Montag, 29. Dezember 2014

Psychologische Systemtheorie III: Burn-Out als fehlende Komplexitätsreduktion

Das sogenannte Burn-Out-Syndrom gilt gemeinhin als ein Zustand (formal nicht als Krankheit) massiver emotionaler Erschöpfung infolge von Überbelastung in verschiedenen möglichen Lebensbereichen, nicht zuletzt im Arbeitsleben. Demnach durchschreitet ein Patient mit dieser Symptomatik verschiedene Phasen, die sich zumeist in Extremen manifestieren, wie u. a. überdurchschnittlichem Leistungswillen, Vernachlässigung sozialer Kontakte, Verdrängung, Selbstzweifel, das Gefühl, nur noch zu „funktionieren“, Depression mit möglichen körperlichen Begleitsymptomen und schließlich womöglich gar Suizidversuche.

Obgleich (oder: gerade weil?) das Burn-Out-Syndrom bislang nicht als Krankheit anerkannt ist und in Teilen als „Modediagnose“ gilt, mit der man der Feststellung einer beruflich gefährlicheren Depressions-Diagnose entgehen kann, soll an der Annahme der Existenz der spezifischen Burn-Out-Symptomatik an dieser Stelle nicht gerüttelt werden. Wer an diesem Punkt ein Wegwischen à la „alles nur gut verpackte Larmoyanz“ erwartet oder gar erhofft, wird enttäuscht werden. Aber: Ist der Auslöser wirklich nur bloße „Überbelastung“? Es ist lohnenswert, dieser Frage aus der Sicht einer systemtheoretisch inspirierten Psychiatrischen und Klinischen Soziologie nachzugehen.

Mit einer populären Interpretation dieser üblichen Annahme – Burn-Out als emotionaler Erschöpfungszustand infolge von Überbelastung – und mit dem Namen der Erkrankung als solcher geht ein gewisses Bild einher. Demnach ist da ein Mensch, der mit emotionaler Energie gefüllt ist wie ein Glas mit Wasser. Anstatt diese Energie maßvoll einzusetzen und regelmäßig aufzutanken, wie es als gesund angesehen wird, „verpulvert“ dieser Mensch sehr viel Energie auf einmal für nicht selten beruflich-karrieristische Ziele, ohne sich dabei die Zeit zu nehmen, seinen inneren, emotionalen Akku wieder aufzuladen. Dadurch ist ihm irgendwann alle Energie abhandengekommen und er ist, gleich einer zu lange eingeschalteten Glühbirne, „ausgebrannt“, „burned-out“. Die assoziierte Metapher von der ausgebrannten Birne schafft eine klare und simple Vorstellung von der Kausalkette eines Burn-Out-Syndroms. Damit einher geht dann der Umkehrschluss: Die beste Prävention ist sorgfältig und maßvoll eingesetzte emotionale Energie. Doch ist es wirklich so einfach?

Burn-Out gilt als „Modekrankheit“ bzw. – weniger wertend ausgedrückt – als moderne Zivilisationskrankheit. Das hat Gründe. Gründe, die zu erkennen eine makrosoziologische Perspektive erforderlich machen.

Mit der Transformation stratifizierter, ständebasierter Gesellschaftsformen hin zur funktional differenzierten Weltgesellschaft – welche global gesehen immer noch im Gange und noch längst nicht abgeschlossen ist, vielleicht nie zum Abschluss kommt – gehen für den modernen und für den westlich-postmodernen Menschen neue und schwierige Anforderungen einher. Anforderungen, von denen man meinen sollte, dass man sich, solange, wie Modernisierung, Urbanisierung und Industrialisierung (also Begleiterscheinungen funktionaler Differenzierung) nun schon zurückliegen, so langsam an sie gewöhnt hätte.

Doch es stellt sich nicht nur die Frage, ob der Mensch grundsätzlich imstande ist, sich an sie zu „gewöhnen“. Selbst wenn er es ist, so ist es nicht unsinnig anzunehmen, dass die Entwicklung der sozialen Mechanismen, die ihn zum Umgang mit der weltgeschichtlich gesehen immer noch neuen Gesellschaftsform befähigen, eine längere Zeit in Anspruch nimmt.

Doch was sind überhaupt diese nicht mehr ganz so neuen Anforderungen? Die Systemtheorie beschreibt sie mit dem Begriffspaar der „Komplexität“ und der „Kontingenz“.

Beide Termini beschreiben zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Kontingenz meint eine ganz grundlegende Offenheit und Ungewissheit, die mit dem sozialen Leben ebenso einhergeht wie Komplexität, die dessen Unüberschaubarkeit bezeichnet. Beides sind soziale Phänomene, die wir im Alltag reduzieren müssen, um die Welt, wie sie sich für uns darbietet, ertragen zu können. Der Ungewissheit des Lebens versuchen wir durch versuchte Beeinflussung und Planung – nicht selten finanzieller Art (Sparbücher, Versicherungen), aber auch emotionaler Natur („Liebst du mich wirklich? Sag, dass du mich liebst, los!“) – irgendwie zu begegnen, um dadurch Kontingenz zu reduzieren. Zugleich üben wir uns tagtäglich in (notwendiger, aber eben längst nicht immer effektiver) Komplexitätsreduktion: Sei es über politische Ideologien, die uns ein in sich schlüssiges, stabiles Weltbild verschaffen, sei es über religiöse Dogmen, die unserer Existenz einen Sinn verleihen sollen, oder sei es über die Arbeit, die eine Art modernes Lebenssinn-Substitut als Alternative zur Religion bieten soll.

Im Zuge funktionaler Ausdifferenzierung ist unser soziales Leben kontingenter und komplexer geworden. Unser weiterer Lebensweg ist nicht mehr in so starker Form vorgegeben durch Stand / Klasse, Familie oder religiöse Zugehörigkeit. Stattdessen werden wir konfrontiert mit einer Vielzahl an Möglichkeiten, was die Übernahme sozialer Rollen in den Subsystemen der Gesellschaft angeht. Überall müssen wir uns inkludieren: In der Familie, in Schule oder gar auch Hochschule, im wirtschaftlichen Arbeitsleben, im Gesundheitssystem, im Freundeskreis, in der (freilich selbst gewählten!) Intimbeziehung, im Rechtssystem, irgendwie auch in der Politik (und sei es als Zuschauer, von dem eine Meinung erwartet wird), in Unterhaltung und Massenmedien, die uns tagtäglich eine Vielzahl von Rezeptionsmöglichkeiten anbieten, zwischen denen wir „zappen“ können. Überall sind wir gefragt.

Zugleich wird alles unberechenbarer: Aus Lebensgefährten werden Lebensabschnittsgefährten. Plötzlich ist eine Vielzahl familiärer und sexueller Lebensstile möglich und allgemein auch akzeptiert – was, wenn der Partner plötzlich was anderes will? Seine Arbeitsstelle hat man nicht mehr sein Leben lang, verlangt wird Flexibilität. Freunde ziehen häufiger um, so dass man sich neue suchen muss. Beim Essen können wir frei wählen, aber in globalisierten Zeiten wissen wir auch kaum noch, was drin ist. Wir können mehr Medien konsumieren, aber wem kann man eigentlich noch trauen – dem scheinbar seriösen Menschen von den „Systemmedien“ oder doch lieber dem komischen, langhaarigen Blogger, der jede klare politische Position mit komischen Systemtheorien versalzt?

Und so geht es weiter. Die funktional differenzierte (Welt-)Gesellschaft lässt uns tagtäglich auf eine maßlos erhöhte Komplexität und Kontingenz stoßen, mit der wir irgendwie fertig werden, die wir irgendwie reduzieren müssen, um klarzukommen. Kontingenz- und Komplexitätsreduktion ist insofern gar nicht so negativ, wie sie oft klingt (und wie es zugegeben auch nicht selten von so manch hochmütig-naserümpfendem, ach so komplex denkendem Systemtheoretiker formuliert wird). Es ist ein alltäglicher, sozial legitimer Prozess, der Kommunikation im Kern ausmacht.

Wir können nicht immer überall zu jeder Zeit alles beachten und alles sein. Wir müssen selektieren und unsere Aufmerksamkeit konzentrieren, um wahrzunehmen. Und wir können uns nur über unsere Identität klar werden, wenn wir uns über das klar werden, was wir nicht sind. Daher sind wir nie nur „Mensch“ oder nur „Weltbürger“. Daher haben wir immer nach außen abgrenzbare Identitäten inne, wie zumeist etwa unsere Nationalität. Daher haben wir politische, territoriale und kulturelle Grenzen: Um sortieren zu können – um nicht in Komplexität und Kontingenz zu versinken. Um zurechnen zu können, was wo wer ist.

An diesem Punkt nun schließt sich wieder der Kreis zum Ausgangsthema. Denn Burn-Out ist nicht einfach nur ein Überlastungs-Syndrom. Burn-Out ist eine Folge fehlender Komplexitäts- und Kontingenzreduktion oder platter gesagt: Eine Folge von zu viel Tanzen auf zu vielen gesellschaftlichen Hochzeiten, eine Folge fehlender sozialer Fokussierung. Wer an Burn-Out leidet, der hat nicht einfach bloß „zu viel gearbeitet“, sondern hat im Zuge dieser Arbeit – oder im Zuge eines anderen sozialen Vorgangs – zu wenig fokussiert, zu wenig selektiert, zu wenig Komplexität und zu wenig Kontingenz reduziert. Nicht umsonst ist Burn-Out eine „Akademiker-Krankheit“ – ein Problem von Leuten also, die gewissermaßen beruflich gelernt haben, eben nicht zu „simplifizieren“, Komplexität eben nicht zu reduzieren.

Burn-Out ist zudem, so scheint es, ein Syndrom des postmodernen Menschen – eine Krankheit derer, für die immer alles und zu jedem Zeitpunkt möglich sein muss. Nicht nur für sie (also durchaus nicht nur aus einem egoistischen Blickwinkel heraus), sondern auch durch sie! Der Burn-Out-Erkrankte hat sich die komplexen und kontingenten Ansprüche der funktional differenzierten Gesellschaft ohne die notwendige Reduktion, ohne die nötige, leitcodierte „Filterung“ zu eigen gemacht. Wer ausgebrannt ist, hat nicht einfach seine „emotionale Energie“ verloren, sondern seinen sozialen Fokus.

Burn-Out gleicht damit – wenn auch einhergehend mit einer sehr anders gearteten Symptomatik – eher einem AD(H)S als etwa einer klassischen Depression, welche auch völlig andere Ursachen und Verlaufsformen aufweisen kann, selbst wenn sie als Unter-Symptom zum Burn-Out dazugehören mag. Burn-Out ist wahrlich eine Zivilisationskrankheit, vielmehr noch eine „Gesellschaftskrankheit“, wohl eine, die so derartig einfach makrosoziologisch zu verorten ist wie kaum eine der „klassischen“ psychischen Erkrankungen.

Damit ist sie zugleich ein eindrucksvolles Indiz dafür, wie soziale, systemische Einflüsse auf die individuelle psychische Gesundheit einzuwirken vermögen, ohne sich deswegen zugleich in einer psychoanalytisch zu erkundenden „Tiefe“ zu manifestieren.

Dieser Background sollte im Hinterkopf behalten werden, wenn etwa im Rahmen einer Therapie die Überlegung stattfinden muss, wie mit einem diagnostizierten Burn-Out-Syndrom umzugehen und wie diesem beizukommen ist. Burn-Out-Behandlung ist letztlich gleichbedeutend mit „mit funktionaler Differenzierung klarkommen“. Sowohl wer einer solchen Erkrankung vorbeugen will, als auch, wer sich davon heilen will, muss vor allem lernen, seine „sozialen Rollen zu sortieren“: Es muss also darum gehen, wieder bewusst Kontingenz- und Komplexitätsreduktion zuzulassen, Dinge aus- statt immer nur einzublenden. 

Es ist keine Sünde, die soziale Welt zu simplifizieren, sie übersichtlicher und für sich leichter zu machen. Es ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wir täten gut daran, uns dies wieder in Erinnerung zu rufen. Vielleicht auch auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene – das wird noch zu untersuchen und zu bewerten sein – auf jeden Fall aber auf der individuellen Mikro-Ebene.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

JuLis: Die Politik muss sich endlich hinter die Polizei stellen

Die Jungen Liberalen Bielefeld äußern Kritik am Umgang mit der Polizei in Bielefeld. Diese war in den letzten Monaten immer wieder von gesellschaftlichen Gruppen verdächtigt worden, Rassismus entweder zu ignorieren oder ihn sogar in den eigenen Reihen zu dulden. So hatte das Bündnis Islamischer Gemeinden selbst nach dem anders lautenden Ermittlungsergebnis noch spekuliert, die Moscheebrände in Bielefeld hätten einen politischen Hintergrund gehabt. In letzter Zeit war zudem im Zusammenhang mit einem Prozess um Polizeikontrollen auf dem Kesselbrink von Rassismus die Rede.

"Seit Wochen und Monaten krakehlen Verbände und linke Gruppen wider alle Fakten lauthals herum, um die Sicherheitsbehörden in ein schlechtes Licht zu rücken. Dabei wurden sie nun mehrmals über Ermittlungsergebnisse und Gerichtsurteile von der Realität widerlegt", sagte Florian Sander, Kreisvorsitzender der JuLis Bielefeld. "Irgendwann sollte man das dann auch mal einsehen."

Es sei vor allem enttäuschend, dass kaum jemand aus der Politik das Rückgrat gezeigt habe, sich hinter die Polizei zu stellen. Deren Arbeit und auch deren Arbeitsbedingungen seien ohnehin schon schwierig genug. Sander: "Wenn jetzt bei jeder noch so banalen Kontrollmaßnahme, die in einer Stadt mit einem Migrantenanteil von 30 % logischerweise auch mal Migranten trifft, sofort "Rassismus!" gebrüllt wird, werden wir irgendwann keine Polizisten mehr haben, weil niemand sich dauerhaft unwidersprochen von allen möglichen linkslastigen Grüppchen verleumden lassen will." Einer solchen Entwicklung gelte es politisch klar entgegenzuwirken.

Samstag, 15. November 2014

Ein postmoderner Morgen

Schon das Klingeln des Weckers war das Resultat einer Entscheidung. Zwischen wie vielen Melodien hatte Leon-Alexander doch wählen können, als er sich vor dem Schlafengehen den Handywecker gestellt hatte, der ihn nun, um 6.30 Uhr mit einer beliebigen, nicht näher umrissenen Chart-Melodie (halb) wach klingelte. Zum Glück hatte er den Schlummermodus eingestellt. Er drehte sich nochmal um und döste. Eine Minute. Zwei Minuten. Drei. Vier. Fünf… es klingelte.

Im Bad die nächste Lebensentscheidung. Gut, das Duschen war noch recht alternativlos. Obwohl, wenn er da an das vielfältige Duschbad-Angebot im Supermarkt dachte, dessen Duftpalette die exotische Flora eines ganzen Urwalds abdeckte… egal. Rasieren. Rasieren? Stopp. Nicht so schnell. Er wollte doch einen Bart. So einen, wie ihn der Jan-Marvin aus dem Mathe- und dem Sowi-Kurs jetzt hatte. Wenn er nur endlich wachsen würde!

Dieser intellektuelle Touch, der Jan-Marvin umgibt, seit er diesen Vollbart trägt, war nicht nur ihm aufgefallen. Selbst der Mathelehrer hatte ihn seitdem nicht mehr an die Tafel geholt. Immer, wenn dessen Blick auf Jan-Marvin fiel, strich sich dieser betont nachdenklich über den munter sprießenden Vollbart… und der Blick schweifte weiter. Die Tatsache, dass Jan-Marvin trotzdem keine Ahnung hatte, wurde buchstäblich von Haaren verdeckt.

Leon-Alexander legte den Rasierer wieder weg. Stattdessen nun Gel in die Haare. Akkurater Seitenscheitel. Wenn man ihn nun so sah, wirkte er fast wie dieser Typ von der Jungen Union, der aus dem Sowi-Kurs. Gut, dass er noch nicht fertig war mit seinem ausgiebigen Styling! Er setzte sich seine Brille auf. Die mit dem dicken schwarzen Rand. Er sah sich prüfend im Spiegel an.

Er war natürlich kein Hipster. Er würde sich nie einer Subkultur zuordnen. Feste Bindungen waren nichts für Leon-Alexander. Das hatte immer so diesen Aspekt der Verantwortung. Etwas, wo man nicht wieder raus kann. Und vor allem etwas, das andere auch waren. Er war aber nicht wie die anderen. Er war eine ganz eigene Persönlichkeit, etwas ganz besonders! Jawohl, etwas ganz besonderes. Und das sollte in seinem Äußeren zum Ausdruck kommen.

Gut, Lena-Sophie – die Hübsche aus dem Sowi-Kurs – hatte ihn neulich „Hipster“ genannt. Und ihre Freundin auch. Und irgendwer hatte es ihm neulich auf der Straße hinterher gerufen. Das war aber bestimmt nur wegen der Hose. All die Leute konnten ja nicht wissen, dass er eigentlich etwas ganz besonderes war. Wie sollten sie auch, sie kannten ihn ja alle kaum. Sie wussten ja nicht, wie anders und individuell er wirklich war. Er machte sein Ding. Scheiß auf die anderen, lebe deine Träume! Jawohl.

Aber die anderen sollten schon wissen, dass er seine Träume lebt. Ein Hauch von Unmut stieg in ihm auf. Hielten die ihn etwa für einen Mitläufer? So einen, der nur einem Trend folgt?! So einer war er schließlich nicht. Der Jan-Marvin, der war so einer. Neulich hatte er auf Facebook auch sowas mit „lebe deine Träume“ oder so gepostet. Haha. Dieser Mitläufer! Nur weil er jetzt Bart trägt, meint er, er wär‘s. Gut, dass er, Leon-Alexander, da so ganz anders war. Sich seine eigene Gedanken über die Welt macht. Und so.

Zum Beispiel zur Politik. Erst neulich hatte er im Sowi-Kurs gesagt, wie kritisch er unser Wirtschaftssystem sieht. Dass alle nur an sich denken und so. Dass der Kapitalismus uns alle kaputt macht. Gut, so ganz ohne geht es auch nicht. Es muss eben was ganz Neues her. Was genau, wusste er jetzt aber auch nicht so schnell.

Die Lena-Sophie hatte ihn dabei ganz bewundernd angeschaut. Da hatte er sich einfach mal über den Bartansatz gestrichen, so nachdenklich, wie der Jan-Marvin immer. Ja, er machte sich ganz eigene Gedanken über unsere Gesellschaft. Nicht so wie die ganzen Mitläufer drum herum.

Heute würde er sich wieder so über den Bartansatz streichen, nahm er sich vor, als er vorm Spiegel stand. Und vielleicht dabei einmal die schwarz umrandete Brille abnehmen, am Bügel kauen und wieder aufsetzen. Die Lena-Sophie fand das bestimmt toll, ihn so nachdenklich zu sehen. So wie ja kein anderer war. Den anderen geht’s ja immer nur darum, wie sie auf andere wirken. Sowas fand er ja wieder typisch. Gut, dass er da anders war. Was ganz besonderes!

Er wollte frühstücken, spürte jedoch, dass ihm der Hunger fehlte. Außerdem konnte er sich nicht entscheiden, was er hätte essen sollen. Die Auswahl im Kühlschrank war wieder so groß.

Er machte sich auf den Weg zu seinem Gymnasium. Als er den Haupteingang passiert hatte, kam Tim-Lucas aus dem Deutsch-LK an ihm vorbei und grüßte. Er trug jetzt Vollbart. Eine dick schwarz umrandete Brille hatte er schon länger. Jetzt war noch ein „fuck capitalism“-Shirt dazu gekommen. Dieser Heuchler! Hatte er doch nur an, um bei Lena-Sophie zu landen. Gut, dass er nicht so war. Er, Leon-Alexander, war authentisch. Er machte sein Ding. Scheiß drauf, was die anderen denken. Heuchlerische Gesellschaft. Er nahm einen Schluck aus seiner Cola-Flasche. Zum wach werden.

Eigentlich sollte er davon nicht zu viel trinken. Hatte ihm jedenfalls seine Mutter immer wieder gesagt. Wegen seiner Ritalin-Dosis, die er immer bekam. Zum Konzentrieren. Er verdrängte die Gedanken. Nicht weil es ihm peinlich war. Die Lena-Sophie und der Tim-Lucas müssen wohl auch immer Ritalin nehmen. Sie gehen damit ganz offen um. Warum auch nicht? Scheiß auf die anderen, mach‘ dein Ding. Egal was die Leute denken. Er war eben was ganz besonderes und das sollte auch jeder wissen!

Nein, die Überlegungen verdrängte er, weil er eh schon mit dem Gedanken gespielt hatte, künftig seine Ernährung umzustellen. Vegan wollte er werden. Es gab da ja jetzt auch ganz viele Angebote im Supermarkt für Veganer. Außerdem lebte die Lena-Sophie auch vegan. Das würde ihr gefallen. Es war ja auch wichtig. Wegen der Tiere und so. Gut, dass wenigstens er die Dinge so kritisch sah. Er postete auch regelmäßig Artikel zum Klimawandel auf Facebook. Er fand, dass es wichtig ist, sich zu engagieren. Gerade auch gegen Kapitalismus. Und Ungerechtigkeit! Er strich sich nachdenklich über den Bartansatz. Er sah sich als aktiven Teil der Zivilgesellschaft.

Sein Sowi-Lehrer hatte ihn und die anderen neulich gefragt, ob sie sich nicht in irgendeiner Partei engagieren wollten. Da hatte Leon-Alexander zögernd den Kopf geschüttelt. Nee, also Kapitalismus war natürlich scheiße. Aber die Linken waren ihm da auch irgendwie zu dogmatisch. Die Grünen waren ja auch nicht mehr das, was sie mal waren. Und die anderen alle so angepasst und alt. Oder halt rechts, noch schlimmer. Und er wollte ja auch seine Freiheit. So Hierarchien in Organisationen und sowas, das war nix für ihn. Lieber erstmal so sein Ding machen. Scheiß auf die Leute. Leb deinen Traum!

Zum Beispiel eine Weltreise. Er sah sich ja eh eher so als Weltbürger, als Kosmopolit. Alle zusammen und so. Son bisschen rumreisen nach dem Abi. Seine Eltern hatten sich bereit erklärt, ihm dafür einen Zuschuss zu geben. Sein Vater war Rechtsanwalt. Gut, dass er jetzt diesen neuen Mandanten hatte, diesen Aufsichtsratstypen. Dadurch lief die Kanzlei gut und seine Eltern wurden etwas großzügiger.

Die Sowi-Stunde begann. Thema war die Situation in Nahost. Schlimm, was da abgeht. Auch mit dem IS und Assad. Komplexe Sache. Was sollte man tun? Waffen liefern (wenn ja, an wen?), eingreifen, raushalten, bombardieren, Bodentruppen? Der Lehrer fragte in die Runde. Man muss hier natürlich beide Seiten bedenken, dachte Leon-Alexander, während er am Bügel seiner schwarz umrandeten Brille kaute. Da gibt es nicht die eine Lösung. Die Kurden sollten mit friedlichen Mitteln auf die Angriffe reagieren. Man muss das kritisch sehen. 

Er nahm einen Schluck aus seiner Cola-Flasche, räusperte sich und setzte an, seine Gedanken laut auszusprechen. Da bemerkte er, dass Jan-Marvin schon dran genommen worden war. Er sähe das Ganze ja alles sehr kritisch, sagte der. Dabei strich er sich nachdenklich über den Vollbart. Lena-Sophie schaute ihm mit bewunderndem Blick zu. Leon-Alexander hörte sie zu Jan-Marvin flüstern: "Find ich ja super, dass du dir so deine ganz eigenen Gedanken dazu machst..."

Donnerstag, 13. November 2014

JuLis begrüßen Klarstellung des Integrationsrates

Die Stellungnahme des Vorsitzenden des Integrationsrates, Mehmet Ali Ölmez, zur Diskussion um eine Umbenennung des Martinsfestes trifft auf die Zustimmung der Jungen Liberalen Bielefeld. Ölmez hatte betont, die Bielefelder Migranten forderten gar keine Umbenennung des Festes und feierten es mit Begeisterung mit. Die Offenheit von Kitas werde in Teilen zu Lasten von Migranten inszeniert.

„Herr Ölmez spricht da einen sehr wichtigen Punkt an“, sagte Florian Sander, Kreisvorsitzender der JuLis Bielefeld und ehemaliges Mitglied des Integrationsrates. „Die Abschaffung eigener Traditionen ist keine Integrationsleistung, sondern scheinprogressive Profilierung. Eine Aufnahmegesellschaft, die ihre eigene Identität nicht mehr kennt, kann auch niemanden integrieren, da sie ja nicht weiß, in was überhaupt integriert werden soll. Eigentlich eine ganz simple Logik.“

Es sei ein sehr hoffnungsvolles und positives Signal, dass der Integrationsrat dies ähnlich sehe. Zugleich nehme er die Migranten damit aus der Schusslinie der Debatte. „Es zeigt, dass die Mehrheit der Migranten mit solchen Themen viel gelassener umgeht als die vorauseilende Political Correctness von Teilen der deutschen Aufnahmegesellschaft glauben machen will. Es könnte nicht schaden, sich diese Gelassenheit zu eigen zu machen“, so Sander.

Donnerstag, 6. November 2014

Die moralinsaure Selbstüberschätzung der Sterbehilfe-Gegner

Sowohl in Deutschland wie auch anderswo braucht es immer wieder prominente, mutige Menschen, die mit ihrem Anliegen, aufgrund einer schweren Erkrankung selbstbestimmt ihrem Leben ein Ende setzen zu dürfen, an die Öffentlichkeit gehen, um das Thema Sterbehilfe zurück in den politischen Diskurs zu holen (jüngster Fall: die Amerikanerin Brittany Maynard, die an einem unheilbaren Hirntumor litt und kürzlich Suizid beging). Doch als wenn diese stiefmütterliche Behandlung eines so wichtigen, da prinzipiellen Themas nicht unbefriedigend genug wäre, muss man zudem attestieren, dass die sich stets nach dem gleichen Muster wiederholenden Debatten dazu bislang ohne wirklich positiven Effekt geblieben sind.

Das ist zumeist das Resultat dreister Ignoranz. Ignoranz, die entweder aus irrationaler und im Kern doppelmoralischer christlicher Dogmatik herrührt, oder aber aus dem unter Medizinern gelegentlich verbreiteten Selbstbild – um nicht zu sagen: der Größenwahnvorstellung – des Halbgottes in Weiß, dessen (palliative) Schulmedizin alle Probleme, mit denen Schwerkranke konfrontiert sind, zu lösen vermag. Doch zunächst zur ersteren Gruppe.

So musste man kurze Zeit nach Maynards Tod tatsächlich eine „Kritik“ des Vatikans lesen, im Zuge derer ein sicherlich mitten im Leben stehender kirchlicher Hirte äußerte, die todkranke Amerikanerin habe damit einen Fehler begangen. Einen Vorgang, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: Ein weltabgewandter, vermutlich recht gesunder, im vatikanischen Mikrokosmos lebender Priester äußert sich gegenüber der Weltöffentlichkeit mit negativen moralischen Urteilsbegründungen über eine Frau, die in ihrer Verzweiflung über ein nicht selbst gewähltes Schicksal eine mutige Entscheidung traf, um sich weiteres, noch schlimmeres Leid zu ersparen. Ein Vorgang von so epochaler, universaler Dreistigkeit, dass er so manche Doppelmoralismen aus der hiesigen Tagespolitik locker in den Schatten stellt. Und ein Vorgang, der zeigt, dass die Katholische Kirche letztlich nichts eingebüßt hat von ihrer historisch, ja weltgeschichtlich belegten Rolle einer globalen Organisation, die eher zum Schaden von Menschen agiert als zu ihrem Wohle.

Denn: Die deutschen Kollegen des vatikanischen Hirten machen derweil hierzulande weiter. In öffentlichen Diskursen, aber auch hinter verschlossenen Türen, in Ethikkommissionen und ähnlichen Gremien, wirken die stets – unverständlicherweise – als Moralbotschafter berufenen Priester kontinuierlich darauf hin, das Leiden schwerkranker Menschen über das Maß hinaus zu verlängern, das die Betroffenen selbst zu akzeptieren bereit sind. Jeden Tag erleiden nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern der Welt Menschen unerträgliche Schmerzen und teilweise, wie unten noch zu zeigen sein wird, auch Leid anderer Art, weil Kirchenvertreter in mächtige, politische und (schein-)ethische Gremien berufen werden und dort ihr unheilvolles Wirken weiter treiben, das die Katholische Kirche in hunderten von Jahren zu praktizieren gelernt hat.

Doch auch die Evangelische Kirche ist hier kein größerer Hoffnungsträger: Deren frühere Bischöfin und heute noch immer umtriebige Lautsprecherin Margot Käßmann etwa – zuletzt mit lebensnahen Vorschlägen wie „Sitzstreik gegen den IS“ aufgefallen – lehnt die Legalisierung aktiver Sterbehilfe ebenso entschieden ab wie die katholischen Kollegen. Gleiches gilt für die anderen beiden großen monotheistischen Glaubensrichtungen Islam und Judentum. Wer eine organisierte weltanschauliche Vertretung für das Anliegen der aktiven Sterbehilfe sucht, muss sich an engagierte Vorfeld-Organisationen wie etwa den Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) wenden.

Doch die Auseinandersetzung mit religiösen Dogmatikern bildet hierbei nur eine von mehreren „Fronten“ der Debatte. Eine andere, vielleicht noch problematischere, da in einer zunehmend areligiösen Gesellschaft einflussreichere Konfliktlinie ist die, die sich zwischen Sterbehilfe-Befürwortern einerseits und Medizinern andererseits befindet. So ist nicht zuletzt von Palliativmedizinern häufig zu hören, es müssten nur die Palliativforschung und die palliativmedizinischen Strukturen ausgebaut werden, um dem Leid verzweifelter Betroffener entgegentreten zu können.

Nun soll denjenigen Medizinern, die sich gegen die Legalisierung aktiver Sterbehilfe aussprechen, an dieser Stelle nicht pauschal der gute Wille abgesprochen werden, zumal vermutlich viele Deutsche auch Beispiele etwa von verstorbenen Verwandten oder nahen Bekannten kennen, die mit hochwertiger Palliativmedizin einerseits und zudem hervorragender Hospizarbeit andererseits ein Lebensende erlebt haben, das von Würde geprägt war und ohne unerträgliche Schmerzen und Einsamkeit auskam. Derartige, wichtige Strukturen unseres Gesundheitssystems sollen und dürfen nicht angetastet werden. Ein Ausbau ist hier ganz ohne Zweifel wünschenswert.

Dennoch ist dies nicht der Weisheit letzter Schluss. Denn einerseits hat die Forderung von Palliativmedizinern, seien sie nun behandelnde Ärzte oder Forscher, palliativmedizinische Forschung und Strukturen auszubauen, immer auch ein „Geschmäckle“: So bedeutet eine Erfüllung dieser Forderung schließlich auch ein Mehr an Forschungsgeldern, an betreffenden Arbeitsplätzen, ggf. an Einkommen, an gesellschaftlicher Anerkennung und Prestige. Es gibt also vielfältige Interessen seitens vieler Mediziner, hier für einen Ausbau einzutreten, die mit altruistischen Motiven und dem Wohl schwerkranker Patienten mitunter herzlich wenig zu tun haben. Dieses Faktum gilt es im kritischen Blick zu behalten.

Gleiches gilt in diesem Kontext auch für eine weitaus einfachere und wohl noch verbreitere Erscheinung: Der Selbstüberschätzung in Verbindung mit einem – in so gut wie jeder Berufsgruppe auftretendem – Fachidiotentum, im Zuge dessen Ärzte glauben, mit den Mitteln der Naturwissenschaft jegliches Problem, das sterbewillige Schwerkranke beschäftigt, beseitigen zu können. Ein Glaube, der in seiner Weltfremdheit und Weltabgewandtheit demjenigen der religiösen Dogmatiker in nichts nachsteht, der jedoch stets unter dem Bonus des rational-professionellen Backgrounds firmiert und dadurch für das Anliegen aktiver Sterbehilfe weitaus gefährlicher ist als das jahrtausendealte, aber weitläufig entzauberte Moralin-Gift der Kirchenvertreter.

Und so gefährlich die Überzeugung, mit Palliativmedizin alle Bedenken zerstreuen zu können, ist, so falsch ist sie auch. Denn nicht nur gibt es Erkrankungen, für die es – auch und gerade im Endstadium – nach wie vor keine genügend wirksame Schmerzbehandlung gibt (hier würde das Argument, man müsse nur die Forschung vorantreiben, ja noch halbwegs greifen!).

Viele Erkrankungen sind auch aufgrund ganz anderer Aspekte als nur der Schmerzen für die Betroffenen unerträglich: Man denke etwa an äußere Entstellungen oder auch gravierende Behinderungen (hohe Lähmungen, Locked-In-Syndrom, gravierende Sinneseinschränkungen, Kommunikationsunfähigkeit etc.), die zu teils extremer sozialer Isolation und / oder Hilflosigkeit, massiver Pflegebedürftigkeit und zumindest seitens der Betroffenen empfundener Entwürdigung beitragen und den Erkrankten das Leben weniger in körperlicher, sondern in psychosozialer Hinsicht unerträglich machen. Hier können psychotherapeutische Maßnahmen zwar mitunter helfen – und man sollte auch hier keinen entsprechenden Versuch auslassen – aber sie tun es nicht zwingend.

Nicht selten wird die Situation von Betroffenen – gerade, wenn sie zuvor ein anderes Leben kannten, also womöglich den direkten Kontrast dazu erlebt haben – als schlicht aussichtslos erlebt. Und dies eben nicht zwingend aus physischen Gründen, sondern aufgrund sozialer Folgeerscheinungen, im Zuge derer sich aus Isolation und Einsamkeit heraus der Wunsch entwickelt, einem solchen Dasein, in dem von Selbstbestimmung, Würde und – für Menschen lebensnotwendiger! – Interaktion kaum noch die Rede sein kann, zu entkommen.

Die Skizzierung derartiger Szenarien soll nicht die Aussage mit sich bringen, dass schwere und / oder stark einschränkende Erkrankungen oder Behinderungen in jedem Falle und immer derartige Folgen mit sich bringen. Oft genug finden betroffene Menschen durchaus Wege, sich mit ihrem Schicksal zu arrangieren. Der Respekt gegenüber dieser Stärke und diesem Resultat selbstbestimmten Entscheidens sollte für die ganze Gesellschaft ebenso selbstverständlich und klar sein.

Doch: Es gibt eben auch die andere Seite. Eine Seite, die weit über verengte Debatten, die sich bloß um schmerzstillende Medikamente drehen, hinausgeht. Und eine Seite, bezüglich derer man sich hüten sollte, sich ein vorschnelles, allzu moralingetränktes Urteil anzumaßen – sei es nun geboren aus medizinischer Selbstüberschätzung oder aus der Weltfremdheit monotheistisch-religiöser Dogmatik.

Samstag, 25. Oktober 2014

JuLis: Wilde Spekulationen nun endlich einstellen

Die Jungen Liberalen Bielefeld äußern sich zum polizeilichen Ermittlungsergebnis hinsichtlich der Moscheebrände in Bielefeld. Nachdem vorher allgemein von fremdenfeindlichen Motiven ausgegangen worden war, war nun herausgekommen, dass es sich bei dem Täter um einen mutmaßlichen Drogenabhängigen gehandelt hat, der aus Habgier und Frustration heraus gehandelt habe. Das Bündnis Islamischer Gemeinden (BIG) hatte Zweifel daran angemeldet und spekuliert, das sei nur eine Schutzbehauptung, die politischen Extremismus verdecken solle.

Dazu erklärt Florian Sander, Kreisvorsitzender der JuLis: "Es war von Anfang an unseriös, bei einer derartigen Tat, bei der viele Motive verschiedenster Tätergruppen in Frage gekommen sind, öffentlich zu spekulieren. Damals war diese Art der Reaktion aufgrund der nachvollziehbaren Emotionalisierung noch verständlich. Aber nun sollten diese wilden Spekulationen wirklich ein Ende haben."

Es sei bekannt, dass Funktionäre wie Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime, geübt darin seien, der deutschen Gesellschaft beständig Islamfeindlichkeit zu unterstellen. Wer nun über ein polizeiliches Ermittlungsergebnis hinaus immer noch öffentlich und wider alle Fakten über derlei vermeintliche Motivlagen spekuliere, der setze sich irgendwann dem Vorwurf aus, die politische Autorität einer gesellschaftlichen Opferrolle anzustreben.

Samstag, 11. Oktober 2014

Hochschuldebatte: Zur Krise eines Wissensstandortes

Klamme Unis, ausgebeutete Dozenten, Profitinteressen und ein sich schlank sparender Staat: Das alles hängt zusammen. Nur kaum einer will das wahrhaben – schon gar nicht die FDP.

Ein Gastbeitrag von Sebastian Müller

Innerhalb der nordrhein-westfälischen FDP-Basis, genauer in Bielefeld, wurde jüngst in hier und hier online gestellten Leserbriefen über die Hochschulpolitik diskutiert. Hintergrund ist die knappe Finanzlage der Hochschulen und die zunehmende Prekarisierung des akademischen Mittelbaus, die zuletzt auch immer wieder in der SZ thematisiert wurde.

Die Regionaldebatte ist deshalb so interessant und erwähnenswert, weil sie erstens überregional derzeit weitestgehend totgeschwiegen wird, und zweitens dennoch symptomatisch ist. Das letzte Rauschen im Blätterwald gab es Mitte September nach einer Stellungnahme der wissenschaftspolitischen Sprecherin der FDP-Fraktion in NRW, Angela Freimuth, zum umstrittenen Hochschulzukunftsgesetz (HZG). Das wurde wenige Tage zuvor verabschiedet, und räumt der Ministerialbürokratie NRW unter anderem mehr Kontrolle über die Finanzplanung der Hochschulen ein.

Daran reiben sich sowohl Freimuth als auch Daniel Steiner, Mitglied des Bielefelder Studierendenparlaments und stellvertrender Vorsitzender der Liberalen Hochschulgruppen NRW, die im HZG eine Schwächung des Wissenschaftsstandortes Nordrhein-Westfalen sehen. Doch das ist nicht viel mehr als Kampfrethorik. Tatsächlich dreht sich der ganze hochschulpolitische Streit um das HZG nicht zuletzt um das Paradigma der „unternehmerischen“ bzw. der „entfesselten“ (Detlef Müller-Böling vom bertelsmannschen Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)) Hochschule gegen das Leitbild einer demokratischen und sozialen Hochschule in gesellschaftlicher Verantwortung. Dieses Paradigma steht in einem direkten Wirkungszusammenhang mit der knappen Finanzlage. Dazu später mehr.

Vor allem wurde und wird neben dem bedenklichen Leitbild der “unternehmerischen Hochschule” eine weitere zentrale Problematik unisono nicht aufgegriffen. Damit dreht sich die Debatte um sich selbst. Symptomatisch ist sie, weil sie insgesamt für eine FDP steht, die einfach nicht in der Lage ist, ihren in fast allen Belangen neoliberalen Dogmatismus zu überwinden, und damit auch nicht die Gründe für ihren Niedergang begreifen wird. Das zumindest erkennt Florian Sander, leBoh-Autor, als einer der Diskutierenden immerhin selbst:
“Einher geht diese Ignoranz mit einem Freiheitsbegriff, der bis auf einige wenige thematisch verengte Wirtschaftsliberale niemanden mehr anspricht und den auch niemand braucht, da er das Individuum ausklammert und sich in wahltaktischem Klienteldenken erschöpft. Es bleibt ein Rätsel, wie eine Partei, die selbst auf lokaler Ebene eine solche Politik der politischen Konkursverwaltung verfolgt, sich jemals wieder erholen will.”
Längst muss die Ursache der Unterfinanzierung der Hochschulen trotz geschnürter Milliardenpakete des Bundes, und damit das zentrale und übergreifende Problem für die Infrastruktur des Wissensstandortes Deutschland in einem größeren Zusammenhang gesehen werden. Dieser wurde – wahrscheinlich unwissentlich – im Zuge der Diskussion zwar von Steiner kurz erwähnt, ohne aber auch nur in einem Halbsatz kritisch darauf einzugehen: Die 2009 durch Bundestag und Bundesrat verankerte “Schuldenbremse” – und mit ihr auch die im größeren Umfang von der FDP in Regierungszeiten mit unterstützte Austeritätspolitik der Bundesregierung!

Diese beiden Daumenschrauben erlauben den Ländern und Kommunen keine seriöse Haushaltspolitik mehr; sprich auch die Möglichkeit, in Bildung zu investieren, anstatt dort immer mehr Kürzungen vorzunehmen. Denn es ist nichts neues, dass es immer Kultur und Bildung sind, die als erstes zu leiden haben, wenn die Gelder klamm sind.

Im Grunde genommen wird nun allenthalben über jene Folgen auf Kommunal- und Landesebene geklagt, die durch eine jahrelange Spar- und Steuersenkungspolitik selbst geschaffen wurden. Das Problem also ist längst übergreifend, und lässt sich angesichts einer chronischen Unterfinanzierung nicht über eine hochschulpolitische Diskussion lösen. Fakt ist, dass die Frage, ob dem Zweig nun mehr Autonomie zugestanden werden soll oder nicht, belanglos ist, wenn am ganzen Ast gesägt wird.
Denn durch die rigide Spar- und Kürzungspolitik untergräbt Deutschland seine einst so guten Voraussetzungen als Wirtschaftsstandort insgesamt. Mittlerweile verrottet die Infrastruktur allenthalben, Gelder zur Instandsetzung von Brücken etc fehlen. Schulen, Büchereien und Schwimmbäder müssen geschlossen, der ÖPNV ausgedünnt werden und so weiter und so fort. Länder und Gemeinden schaffen es dabei immer weniger, ihren hoheitlichen Aufgaben nachzukommen. Stichworte: Outsourcing, Privatisierung, PPP, Cross-Border-Leasing, Subunternehmen.

Das alles ist auch FDP-Vokabular. Und die Geschichte vom Rückzug des sparenden Staates hat ihre eigenen Kapitel. Das Jüngste ist die von misshandelten Menschen in einem Flüchtlingsheim im nordrhein-westfälischen Burbach. Die Täter: Angestellte des “sozialen Dienstleisters” European Homecare (EHC). Es ist ein Beispiel der vielen möglichen Folgen, wenn die öffentliche Hand immer mehr Aufgaben privaten Unternehmern überlässt.

Man kann jetzt fragen, was das alles mit Bildungs- und Hochschulpolitik zu tun hat. Mehr als man denkt. Denn nicht nur eine Privatisierungspolitik, sondern auch der steigende Einfluss von Unternehmen auf Bildung und Forschung ist zu beobachten und offenbar politisch gewünscht. Zu der zunehmenden Ökonomisierung und deren Folgen hatte einst auch Florian Sander unter dem bezeichnenden Titel “Die Ökonomisierung der Bildung ist unliberal” Stellung genommen:
“Die deutschen Studierenden sollen vor allem als Humankapital für die Wirtschaft fit gemacht werden: Die Abschlüsse sollen vergleichbarer werden, das Studium kürzer, die Inhalte „praxisnäher“, die Organisation „effizienter“. Die neu installierten Hochschulräte, ausgestattet mit erstaunlich weitreichenden Kompetenzen, wirken in ihrer Zusammensetzung nicht selten wie operative Kopplungen, über welche das Wirtschaftssystem seine (Profit-)Interessen besser in die Wissenschaften projizieren kann.”
Dass eine solche Entwicklung um so mehr gefördert wird, je knapper die öffentlichen Mittel werden, scheint dabei aber im blinden Fleck des deutschen Liberalismus zu liegen. Die von den Liberalen so hofierte Wettbewerbsfähigkeit und Standortkonkurrenz sind längst jene ideologisch aufgeladenen Kampfbegriffe, die auch zum Leitbild für die „unternehmerische“ oder „entfesselte“ Hochschule geworden sind. Deren Forschung und Entwicklung soll angesichts rückläufiger oder bestenfalls stagnierender staatlicher Grundmittel mehr und mehr durch den Wettbewerb um die Einwerbung zusätzlicher Drittmittel gesteuert werden, die inzwischen teilweise bis zu 40 Prozent am Gesamtbudget der Hochschulen ausmachen.

Ohne nun auf die Gefahren eines wissenschaftlich-industriellen-Komplexes einzugehen, zeigt das alles, dass eine klein-klein-Diskussion über Hochschulorganisation wenig bringt, wenn man die Ursachen des Problems auf der Makroebene nicht benennt: Das Eingeständnis, das eben Schuldenbremse und Austeritätspolitik mitten in der Krise (prozyklisch) nicht nur krisenverschärfend wirken, sondern auch in jederlei Hinsicht zukunftsschädigende Folgen haben. Das Eingeständnis also, dass diese fiskalpolitischen Instrumente, die die FDP bis heute unbeirrt mit trägt, rein gar nichts mit seriöser Haushaltspolitik zu tun haben.

Es ist im weitesten Sinne eine bildungspolitische Frage: Wenn die FDP argumentiert, dass der Staat, wenn er Schulden mache, dies auf Kosten der zukünftigen Generationen tue, ist das zwar reine Polemik, aber leider auch Common-Sense geworden. Tatsächlich sind Investitionen in Infrastrukturprojekte – und Hochschulen zählen dazu – eine Investition gerade zu Gunsten zukünftiger Generationen.

Solange hier kein Umdenken stattfindet, ist die Diskussion über eine fragwürdige Hochschulfreiheit im Sinne der Privilegien von Rektoren nicht wirklich zielführend. Sie kann jedenfalls nicht das Problem der Prekarisierung des akademischen Mittelbaus lösen. Dieses Problem ist ohnehin eine konsequente Fortentwicklung eines wachsenden Phänomens in Zeiten schrumpfender Mittelschichten: Das Bildungsprekariat. 

Sebastian Müller ist Historiker (Mag.) und Politikwissenschaftler und ist als freier Autor tätig. Er betreibt den neoliberalismuskritischen Blog Le Bohémien, in dem dieser Artikel zuerst veröffentlicht wurde.

Dienstag, 7. Oktober 2014

"Corporate Social Responsibility" als systemischer Effekt

Das folgende Interview mit Simone Burel (inkl. der Einleitung) erschien zuerst hier und wird an dieser Stelle zweitveröffentlicht - mit freundlicher Genehmigung von Jobs To Be.

Corporate Social Responsibility ist in aller Munde. Weil das niemand aussprechen kann, sagen alle CSR. Gemeint ist damit die soziale Verantwortung von Unternehmen in der Gesellschaft. Immer mehr Menschen haben sich in den letzten Jahren nämlich gefragt, welchen Beitrag Unternehmen eigentlich zum Gemeinwohl leisten. Ein Aspekt, der nicht nur zunehmend Kaufentscheidungen beeinflusst, sondern auch die Jobwahl. Wer möchte schon gerne für ein Unternehmen arbeiten, dass die Umwelt versaut, Kinder arbeiten lässt oder seine eigenen Mitarbeiter schlecht behandelt. Das haben auch die Unternehmen erkannt und eilig ethische Standards festgelegt.

Texte sind schnell geschrieben und für Außenstehende nicht immer einfach zu durchschauen. Deswegen haben wir jemanden gefragt, der eine Vision von einer Mission unterscheiden kann. Simone Burel schreibt gerade ihre Dissertation über Unternehmenswerte und ist somit ausgewiesene Expertin im Karneval der Begriffe. Wer eine Vision hat, sollte also nicht zum Arzt gehen, sondern zu Simone Burel.

JTB: Die meisten Unternehmen verschriftlichen heute grundsätzliche Leitlinien in Form von Visionen, Mission Statements oder Codes of Conduct. Für Außenstehende ist es oft schwer, den Unterschied zu erkennen. Kannst du uns da helfen?

SB: Für Unternehmen ist es gegenwärtig in der Tat wichtig, ein „Selbstbekenntnis“ in Textform anzubieten. Unternehmen sind jedoch oft sehr ungenau mit ihren Textbezeichnungen, was interessierte Leser durchaus verwirren kann. Denn es werden nicht nur prominente Bezeichnungen wie „Vision“, „Mission Statement“ oder „Code of Conduct“ synonym genutzt, sondern darunter auch ähnliche Inhalte subsumiert.

Gleichsam ist es aber auch beobachtbar, dass verschiedene Unternehmen die Textsorten unterschiedlich interpretieren. Man kann also schwer einen Textsorten-Prototyp für die Realität auffinden. Die konkreten handlungsbezogenen Werte und Prinzipien unterscheiden sich durch ihre rechtliche Bindung von der eher bildhaften Vision und Mission. Vision und Mission implizieren einen stärkeren Zukunftsbezug und wollen das Verhalten der Adressaten leiten, indem sie auf bestimmte Ziele verpflichten und zu motivieren suchen. Der Code of Conduct setzt dagegen nur allgemeine Prinzipien fest.

JTB: Oft hat es den Anschein, dass solche Wertegerüste erst als Reaktion auf Kritik von außen verfasst werden. Erst wenn etwas passiert ist, wird Besserung gelobt. Wieviel ist also Greenwashing und wieviel ist wirklich ernst gemeint?

SB: Das ist aus meiner Perspektive schwer zu beurteilen. Einerseits ist häufig zu beobachten, dass Unternehmen gerade nach Krisen Werte wie „Sicherheit“ und „Transparenz“ hochhalten (z.B. die Banken) und sich damit dem vielfach kritisierten Trend der Vermarktung einer Unternehmensethik unterwerfen. Welches große Unternehmen kommt heute noch ohne Kernwerte aus? Gleichsam ist dies aber auch als systemischer Effekt von veränderten gesellschaftlichen und sozioökonomischen Bedingungen zu sehen, denen gerade Großkonzerne heute ausgesetzt sind. Ihre Produkte werden aus Sicht der Konsumenten. immer ähnlicher.

Ohnehin sind viele Märkte bereits gesättigt. Deswegen versuchen Unternehmen, sich durch solche Werte einen Mehrwert zu schaffen. Zudem sind Verbraucher mittlereile auch kritischer und fordern ethische Transparenz von Unternehmen. Unternehmen müssen also auch ihr Handeln gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit legitimieren. Werden die proklamierten Werte dann aber nicht eingehalten und wird dies öffentlich bekannt, kann dies zu großen Umsatz- oder Imageproblemen führen (z.B. aktuell bei Amazon oder ADAC).

JTB: Papier ist geduldig. Können solche Leitlinien wirklich helfen, das Verhalten des Unternehmens und der Mitarbeiter zu lenken oder gar zu ändern?

SB: Es gibt in der Tat einen Zusammenhang zwischen Sprache und Denken bzw. dann auch dem Handeln. Solche Ansätze werden auch in der Motivationsforschung und der positiven Psychologie allgemein untersucht. Die „Vision“ etwa antizipiert einen SOLL-Zustand und setzt durch positive Formulierungen erhebliche Motivationspotenziale frei. Gemeinschaftsstiftende Komponenten unterstützten den einzelnen Mitarbeiter, den Zielzustand anzuvisieren und die Vision als Orientierung und Appell zu sehen.

Durch diese Mobilisierung ist die bessere Zukunft damit auch tatsächlich wahrscheinlicher (z.B. mehr Umsatz, führendes Unternehmen in x). Teilweise werden Visionen aber auch so utopisch formuliert, dass diese nie völlig erreicht werden können, bzw. immer wieder erneuert werden müssen, um eine positive Zukunftsperspektive aufrechtzuerhalten. Solche „permanenten Illusionen“, die dauerhaft die Motivation aufrecht erhalten sollen, werden durchaus auch kritisch gesehen.

JTB: Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst für Unternehmen, mit deren Werten sie sich identifizieren können. Wie kann ich sehen, ob ein Unternehmen wirklich zu meiner Werteauffassung passt?

SB: Diese Idee folgt der Auffassung, dass ein Unternehmen sich als Unternehmenspersönlichkeit erfahrbar macht und dem Individuum dadurch eine Plattform zur Selbsterfahrung und Selbstfindung anbietet. Da die Grundbedürfnisse der meisten Konsumenten in der westlichen Welt befriedigt sind, kann dem Konsumenten und dem Bewerber dadurch ein Nutzen angeboten werden. Die Bestätigung der Selbsterfahrung (Wie bin ich? Welche Werte habe ich?) oder Differenzierung/Abgrenzung können somit befriedigt werden.

Im Bankenbereich sind dies häufig die Sicherheits-Werte und im Automobilbereich eher die Emotionen wie Freude oder Leidenschaft, die dann als „Werte“ angegeben werden. Vergleicht man dabei die Werte von potenziell präferierten Unternehmen, wird man nicht nur feststellen, dass diese sehr homogen sind (etwa häufen sich Integrität, Leidenschaft, Qualität, Innovation), sondern auch, dass dies alles Pro-Werte sind. Das heißt, es sind alles Werte, die per se nicht zu verneinen und insgesamt gesellschaftlich als „hochwertig“ anerkannt sind.

Aus Unternehmenssicht ist zudem mit zu bedenken, dass Werte natürlich auch dazu dienen können, den Menschen eine „cognitive map“ anzubieten und sie in eine bestimmte Richtung zu „leiten“. Fühlt man sich heimisch und vertraut, kauft man eher und wird sich wahrscheinlich auch eher bewerben.

JTB: Wie entwickelt sich das Thema deiner Meinung nach in der Zukunft? Ist das ein vorrübergehender Trend oder werden Unternehmen sogar noch mehr auf diese Aspekte achten?

SB: Aufgrund der gesättigten Bedürfnisse der Konsumenten, der sich immer weiter angleichenden Produkte und der allgemeinen Informationsüberlastung werden Unternehmen sicherlich in Zukunft noch stärker versuchen, durch ihr „ethisches Profil“ einen Mehrwert anzubieten – auch wenn dies vielen nicht gelingen wird. Unternehmen ringen um Aufmerksamkeit und versuchen ihre Wertevorstellungen vermehrt nach außen zu tragen. Quantitativ befriedigende Arbeit muss jedoch nicht gleichsam auch qualitative Wertigkeit bedeuten. Es muss dem Unternehmen gelingen, die Werte klar und nachvollziehbar darzustellen und vor allem Werte zu finden, die tatsächlich einzigartig sind und nicht von allen besetzt werden.

Dass Werte nach ihrer kommunikativen Einführung dann auch tatsächlich eingehalten werden, ist eine zweite Frage. Beispielsweise können Unternehmen die Zulieferstoffe für ihre Produkte weltweit dort einkaufen, bzw. produzieren, wo es gerade am günstigsten ist. Für Mitarbeiter und die Öffentlichkeit ist das Unternehmenshandeln daher kaum mehr zu lokalisieren bzw. in seiner Komplexität zu fassen. Daher wird auch von Unternehmensseite viel dafür getan werden müssen, um in der kritischen Öffentlichkeit zu bestehen.

JTB: Simone Burel – Du bist eine Heldin der Arbeit. Vielen Dank für deine Zeit. 

Zur Person:
Simone Burel, M. A., hat Germanistik, Anglistik und Pädagogik in Mannheim, London und Heidelberg studiert und arbeitet als Lehrbeauftragte für Angewandte Unternehmenskommunikation an der Universität Heidelberg. Sie promoviert über die sprachliche Konstruktion von Selbstbildern bei den DAX-30-Unternehmen und ist Promotionsstipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Psychologische Systemtheorie II: Wider die Über-Reflexion!

Ein insbesondere von Patienten oft beklagtes Problem der Psychotherapie ist die alte Frage: Welche braucht der Betroffene eigentlich? Verhaltenstherapie, Psychoanalyse? Welche Stellung sollte die medikamentöse Behandlung einnehmen? Wie umgehen mit Traumata? Trotz des hohen Professionalisierungsgrades bringt der zentrale Charakter der Psychotherapie als „Verwaltung der vagen Dinge“ (Peter Fuchs) es mit sich, dass die Antworten auf diese Fragen selten so klar und rationalisiert anschlussfähig begründet sein können wie es etwa in der Medizin der Fall ist, was mitunter dazu führt, dass Patienten lange suchen müssen, um eine für ihren Fall angemessene und hilfreiche Therapie zu finden – oder sich gar in Therapien begeben, die ihr Leiden eher verschlimmern als lindern (gerade im Falle von Traumata eine realistische Gefahr). Befragt man Psychotherapie-Patienten nach ihren Erfahrungen, so bekommt man nicht selten Berichte über langwierige Suchen und kräftezehrendes Ausprobieren verschiedener Therapieformen zu hören.

Hier birgt eine systemtheoretisch inspirierte Psychiatrische Soziologie das Potenzial, als Klinische Soziologie zu wirken, Antworten zu geben, die den oben beschriebenen Problemen und Gefahren entgegen wirken könnten und dabei auch eine klar differenzierte diagnostische Kategorisierung zur Verfügung zu stellen. Eine Kategorisierung, die sich nicht mit für die psychische Gesundung mitunter recht unerheblichen physiologischen Fragen oder unterkomplexen „Leicht-bis-schwer“-Skalen aufhält, sondern den Geschlossenheitsgrad des psychischen Systems in den Blick nimmt, um daraus hervorgehend zu Schlussfolgerungen über die Gesundheit des betreffenden psychischen Systems zu kommen. Die Einstufung des Geschlossenheitsgrades des Systems nämlich gibt Aufschluss darüber, wie hoch sein Reflexionsbedarf eigentlich noch ist – und damit, was es zur Heilung (oder für einen Zustand, der dieser nahe kommt) noch braucht oder eher nicht braucht.

Gehen wir von folgender theoretischer Prämisse aus: Ein psychisches System, das über einen mittleren Geschlossenheitsgrad verfügt, ist gesund. Er steht somit gewissermaßen für den Normalzustand, in dem allenfalls noch Beratung, aber keine Therapie erforderlich ist. Abseits von diesem Zustand herrschen nicht ein, sondern zwei mögliche Zustände von psychischer Erkrankung: Zu niedrige Geschlossenheit auf der einen Seite sowie zu hohe Geschlossenheit des Systems auf der anderen Seite. Wir weichen hier also vom klassischen Dualismus „krank vs. gesund“ ab und ersetzen ihn durch einen Dreiklang, in dem der gesunde Normalzustand (mittlerer Geschlossenheitsgrad) in der Mitte der Skala steht, niedrige Geschlossenheit am einen Ende und hohe Geschlossenheit am anderen Ende.

Was bedeutet dieses theoretische Konzept nun übersetzt?

In der soziologischen Systemtheorie stellen autonome soziale Systeme den „funktionierenden“ Normalfall eines Systems dar. Sie sind operativ geschlossen, d. h. sie sind gegenüber potenziellen Interventionsversuchen aus ihrer Umwelt geschützt, auf höheren Systemebenen durch einen bestimmten binären Code, der die Identität des Systems prägt (bspw. die Unterscheidung von Gewinn und Verlust als identitätsprägendes Element des Wirtschaftssystems). Alle Operationen des betreffenden Systems funktionieren nach dieser Maßgabe. Versuche, dem System via Intervention andere Leitunterscheidungen einzupflanzen, müssen scheitern, da sie die Identität des Systems und damit das System selbst zerstören würden. Auf psychischer Ebene verdeutlicht sich diese operative Geschlossenheit am plastischsten durch die Unfähigkeit zur Telepathie: Man weiß nicht, was der andere denkt und kann es auch nicht bestimmen. Auch das psychische System ist somit operativ geschlossen.

Zugleich jedoch sind Systeme nicht blind und taub, sondern beobachten stetig ihre Umwelt. Dieser Vorgang gewährleistet die „Autopoiesis“ des Systems, d. h. er sorgt dafür, dass die Kommunikation, die das (in diesem Fall soziale) System ausmacht, fortgesetzt wird und dadurch das System erhalten bleibt. Die Beobachtung der Umwelt führt zur fortlaufenden Irritation des Systems, durch die es lernt, sich an äußere Umstände anpasst, sich selbst stetig weiterentwickelt, weiter kommuniziert und mit alldem sein eigenes Bestehen schützt. Auf sozialer Systemebene geschieht dies über sog. strukturelle Kopplungen zu anderen Systemen, die eine Art spiegelnde Brille darstellen, die die beobachtete Umwelt nochmal nach der Maßgabe des eigenen Codes rekonstruieren – womit sich das System letztlich immer nur selbst irritiert und nicht in dem Sinne irritiert wird (Beispiel: die Politik beobachtet die Wissenschaft über die strukturelle Kopplung der wiss. Politikberatung).

Auch ein gesundes psychisches System funktioniert auf diese Weise (auch wenn es im Gegensatz zum sozialen Funktionssystem mit seiner Umwelt zu kommunizieren vermag, also zu etwas mehr imstande ist): Der Prozess der Sozialisation, ja das soziale Leben einer Person selbst bedeutet nichts anderes als fortlaufendes Beobachten und Sich-Irritieren-Lassen von der Umwelt, was sodann, im Zuge einer Vielzahl von sozialen Rollen, die eigene Identität und Persönlichkeit prägt und weiterentwickelt. Zugleich ermöglicht es dem sozialen wie auch dem psychischen System, seine Grenzen zu erkennen. Beobachten und Irritieren-Lassen geschieht spätestens ab der Geburt; operative Geschlossenheit und Identitätsbildung des Systems erfolgt daraufhin, indem das System lernt, sich von seiner Umwelt (über Name, Verhalten, Kommunikation) abzugrenzen – wer man ist, erfährt man, indem man lernt, wer man nicht ist. Die operativen Grenzen wie auch die Beobachtungs- und Irritationsfähigkeit eines gesunden psychischen Systems sind damit zwei Seiten einer Medaille, die einander bedingen.

Damit ist im Groben umschrieben, was mit dem mittleren Geschlossenheitsgrad eines gesunden psychischen Systems gemeint ist: Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen diesen beiden Eigenschaften – operativer Geschlossenheit einerseits und vorhandener Beobachtungs- und Irritationsfähigkeit andererseits.

Wenn nun eine dieser beiden wichtigen, dem Yin-und-Yang-Konzept nicht unähnlichen Komponenten des Systemaufbaus nicht gegeben bzw. somit die jeweils andere im Übermaß vorhanden ist, steigt das Risiko dessen, was wir sozial als „psychische Erkrankung“ konstruieren und dann ggf. diagnostizieren. So birgt etwa ein Zuwenig an Beobachtungsfähigkeit und ein Zuviel an Geschlossenheit das Risiko der Isolation des Systems (hoher Geschlossenheitsgrad), welche sich in vielerlei Formen äußern kann.

Assoziativ am ehesten naheliegend ist hierbei das Phänomen des Autismus (abgestuft: des „Soziopathen“), im Zuge dessen sich psychische Systeme selbst bei hohem Intelligenzgrad so weit von der Umwelt abkapseln, dass sie sie nicht mehr adäquat beobachten bzw. sich von ihr irritieren lassen können und dadurch nicht fähig sind, sich selbstständig zu versorgen oder zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Aber auch andere Erscheinungsformen dieser Kategorie sind denkbar: So kann etwa ein Überschuss an Emotionalität wie bspw. verstärkte Neigung zu Aggressivität und Gewalt und / oder ein Suchtproblem ähnliche Folgen hervorrufen, da beides die Fähigkeit zur Selbst- und Umweltbeobachtung (Reflexion des eigenen Handels sowie die Fragestellung: Wie nehmen andere mich wahr?) mitunter massiv einschränkt und das System so über alle Maßen nach außen und vor sich selbst abschließt. Ähnliche Folgen sind denkbar, wenn eine andere psychische Erkrankung (wie etwa Depression) mit einem niedrigen emotionalen Intelligenzquotienten einhergeht, im Zuge derer der Patient nicht zu reflektieren imstande ist, was ihm fehlt. In derlei Fällen ist mitunter schon eine Verhaltenstherapie geeignet, Abhilfe zu schaffen; auch eine psychoanalytisch gewährleistete Reflexionshilfe kann zur Besserung beitragen.

Es sind jedoch auch ganz andere Systemzustände denkbar, die sich in ihrer Symptomatik womöglich zunächst ähnlich darstellen, de facto aber am anderen Ende der hier vorgeschlagenen Skala rangieren. Stichwort: Niedriger Geschlossenheitsgrad.

Je offener ein System gegenüber der Umwelt ist, desto stärker ist seine Fähigkeit zur Beobachtung dieser. Je mehr Beobachtung möglich ist, desto größer die Kontingenz, sprich desto größer die Entwicklungsmöglichkeiten des Systems, aber desto größer auch die Komplexität der Informationen, mit denen es sich auseinandersetzen muss. Wer besonders viele Informationen aufnimmt, der muss logischerweise auch mehr Zeit und Ressourcen dafür aufwenden, um diese zu ordnen, zu sortieren und nutzend zu verarbeiten, sprich: eine Selektion vorzunehmen.

Besonders häufig ist diese Problematik bei Menschen von überdurchschnittlicher Intelligenz, insbesondere emotionaler Intelligenz, vorzufinden. Wer empathisch ist, wer sowohl seine Umwelt als auch somit aber sein eigenes Handeln beständig reflektiert, also regelmäßig auch in zweiter Ordnung beobachtet, der ist, wie gemeinhin bekannt, eher in Gefahr, zum „Grübler“ zu werden und, alltagssprachlich ausgedrückt, sich „Dinge zu Herzen zu nehmen“.

Letztlich sind diese Eigenschaften Symptome eines zu niedrigen Geschlossenheitsgrades des psychischen Systems, mit dem die o. g. Problematiken einhergehen. Diese (zu) niedrige Geschlossenheit ergibt sich nicht selten aus einem – im mikrosoziologischen und sozialpsychologischen, nicht im entwicklungspsychologischen Sinne – Identitätsfindungsproblem des Systems.

Dem System fehlt es an Leitdifferenzen, die seine Grenzen stabil aufrechterhalten und im richtigen Moment für das adäquate Ausmaß an operativer Geschlossenheit sorgen. Damit fehlt es der Beobachtung der Umwelt an einem Fokus, einem Filter, einer Maßgabe in Bezug darauf, wofür und unter welchen Gesichtspunkten Informationen überhaupt aufgenommen werden sollten. Dies führt im Ergebnis zu einer Informationsüberfrachtung, in deren Folge das System die äußeren Eindrücke für sich nicht adäquat sortieren kann und kein Schema besitzt, welches ihm aufzeigt, wozu sie eigentlich dienlich sind.

Die daraus folgende Über-Irritation sorgt für Verwirrung, Konfusion und kognitive Dissonanzen, daraus hervorgehend zu Identitäts- und Sinnkrisen („wozu gibt es mich überhaupt?“) und somit schließlich zu einer das System lähmenden Depression, die das selbstständige Auflösen entstandener kognitiver Dissonanzen endgültig unmöglich macht. Ist schließlich jegliche, als eine Art Sinnkonstruktionsmuster wirkende Leitdifferenz abhandengekommen, ergibt sich das Risiko der Suizidalität, welche wir allgemeinhin als krank ansehen, die für ein System ohne funktionierende Leitdifferenz (d. h. also: Sinnkonstruktionsmuster, Grenzziehung des Systems und Identitätsstiftung) aber letztendlich nur logisch und folgerichtig ist.

Neben dem Phänomen auch oder zusätzlich denkbar: Zwangsstörungen, die dadurch ausgelöst werden, dass es an einer eine Maßgabe schaffenden Leitdifferenz fehlt, was in der Konsequenz dazu führt, dass keine abschließenden Entscheidungen herbeigeführt und stattdessen bestimmte Operationen immer und immer wiederholt werden müssen, da das System unfähig ist, sie abschließend zu bewerten und für sich eine erfolgreiche Vollendung festzustellen. Das System traut sich selbst und seinen Urteilen nicht mehr, da es an einem Kriterium (Leitdifferenz!) fehlt, nach welchem bewertet und eine Selektion vorgenommen werden kann. Somit entsteht schließlich der Zwang, eine Systemoperation immer und immer durchzuführen, ohne dass sie zu einem Abschluss gelangt.

Befindet sich ein psychisches System in einem solchen Zustand, so werden verhaltenstherapeutische und psychoanalytische Ansätze, die im Grunde nur eine Fortsetzung dieses (mindestens im Falle von Depression) potenziell tödlichen (Selbst-)Reflexions-Wettlaufs vorantreiben, womöglich einen kontraproduktiven Effekt haben, da sie die Suche nach einer sinn- und identitätsstiftenden Leitdifferenz, die die Geschlossenheit und damit die Gesundheit des psychischen Systems gewährleistet, ausklammert. Die beständige, dann therapeutisch sogar noch vorangetriebene Über-Reflexion führt dann zum genauen Gegenteil, da sie nicht erkennt, dass der pure emotionale Intellekt ohne Codierung so nur in einem Teufelskreis versinkt, anstatt ihn zu verlassen.

An diesen Punkten braucht es komplexitätsreduzierten Affekt statt Intellekt. Es braucht ein therapeutisches Verständnis für die Folgen, die übermäßige Kontingenz und übermäßige Komplexität auf ein psychisches System haben können. Wie dies in der Folge genau auszusehen vermag, kann an dieser Stelle noch nicht geklärt werden, da es den Rahmen des Artikels sprengen würde. Es bleibt aber eine Aufgabe, sich dieser Frage in der Zukunft auch in diesem Rahmen wieder anzunähern.

Deutlich werden sollte hier vor allem eines: Nötig ist eine systemische Diagnostik, die auf die beschriebenen, simplifizierenden „Krank vs. gesund“-Dualismen verzichtet und stattdessen auf einen Dreiklang zurückgreift, der verdeutlicht, dass psychische Gesundheit ein Systemzustand ist, der in der Mitte einer Skala anzusiedeln ist und nicht an ihrem Ende. Psychische Erkrankung kann sich in zwei komplett verschiedenen Dimensionen entfalten.

Dies zu erkennen bedeutet, Patienten mitunter jahrelange therapeutische Experimente und (gar das Problem verschlimmernde) Leidenswege zu ersparen, indem man sich darüber klar wird, in welcher Dimension der Skala (hohe vs. niedrige Geschlossenheit des Systems) sich ihre Problematik abspielt. Es wäre erfreulich, wenn eine systemtheoretisch inspirierte Psychiatrische Soziologie als Klinische Soziologie hierzu einen Beitrag leisten könnte.

Dienstag, 30. September 2014

Leserbrief zur Hochschulfreiheit: Einspruch von Daniel Steiner

Der folgende Beitrag ist ein Leserbrief, den Daniel Steiner, Mitglied des Bielefelder Studierendenparlaments und stellv. Vorsitzender der Liberalen Hochschulgruppen NRW, als Antwort auf meinen eigenen ("Hochschulfreiheit als pervertierter Freiheitsbegriff") verfasst hat. Um der Bielefelder FDP zu verdeutlichen, wie inhaltsbasierte, argumentative liberale Streitkultur funktioniert, veröffentliche ich ihn zusätzlich auch in meinem Blog. Unnötig zu erwähnen, dass ich die in ihm dargelegten Positionen selber natürlich nicht teile. (FS)

Herrn Sanders Kritik am Festhalten der FDP – sowohl im Land NRW als auch in Bielefeld – am Prinzip der Hochschulautonomie und seine offenbar überschwängliche Begeisterung für das rot-grüne sog. Hochschulzukunftsgesetz müssen mit aller Deutlichkeit zurückgewiesen werden. Die von ihm kritisierten und unbestritten häufig problematischen Arbeitsbedingungen des akademischen Mittelbaus sind primär die Folge einer chronischen Unterfinanzierung unserer Hochschulen. Aufgrund der prekären Mittellage, verstärkt durch den Wegfall der Studiengebühren, ist an vielen Fakultäten eine zukunftssichere Planung gerade in Bezug auf die dort Beschäftigten schlicht unmöglich. Die Möglichkeit mittels Rahmenvorgaben durch das Ministerium Mittel der Hochschulen zu kürzen, wird dies nur verschärfen; angesichts der ab 2020 greifenden Schuldenbremse dürfte die Landesregierung sich hier die elegante Option von Einsparungen an dafür denkbar ungeeigneten Stellen offengehalten haben. Dass die Landesregierung zu einer seriösen Haushaltspolitik nicht fähig ist, sollte inzwischen jedem klar sein.

Die Verweise des neuen Hochschulgesetzes auf den Grundsatz der “Guten Arbeit”, die Herr Sander so sehr lobt, sind letztlich nichts anderes als gefährliche Augenwischerei, wenn sie am Ende in Verbindung mit fehlenden Budgets einzig als Marktzugangsbeschränkungen für junge und aufstrebende Wissenschaftler wirken. Auf diese Weise werden unheimliche Chancen und Potentiale unwiederbringlich vernichtet. Dies schadet Forschung und Lehre in NRW und in Deutschland, nicht das Festhalten an den vom Hochschulfreiheitsgesetz forcierten Prinzipien.

Der von Herrn Sander behauptete Widerspruch zwischen einer organisationellen und einer personalen Hochschulautonomie besteht nämlich nicht. Vielmehr ist erstere überhaupt erst eine der zentralen Voraussetzungen für letztere. In einem Klima des ministeriellen Misstrauens gegenüber unseren Universitäten und der zentralen Planung und Lenkung kann keinerlei persönliche Freiheit gedeihen. Wer wirklich etwas für unseren Wissenschafts- und Wissensstandort tun will, muss dem umfassenden Steuerungsanspruch des Staates auch im Bildungssektor vehement entgegentreten, für eine ausreichende Finanzierung der Hochschulen sorgen und für eine möglichst umfassende Hochschulautonomie auf allen denkbaren Ebenen eintreten.

Donnerstag, 25. September 2014

Richtigstellung

Zur Berichterstattung in der heutigen Lokal-Ausgabe der 'Neuen Westfälischen' erklärt Florian Sander, Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen Bielefeld:

"Meldungen, die verbreiten, ich sei aus der FDP ausgetreten und amtierte mittlerweile nicht mehr als JuLi-Kreisvorsitzender, sind falsch. Ich übe mein Amt weiterhin aus und bin noch immer Mitglied der Freien Demokratischen Partei. Es ist durchaus möglich, Inhalte und Entscheidungsprozesse einer Partei auch als Mitglied stets kritisch zu begleiten und zu hinterfragen."

Freitag, 19. September 2014

Leserbrief an die NW: "Hochschulfreiheit" als pervertierter Freiheitsbegriff

Sehr geehrte Damen und Herren,

heute erschien in Ihrer Zeitung erneut eine Pressemitteilung der Bielefelder FDP zum neuen Hochschulzukunftsgesetz der rot-grünen Landesregierung, die mich wieder einmal, wie schon im Februar dieses Jahres, dazu veranlasst, mich dazu kritisch zu äußern.

So beklagte sich der FDP-Kreisverband Bielefeld einmal mehr über das von Rot-Grün im Landtag verabschiedete Hochschulzukunftsgesetz und lobte zugleich das zuvor unter Schwarz-Gelb entstandene Hochschulfreiheitsgesetz über den gelben Klee.

Dass es die vielgelobte Hochschulfreiheit ist, der die zunehmend prekären Arbeitsbedingungen, unter denen der sog. akademische Mittelbau (Doktoranden, Post-Docs, wiss. Mitarbeiter) zu leiden hat, maßgeblich verstärkt hat, wird dabei unterschlagen. Es wird pauschal die beabsichtigte „zentrale Steuerung“ durch die Ministerialbürokratie attackiert, ohne dabei zu bedenken, dass der Grundsatz der „Guten Arbeit“, der in den Rahmenvorgaben des neuen Hochschulzukunftsgesetzes verankert ist, eben nur durch verringerte Hochschulautonomie verbindlich gemacht werden kann.

Die FDP verfolgt, im Land wie in Bielefeld, auch in diesem Politikfeld einen völlig pervertierten Freiheitsbegriff: Verteidigt wird die Freiheit von Organisationen (Hochschulen) und damit de facto die Freiheit von Rektoraten und Hochschulräten. Der ursprüngliche liberale Gedanke, die Freiheit des Individuums, in diesem Fall also die Freiheit der Person (!) des Wissenschaftlers, ist ihr dabei scheinbar völlig gleich. Und das, obwohl diese ja mit der Qualität auch der Hochschule insgesamt in klarer Verbindung steht. Denn: Wissenschaftliche Qualität kann sich besser in einem Kontext entfalten, in dem Mitarbeiter sich nicht von einer befristeten Stelle zur nächsten hangeln müssen, sondern in dem sie spüren, dass ihre „Arbeit sich wieder lohnt“, um einen alten FDP-Slogan zu gebrauchen.

Darauf und auf die Frage angesprochen, wie man denn dann anders etwas gegen die problematische Situation des akademischen Mittelbaus und gegen die Abwanderung junger Wissenschaftler ins Ausland (ist das eigentlich gut für den Wirtschaftsstandort Deutschland?) tun wolle, erhält man keine Antwort oder bekommt lediglich Plattitüden aus dem Parteiprogramm zu hören. Liberale Lösungsansätze? Fehlanzeige. Nicht verwunderlich, dass die FDP unter jungen Wissenschaftlern so nur sehr wenige Freunde bzw. Wähler findet.

Einher geht diese Ignoranz mit einem Freiheitsbegriff, der bis auf einige wenige thematisch verengte Wirtschaftsliberale niemanden mehr anspricht und den auch niemand braucht, da er das Individuum ausklammert und sich in wahltaktischem Klienteldenken erschöpft. Es bleibt ein Rätsel, wie eine Partei, die selbst auf lokaler Ebene eine solche Politik der politischen Konkursverwaltung verfolgt, sich jemals wieder erholen will.

Mit freundlichen Grüßen

Florian Sander 
Doktorand im Fach Soziologie / Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft

Sonntag, 14. September 2014

Luftschutz im 21. Jahrhundert: Der Ernstfall ist möglich

Die westliche, insbesondere aber die deutsche Politik hat zunehmend verlernt, langfristig zu denken. In der Vergangenheit zeigte sich das nicht zuletzt in einer kurzsichtigen, von Emotionen, Stimmungen und Meinungsumfrage-Ergebnissen geprägten Energiepolitik der Regierung Merkel, deren Energiewende im Ergebnis außenpolitische Handlungsfähigkeit minimiert hat. Das für die postmoderne Merkel-Ära charakteristische politische Denken ohne jedes in Vergangenheit und Zukunft blickende ideologische „Frame“ ist jedoch auch auf anderen Politikfeldern riskant.

Das Jahr 2014 markiert einen erneuten Umbruch in den Internationalen Beziehungen, einen jener typischen historischen Eckpunkte, die das Ende und den Beginn neuer weltpolitischer Konstellationen kennzeichnen. In dieser Reihe standen bislang etwa das Jahr 1990 mit dem Ende des Kalten Krieges und der bipolaren Weltordnung hin zum „goldenen Jahrzehnt“ der 90er Jahre sowie das Jahr 2001 mit dem Beginn der asymmetrischen Kriege und des „war on terror“. In beiden Jahrzehnten lässt sich eine unipolare Weltordnung mit den USA als einziger Supermacht ausmachen. Doch diese Epoche scheint in diesem Jahr an ihr Ende gelangt zu sein.

Die westliche Welt steht vor einem neuen Kalten Krieg mit Russland, welches nicht bloß an seiner militärischen Aufrüstung arbeitet, sondern in nur wenigen Monaten mit der Annexion der Krim und der Unterstützung von Separatisten in der Ukraine sämtliches vergessen geglaubtes geopolitisches Denken wieder auf die Tagesordnung der Außenpolitik zurückgebracht hat. Und dies nicht nur für sich selbst, sondern damit automatisch auch für Amerika und Europa. Russland gilt nicht mehr als „Partner“, sondern wird mit Sanktionen bestraft, die NATO erlebt ihre Auferstehung und kündigt an, sich wieder auf das alte Selbstverständnis als Verteidigungsbündnis zu besinnen, schafft eine neue Eingreiftruppe und versucht, den Sicherheitsinteressen ihrer östlichen Mitglieder entgegenzukommen. Zeitgleich nimmt die geheimdienstliche Aktivität auch der Russen in Deutschland laut Verfassungsschutz deutlich zu.

Der Kalte Krieg erlebt eine Wiedergeburt. „Postmoderner“ ist er, weniger ideologisch, etwas weniger symmetrisch und mit verschobenen Grenzen. Russland ist keine „Supermacht“ mehr. Jedoch: Auch dies kann sich wieder ändern. Dass Grenzen sich sehr rasant ändern können, haben wir in den letzten Monaten erlebt. Zugleich jedoch macht die fortschreitende Dauer der Auseinandersetzung und die rhetorische und tatsächliche Verschärfung der politischen Stimmung zwischen Ost und West auch eine Rückkehr von Ideologien, die diese neue alte Dichotomie tragen und legitimieren sollen, auf beiden Seiten nicht unwahrscheinlich.

Doch nicht nur eine Rückkehr von Ideologien und rhetorischer Schärfe ist zu erwarten, sondern auch ein Versuch Russlands, sein militärisches Abschreckungspotenzial zu erhöhen bzw. in einer Form wiederherzustellen, die dem der Sowjetunion so nahe wie nur irgend möglich kommt. Russland hat daher kürzlich eine atomwaffenfähige Interkontinentalrakete getestet, arbeitet an neuen Mittelstreckenraketen und hat zugleich eine Änderung seiner Militärdoktrin angekündigt, die die NATO wieder sehr viel stärker als bisher als potenziell feindlichen Akteur behandeln soll. Ein russischer General hatte gar gefordert, in der neuen Doktrin auch wieder nukleare Erstschläge vorzusehen.

Es wird in zunehmendem Maße deutlicher: Die Bedrohung ist real. Gewiss: Ein Atomkrieg ist glücklicherweise und zum gegenwärtigen Zeitpunkt ziemlich unwahrscheinlich. Aber – und auch das hat die Geschichte gezeigt – ebenso klar ist: Es kann im Ernstfall sehr schnell gehen; Eskalationsspiralen sind schneller in Gang gesetzt als es sich unsere so modern wähnende, verwöhnte Generation träumen lässt. Wohl noch vor einem Jahr wäre man vermutlich für paranoid oder zumindest übermäßig alarmistisch erklärt worden, hätte man prophezeit, dass es binnen kurzer Zeit wieder einen neuen, dazu noch astrein klassisch-geopolitischen, territorialen Krieg in Europa geben würde. Heute ist es politische Normalität.

Weitere Eskalation ist nicht zwingend wahrscheinlich, aber durch eine Vielzahl von Gründen jederzeit möglich: Sei es durch weitere politische Destabilisierung etwa in Weißrussland, durch sich entzündende Konflikte mit den baltischen Staaten, durch Konflikte und Instabilitäten, Macht- und Profilierungsspiele innerhalb der Regierung in Moskau selbst oder auch nur rein technische Störungen, die aber schon in der Vergangenheit mehrmals fast zum Dritten Weltkrieg geführt hätten. Zugleich schaffen die mit der NATO-Mitgliedschaft einhergehenden Bündnispflichten in einem solchen Fall automatisch eine Vielzahl von betroffenen und beteiligten Konfliktparteien.

Die außenpolitische Diagnose ist somit klar: Eine nukleare Auseinandersetzung, zu deren Teil Deutschland werden könnte, liegt grundsätzlich im Bereich des Möglichen, wenn sich der gegenwärtige Zustand eines neuen Kalten Krieges derart stabilisiert. Hieraus gilt es innenpolitische Konsequenzen zu ziehen, die ein Feld berühren, das seit 1990 nur noch stiefmütterlich behandelt worden ist: Das deutsche Luftschutzsystem.

Nach Ende des letzten Kalten Krieges sind in zahlreichen deutschen Städten Teile des zuvor regelmäßig getesteten und instandgehaltenen Sirenensystems demontiert worden. Luftschutz- bzw. ABC-Bunker wurden geschlossen und anderweitigen Verwendungen zugeführt. Der Anteil der Bürger, die mit unterschiedlichen Sirenensignalen wie „Luftalarm“, „ABC-Alarm“ und „Entwarnung“ etwas anzufangen wissen, dürfte deutlich gesunken sein.

Im Sinne einer vorausschauenden Politik, die sich auch mit dem beschäftigt, was aus unserer ach so zivilisierten Perspektive kaum noch im Bereich des Vorstellbaren liegt, aber eben dennoch möglich ist, wäre es nun an der Zeit, diesem unbefriedigenden Zustand präventiv entgegen zu wirken. Dies übrigens nicht nur aufgrund der weltpolitischen Lage: Auch für technisch verursachte oder Naturkatastrophen wäre ein effektives Sirenenwarn- und ggf. auch Bunkersystem keineswegs von Nachteil. Trotzdem sollten die jüngsten, oben beschriebenen internationalen Entwicklungen Motivation genug sein, nun endlich zur Tat zu schreiten und darauf hinzuwirken, dass die Bevölkerung auch auf den unwahrscheinlichen, aber eben dafür im Falle des Eintretens umso katastrophaleren Ernstfall vorbereitet ist.

Dies gilt einerseits für die moderne, dem 21. Jahrhundert vorbehaltene Dimension eines solchen Warnsystems: Experten haben beispielsweise mittlerweile ein System entwickelt, mit dem – registrierte – Mobiltelefone im Katastrophenfall eine warnende SMS zugesandt bekommen. Ein solches Warnsystem ließe sich problemlos um zusätzliche Luftschutz- bzw. ABC-Warnungen im Kriegsfalle erweitern. Ähnliches gilt für ein ebenfalls bereits entwickeltes, dem gleichen Zweck dienendes Warnsystem für Autos.

Andererseits jedoch besitzt auch die traditionelle Dimension des Luftschutzes weiterhin Gültigkeit: Sirenensysteme können Leben retten, ebenso Bunker. Der häufig vorgebrachte Einwand, im Falle einer nuklearen Auseinandersetzung sei das sowieso alles egal, entspringt einem pauschalen Fatalismus-Denken und ignoriert dabei die Kategorien, in denen Politik und Verwaltung die hier aufgeworfenen Fragen – zu Recht! – angehen müssen. Ja, ohne Zweifel: Die Jahrhundertkatastrophe bliebe eine Jahrhundertkatastrophe; Millionen von Menschen würden ihr zum Opfer fallen. Im konkreten Fall jedoch, in derartigen Plänen und Szenarien, muss auch die Frage Beachtung finden, ob durch ein effektives Luftschutzsystem im Ernstfall nicht einige hunderttausend Menschenleben mehr gerettet werden könnten als es ohne der Fall wäre.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, aus unserem komfortablen Lebensalltag heraus, mögen derlei Überlegungen arg theoretisch, dystopisch und völlig überzogen klingen. Eine solche „Ach, das wird schon“-Denkweise, die für den Ernstfall nur Fatalismus vorsieht („dann ist sowieso alles egal“), können sich Politik und Verwaltung, die sich hinterher für jeden Toten rechtfertigen müssen, jedoch nicht erlauben. Daher gilt es hier, vorausschauend Eventualitäten in den Blick zu nehmen, gerade weil es so schreckliche, aber eben doch mögliche Eventualitäten sind.

Übrigens: In diesem Zusammenhang hatte mit Einschränkungen sogar der heute oft kritisierte und teils heftig verspottete „Duck and Cover“-Lehrfilm, der in den 50er Jahren in den USA sein Publikum zum „ducken und in Deckung gehen“ im Falle von Atomangriffen anleitete, seinen Sinn. Sicherlich: Wer etwa inmitten einer Großstadt wohnt, die zum Ziel eines Angriffes mit Atomwaffen auserkoren worden ist, und sich währenddessen womöglich noch auf der Straße aufhält, hätte in einem solchen Ernstfall keine Chance, auf diese Weise sein Leben zu retten. Vergessen wird bei dem scheinbar so überlegenen, modernen Spott über die naiven 50er-Jahre-Amis jedoch häufig, dass jemand, der sich in einer gewissen Entfernung vom entsprechenden Ground Zero aufhält, sich damit vielleicht tatsächlich vorerst schützen könnte, während er den Folgen des Einschlags sonst zum Opfer gefallen oder vielleicht wegen des Blitzes erblindet wäre.

Dies kalkuliert sicherlich noch nicht die Auswirkungen des darauf folgenden radioaktiven Fallouts mit ein. Mit Blick auf moderne infrastrukturelle städtische „Vorposten“ wie Vorstädte, umliegende Dörfer, Straßen etc. wird jedoch deutlich, dass der Gedanke des „Duck and Cover“ nicht in jedem Falle so naiv und unsinnig ist, wie es dem pauschal urteilenden, nicht in Eventualitäten denkenden modernen Fatalisten so scheint. Eine Vielzahl von Situationen ist denkbar, in denen ein mehrdimensionales Luftschutzsystem geeignet ist, im Ernstfall Leben zu retten und womöglich zu bewahren. Daran gilt es sich politisch-administrativ nun wieder zu erinnern. 

Übrigens: Bis hin zur Kuba-Krise im Jahre 1962, im Zuge derer der erste Kalte Krieg um ein Haar heiß geworden wäre, verfügte die Bundesrepublik Deutschland nur über sehr unzureichende Atomwaffen-Schutzeinrichtungen, welche erst in der Folge auf den globalen Schock hin, den die Krise ausgelöst hatte, entscheidend ausgebaut wurden. Wir sollten heutzutage nicht den Fehler machen, ebenso lange zu warten.

Sonntag, 17. August 2014

Psychologische Systemtheorie I: Zur Evolution psychischer Systeme

Im Rahmen der soziologischen Systemtheorie wird die Position vertreten, mit dem Wandel von sogenannten segmentär differenzierten (Stammes-)Gesellschaften über die stratifizierte (Stände-) Gesellschaft hin zur modernen, funktional differenzierten Gesellschaftsform habe sich eine Form der „Evolution des Sozialen“ vollzogen, im Zuge derer die Gesellschaft Strukturen herausgebildet habe, die es ihr ermöglichen, im Laufe der Weltgeschichte auf die mit technologischer Entwicklung etc. steigende Komplexität zu reagieren. Eine Position, die nicht unumstritten ist und zu der im makrosoziologischen Rahmen viel zu sagen ist und zu der auch bereits viel gesagt wurde.

Jedoch auch eine Position, die überleitet zu einer Fragestellung anderer Art: Geht mit einer wie auch immer gearteten sozialen Evolution und einer – und dies ist wohl die allgemein am ehesten akzeptierte Evolutionstheorie – biologischen Evolution nicht auch eine Evolution unseres psychischen Systems einher? Dieser Frage soll an dieser Stelle aus einer mikrosoziologischen und sozialpsychologischen Perspektive nachgegangen werden.

Eine Einschränkung gilt bei dieser ehrgeizigen Aufgabe, der in diesem Rahmen nur in Form einer sehr groben, feuilletonistischen Skizze nachgekommen werden kann, jedoch: Es kann hier nicht darum gehen, eine „Henne-oder-Ei“-Diskussion in Bezug auf Evolutionsformen aufzumachen. Jede These und jede Disziplin, die versucht uns weiszumachen, dass etwa die soziale Evolution ursächlich sei für die psychische oder andersrum, wäre eine zutiefst unterkomplexe Vereinfachung einer sozialen Dynamik, die nicht in einseitige Kausalketten gepresst werden kann. Agent-Struktur-Debatten bergen keine klaren Antworten. Hier ist es stets am vielversprechendsten, von einer gegenseitigen Beeinflussung verschiedener evolutionärer Prozessdimensionen auszugehen.

Spannender und sinniger dürfte es sein zu fragen, was eine Evolution unseres psychischen Systems ausmacht und worin diese sich zeigt. Doch zunächst eine Vorbemerkung zu der hiesigen Terminologie. Aus der Perspektive einer soziologisch inspirierten Sozialpsychologie folge ich hier einem eher ungewöhnlichen Gedankengang und übertrage die vom Soziologen und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann entworfene Unterscheidung von System und Umwelt, die sich in dessen Systemtheorie traditionell auf die Ebenen von Gesellschaft, Organisation und Interaktion bezieht, auf die Ebene der Psyche.

Der Begriff des „psychischen Systems“ ist also in diesem Sinne zu verstehen: Er ist somit eine mikrosoziologische „Übersetzung“ des Terminus‘ der „Psyche“. Damit ist er explizit nicht mit dem auf den Psychologen Kurt Lewin zurückgehenden Begriff des „psychischen Spannungssystems“ gleichzusetzen, welcher, wollte man ihn in mikrosoziologische Terminologie übersetzen, eher für das (Spannungs-)Verhältnis zwischen psychischem System und sozialer Umwelt steht als für die Psyche selbst. Diese Hinweise gilt es im Vorhinein zu beachten, um potenzielle Missverständnisse zu vermeiden.

Nun zur zentralen Fragestellung: Was könnte eine Evolution psychischer Systeme ausmachen?

Die moderne Sozialpsychologie differenziert bei der Untersuchung und Ergründung menschlichen Verhaltens zwischen Dispositions- und Situationshypothese (die klinische Psychologie unternimmt diese Differenzierung speziell bei der Ursachenforschung zu psychischen Erkrankungen). Die Dispositionshypothese besagt, dass die Ursachen für mögliches (Fehl-)Verhalten in den persönlichen Eigenschaften und charakterlichen Merkmalen (sog. Persönlichkeitsdispositionen) des Betreffenden zugrunde liegen. Dieser These hat die Sozialpsychologie die Situationshypothese gegenüber gestellt, die (Fehl-)Verhalten als durch Dynamiken einer bestimmten sozialen Situation verursacht ansieht.

Ein beliebtes Beispiel zur plastischen Erläuterung dieser Unterscheidung ist die Hannah-Arendt-These von der „Banalität des Bösen“, die sie als Beobachterin des israelischen Prozesses gegen den NS-Funktionär Adolf Eichmann entwickelt hat und die davon ausgeht, dass Massenmörder nicht zwingend abartige, sadistische Bestien sind, sondern mitunter völlig normale Menschen mit teilweise zutiefst biederem Naturell. Bis heute jedoch spricht die allgemein übliche Alltagszurechnung eine andere Sprache: Menschen, die sich auf eine bestimmte Weise verhalten – sei es aus allgemeiner Sicht falsch, sei es richtig – werden stetig mit der Zurechnung von dementsprechend positiven oder negativen Persönlichkeitsdispositionen konfrontiert. Wer sich in einem bestimmten Kontext richtig verhält, der gilt bspw. als großzügig, mutig oder moralisch gut, wer dies nicht tut, etwa als kalt, sadistisch oder moralisch böse.

Sowohl in Alltagssituationen als aber auch etwa in politischen Zusammenhängen führt dies mitunter allzu schnell zu einer Art laienhaftem „Psychologisieren“, das in der Unterstellung von allen möglichen positiven oder negativen Bewusstseinszuständen und am Ende womöglich gar in moralischen Urteilen mündet. Oftmals sind es diese Urteile, die in der Folge einen Konflikt erst provozieren oder aufleben lassen: Auf Kritik an politischem Handeln wird mit Hass-Unterstellungen und laienhaftem Psychologisieren geantwortet, was die Grundlage für Emotionalisierung und ähnlich geartete Reaktionen schafft und dadurch Aggression und Konflikt unvermeidlich werden lässt.

Interaktionsbeziehungen und Kommunikationen, in denen dies nicht geschieht, sind oftmals von Sachlichkeit, Verständnis und differenziertem Denken geprägt. Doch was heißt das eigentlich übersetzt in unsere hiesige, vertiefende Terminologie?

An diesem Punkt kommt nun das Einbeziehen der Situationshypothese im Alltagsdenken ins Spiel, was gewährleistet wird durch das, was man als Soziologe als Beobachtung zweiter Ordnung oder in eher psychologischer Terminologie als Empathie bezeichnen würde. Die Situationshypothese postuliert die Annahme, dass Verhalten durch den mittelbaren oder unmittelbaren situativen Kontext beeinflusst werden kann: Dazu zählen etwa soziale Rollen, kulturelle Institutionen, allgemein gültige Normen oder auch mehr oder weniger zufällige Gegebenheiten in kurzfristigen, vielleicht gar spontanen Interaktionen.

Die Situationshypothese – als präferierte Grundannahme von Sozialpsychologen – „entmoralisiert“ dadurch zugleich die von uns vorgenommenen Zurechnungen. Personen werden nicht mehr automatisch aufgrund ihres Verhaltens in moralische, gute oder böse Kategorien gepresst, sondern es wird einkalkuliert, dass ihr Handeln determiniert sein mag durch andere, dem Beobachter womöglich unbekannte Faktoren, deren Ergründung nicht automatisch möglich ist. Die Vorweg-Annahme eines solchen spezifischen Nichtwissens verhindert dadurch pauschale Vorverurteilung (oder auch pauschale Vorschusslorbeeren!) und ermöglicht dadurch eine sachliche, unvoreingenommene Herangehensweise.

Eine solche Herangehensweise von der professionellen Ebene der Soziologie bzw. der Sozialpsychologie auf unser Alltagshandeln zu übertragen, ist nicht einfach, aber erstrebenswert. Empathie bzw. Beobachtung zweiter Ordnung ist hierfür die Grundbedingung. Die im Volksmund gebräuchliche, damit in direktem Zusammenhang stehende Formulierung des „sich in jemanden Hineinversetzens“ ist dabei missverständlich, da sie in der wortwörtlichen Interpretation notwendige telepathische Fähigkeiten suggeriert. Doch so viel braucht es nicht. Vielmehr geht es um die Fähigkeit des „Beobachtens, wie andere beobachten“, also das Erkennen und Einbeziehen der Tatsache, dass es soziale Bedingungen gibt, die einen anderen zu einem bestimmten Handeln veranlassen könnten. Und, nicht zuletzt, dies auch immer einhergehend mit dem „Beobachten, wie man selbst beobachtet“, mit anderen Worten: Selbstreflexion. Selbstreflexion und Empathie sind vor diesem Hintergrund lediglich zwei Seiten einer Medaille, die Beobachtung zweiter Ordnung heißt. Diese Medaille ist es, die differenziertes Denken und dadurch auch Konfliktfähigkeit und soziale Integrationsfähigkeit gewährleistet.

Und diese Medaille ist es zugleich, die das auszumachen vermag, was ich an dieser Stelle als „Evolution des psychischen Systems“ verstanden wissen möchte. Die Evolution der Psyche kommt in der Projizierung der sozialpsychologischen Situationshypothese auf den Prozess unserer sozialen Alltagszurechnungen zum Ausdruck: Beobachtung zweiter Ordnung – die Fähigkeit zu Selbstreflexion (innere Dimension) und Empathie (äußere Dimension) – und im Übrigen auch das erstmalige analytische Erfassen dieses Vorgangs durch die Sozialwissenschaften im 20. Jahrhundert sind das primäre Indiz für das Auftreten psychischer Evolution.

Ein Vorgang, der im positiven Sinne – wie paradox! – zu einer Entmoralisierung unseres Denkens führen muss, welches gerade durch das Ende automatisch zugerechneter Persönlichkeitsdispositionen zu einem Ende des unterkomplexen, durch einen primitiven Gut-Böse-Dualismus geprägten Schwarz-Weiß-Denkens führen muss. Hierdurch wird zugleich – und dies ist das wahrhaft evolutionäre Element einer solchen Entwicklung – die Fähigkeit des psychischen Systems geschärft, mit sozialen Situationen, die Konfliktpotenzial bergen, so umzugehen, dass es Schaden vermeidet, sowohl für sich selbst als auch dadurch mittelbar für die soziale Umwelt. Eigene und äußere Komplexität wird anerkannt, akzeptiert und nicht mehr zwingend reduziert.

Inwieweit das Vermitteln eines solchen, psychisch-evolutionär fortgeschrittenen Bewusstseins gewissermaßen „kybernetisch“ möglich, also auf der Makro-Ebene politisch und auf der Mikro-Ebene therapeutisch steuerbar möglich ist, vermag an dieser Stelle (noch) nicht zufriedenstellend beantwortet zu werden. In jedem Fall birgt sein Erkennen jedoch die Motivation, diesen Prozessen aufgeschlossen weiter nachzugehen – und Möglichkeiten ihrer Verwirklichung zu erforschen.

Samstag, 9. August 2014

Die „Alexandra-Thein-Kontroverse“ und die Diffamierungspraxis der deutschen NeoCons

Der aktuelle Gaza-Konflikt führt – wieder einmal – vor Augen, mit welchen Methoden vermeintlich „israelsolidarische“ deutsche Linke, Neokonservative und Libertäre, die de facto nur mit der Netanjahu-Regierung solidarisch sind, vorgehen, um Kritiker der Politik der israelischen Regierung via direktem oder subtilem Antisemitismus-Vorwurf mundtot zu machen. An dieser Stelle soll ein nicht mehr ganz neues, jedoch sehr illustratives Beispiel für einen solchen Fall beleuchtet werden.

Anfang des Jahres wurde auf dem neoliberalen, mal libertär, mal neokonservativ anmutenden Blog „Antibürokratieteam“ ein Artikel veröffentlicht, der die Haltung der damaligen FDP-Europaabgeordneten Alexandra Thein zum Nahostkonflikt thematisierte und – ohne direkte Wortwahl – versuchte, diese in einem mindestens latent antisemitischen und Hamas-freundlichen Licht erscheinen zu lassen. Betrachten wir zunächst einige Formulierungen im Detail.

Bereits der Beginn des Artikels enthält – verpackt in eine vermeintlich „zurückhaltende“ Formulierung, wie der Autor selbst kokettiert – einen rhetorischen Vorschlaghammer, indem der „liberalen Partei seit Friedrich Naumanns Zeiten (…) die unselige Traditionslinie einer (…) kritischen Reserviertheit gegenüber Juden – die sich heutzutage vor allem im Eintreten für die “Sache der Palästinenser” und gegen das als “Apartheidsstaat” denunzierte Israel, die einzige rechtsstaatliche Demokratie in der Region, manifestiert“ unterstellt wird.

Sehen wir hier mal von der seltsamen Formulierung von der „liberalen Partei“ ab (zwischen dem Tod Naumanns und der Gründung der FDP lagen immerhin 29 Jahre – welche der liberalen Parteien seit 1919 ist nun also gemeint?): Hier wird – bekräftigt auch durch den nachfolgenden Satz – mal eben behauptet, in der FDP gäbe es einen latenten Antisemitismus. Festgemacht wird dies sodann daran, dass es FDP-Politiker gab und gibt, die neben dem israelischen auch das palästinensische Recht auf politische Selbstbestimmung artikuliert haben. Es erfolgt also kein empirischer Beleg der vorher aufgestellten, hochgewagten These, sondern das Engagement für Frieden in Nahost muss als Anlass für einen politisch und gesellschaftlich zutiefst vernichtenden Vorwurf herhalten.

Weiter im Text: Als nächstes muss schließlich die Möllemann-Kontroverse als Nachweis herhalten, versehen mit einem Zitat des verstorbenen wirtschaftsliberalen Vordenkers, FDP-Ehrenvorsitzenden und langjährigen innerparteilichen Möllemann-Gegners Otto Graf Lambsdorff, mit Hilfe dessen der vermeintliche Antisemitismus Möllemanns belegt werden soll. Nun geht es an dieser Stelle aber nicht um Möllemann, sondern um Thein – also weiter.

Jürgen Möllemann war mit Unterbrechungen von 1981 bis zu seinem Tod 2003 Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (DAG); ein Amt, das heute Prof. Dr. Peter Scholl-Latour innehat. Der Hinweis auf Möllemann sowie auf seinen langjährigen Freund, den heutigen stellv. FDP-Bundesvorsitzenden Wolfgang Kubicki, der heute Mitglied des Beirates der DAG ist, soll schließlich zu Thein überleiten, die dem besagten Beirat vorsitzt.

Und hier beginnt sie nun, die Diffamierungstaktik, die sonst auch gerne von antideutschen Linken und linksextremen Antifa-Gruppierungen praktiziert wird: „A ist mit B befreundet. B ist Bürokollege von C. C ist Nachbar von D. D ist in einem Verein mit E. E ist ein Nazi. Also ist A ein Nazi oder zumindest unter Nazi-Verdacht. Die anderen natürlich auch alle.“

Thein ist in der DAG aktiv. Dort ist auch der Freund von Möllemann. Möllemann war auch in der DAG. Ihm wurde Antisemitismus vorgeworfen. – Die negative Assoziation ist hergestellt. Der erste Dreck ist geworfen.

Darunter geht es weiter, die A-B-C-usw.-Connection wird länger und länger. So wird hervorgehoben, Thein sei Mitglied des Kuratoriums des in Israel verbotenen „Council for European Palestinian Relations“ (CEPR). In einer „genaueren Betrachtung“ im semi-seriösen grauen Kästchen mit ebenso semi-seriöser Grafik darunter wird berichtet, dass der CEPR ja eine Nachfolgeorganisation der mittlerweile inaktiven „European Campaign to End the Siege on Gaza“ (ECESG) zu sein „scheint“, welche 2007 von den europäischen Muslimbrüdern ins Leben gerufen worden war. Man beachte an diesem Punkt das Wort „scheint“, welches übersetzt nichts anderes bedeutet als: Der Autor weiß es nicht und spekuliert daher wild herum.

Darunter wird beklagt, dass CEPR-Delegationen sich mit solchen der Hamas träfen. Dass mit Gesprächen nun wahrlich noch keine gemeinsame Weltanschauung einhergehen muss, wird unterschlagen (wäre dies so, müsste mittlerweile etwa auch der ehem. US-Präsident Jimmy Carter unter Islamismus-Verdacht stehen).

Im Anschluss wird beklagt, dass der CEPR „Terminologie der Hamas“ übernähme. Dass die besagten Beispiele längst nicht nur Terminologie der Hamas, sondern auch anderer, nicht als terroristisch eingestufter Akteure sind, wird ebenfalls (bewusst) ausgeblendet.

Nun folgt wieder das A-B-C-Spiel: Einzelne Vertreter des CEPR seien auch aktiv in Netzwerken, die wiederum über die eine oder andere Weise mit der Hamas verbunden seien. Nun weiß mindestens jeder soziologisch einigermaßen kundige Beobachter, dass Netzwerke eben gerade – im Unterschied zu Organisationssystemen – für lose Bindungen stehen, über die viel kommuniziert wird, die aber wiederum noch lange keine weltanschauliche Gemeinsamkeit bis ins kleinste Detail aufweisen müssen. Anders gesagt: Neben der A-B-C-Connection wird hier bewusst mit Assoziationen gearbeitet, die im Leser über terminologisch ausgelöste, innere Abwehrreflexe ein politisches Zurückschrecken bewirken sollen.

Und nicht nur das: In einem später erschienenen Tagesspiegel-Artikel wurde berichtet, dass Thein den CEPR und sein Kuratorium bereits nach dem israelischen Verbot im Dezember 2013 verlassen habe. Eine Information, die zu berichten dem „Antibürokratieteam“ wohl zu wenig in das eigene politische Konzept gepasst hätte.

Auf der Basis dieser unterschlagenen Information folgt eine abermals bewusst diffuse Formulierung: Da Israel ein Einreiseverbot gegen CEPR-Aktivisten erlassen habe, gebe es auch eines gegen „Pro-Hamas-Aktivisten wie Alexandra Thein“. Dass dieses angesichts ihres Austritts aus dem CEPR kaum gegen sie gerichtet sein kann, was dadurch verdeutlicht wird, dass sie laut Tagesspiegel selbst nichts von einem derartigen Verbot wusste, wird ebenfalls verschwiegen. Stattdessen wird wahrheitswidrig mit der gezielt Skandalisierungspotenzial bergenden Assoziation gespielt, es gebe ein israelisches Einreiseverbot gegen eine deutsche EU-Parlamentarierin.

Schließlich wird – versehen mit einem standpaukenhaft-zeigefingerschwenkenden, aber orthografisch unkorrekten „Ich bin noch nicht ganz fertig (mit Ihnen Alexandra Thein)“ – der damaligen Abgeordneten vorgeworfen, sie setze sich für die ihr wichtige Gleichberechtigung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender nur selektiv ein und spare dabei etwa die arabische Welt aus. Hier müsste die Rückfrage gelten: Hat der Autor sie eigentlich mal direkt danach befragt? Oder war die Vorab-Recherche hier womöglich mal wieder ähnlich (bewusst) unsauber und selbst, vornehm ausgedrückt, „selektiv“ wie im Falle der CEPR-Mitgliedschaft?

Fassen wir zusammen: Bewusst diffuse, auf Vermutungen und gewagten Fremdbeschuldigungen basierende Terminologie wird verwendet, um beim Leser oder Zuhörer mittels politisch abschreckender Wirkung Abwehrreflexe und Assoziationen à la „Person X -> Antisemitismus“ auszulösen und die besagte Person damit politisch oder gar gesellschaftlich zu diskreditieren. Unterstützend begleitet wird diese Manipulationstechnologie sodann mit der besagten A-B-C-Connection-Diagnose, die über zahlreiche Nebenpersonen und Nebenschauplätze hinweg versucht, die besagte Person X in Kollektivhaftung für die Vergehen anderer, X womöglich nicht einmal persönlich bekannter Akteure zu nehmen. Person X – in diesem Fall Alexandra Thein, die nicht ein einziges Mal auch nur irgendwo ein Wort gegen Juden oder das Existenzrecht Israels gesagt hat – soll sich plötzlich vor dem hohen Gericht – in diesem Falle dem „Antibürokratieteam“ – für Dinge rechtfertigen, die sie nie getan hat und sich von Äußerungen distanzieren, die sie nie getätigt hat. 

Es bleibt die Beruhigung, dass diese schmutzige Form der politischen Auseinandersetzung scheinbar zunehmend durchschaut wird. Alexandra Thein wurde von der Berliner FDP – sogar im Zuge einer Kampfkandidatur gegen den früheren Bundestags-Fraktionsvize Martin Lindner – vor einigen Monaten zur Landesvorsitzenden der Partei gewählt. Spätestens seitdem sollten sich manche Leute vielleicht fragen, ob eine inhaltliche Auseinandersetzung für die eigenen politischen Ziele nicht ergiebiger und dienlicher wäre als Schmutzkampagnen dieser Art.