches System haben können. Wie dies in der Folge genau auszusehen vermag, kann an dieser Stelle noch nicht geklärt werden, da es den Rahmen des Artikels sprengen würde. Es bleibt aber eine Aufgabe, sich dieser Frage in der Zukunft auch in diesem Rahmen wieder anzunähern.

Deutlich werden sollte hier vor allem eines: Nötig ist eine systemische Diagnostik, die auf die beschriebenen, simplifizierenden „Krank vs. gesund“-Dualismen verzichtet und stattdessen auf einen Dreiklang zurückgreift, der verdeutlicht, dass psychische Gesundheit ein Systemzustand ist, der in der Mitte einer Skala anzusiedeln ist und nicht an ihrem Ende. Psychische Erkrankung kann sich in zwei komplett verschiedenen Dimensionen entfalten.

Dies zu erkennen bedeutet, Patienten mitunter jahrelange therapeutische Experimente und (gar das Problem verschlimmernde) Leidenswege zu ersparen, indem man sich darüber klar wird, in welcher Dimension der Skala (hohe vs. niedrige Geschlossenheit des Systems) sich ihre Problematik abspielt. Es wäre erfreulich, wenn eine systemtheoretisch inspirierte Psychiatrische Soziologie als Klinische Soziologie hierzu einen Beitrag leisten könnte.