Donnerstag, 27. September 2012

Inklusionsdebatte: Behinderung als soziale Konstruktion

Seit einiger Zeit ist der Begriff der Inklusion in aller Munde, wenn es um den politischen und institutionellen Umgang mit Behinderten geht. Inklusion ersetzt dabei als gesellschaftliche Zielsetzung die Integration: Fortan soll es in diesem Bereich nicht mehr nur um Eingliederung von Menschen in eine bestehende Gesellschaft gehen, sondern die Gesellschaft hat die Aufgabe, den Betreffenden selbst alle Grundlagen zu schaffen, um in dieser ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Die Zielsetzung ist ehrgeiziger und auch selbstkritischer geworden.

Je mehr die Umsetzung dieser durch die UN-Behindertenrechtskonvention geprägte Norm zum globalen, nationalen, regionalen und lokalen politischen Projekt wird, desto bekannter wird sie nicht nur bei handelnden Akteuren, sondern auch beim Normalbürger. Irgendwie ist eben jeder betroffen: Sei es als Politiker, als Lehrer, als Nachbar, als Elternteil, als Elternteil eines Kindes, das in seiner Klasse jemanden kennt usw. usf. Das Thema ist in der „Mitte der Gesellschaft“ angekommen.

Noch nicht vollständig angekommen ist hierbei allerdings die Erkenntnis darüber, auf welchen Ebenen sich dieser Prozess zu vollziehen hat. Gerade auch diejenigen, die mit dem Thema „professionell“ hantieren müssen, also etwa die beiden oben erstgenannten Berufsgruppen, fokussieren sich dabei vor allem auf die ins Auge stechenden praktischen Fragen: Wie müssen die lokalen Schulen umgebaut werden? Wie macht man eine Stadt barrierefrei? Welche Änderungen gilt es im ÖPNV zu vollziehen? Welche Schulstrukturen, welche Klassenstrukturen sind den neuen Herausforderungen gewachsen? All dies sind „klassische“ Fragen, die mit dem neuen Thema ganz oben auf der politischen Checkliste stehen.

Noch nicht derart im Vordergrund stehen demgegenüber die scheinbar weniger alltäglichen, weniger konkret anstehenden, weniger praktischen Fragen, die jedoch mindestens ebenso relevant sind wie die oben exemplarisch aufgezählten: Wie schaffe ich das Bewusstsein für ein dementsprechendes Miteinander? Wie ändere ich ggf. die Einstellungen in den Köpfen der Leute zu dem Thema? Bezogen auf Schulen und die dort anstehenden Herausforderungen sind dies Fragen, die besonders Pädagogen zu lösen haben. Doch: Kinder sind hier nicht die einzige Bevölkerungsgruppe, um deren Einstellung es geht. Kinder können grausam sein, heißt eine viel zitierte Redewendung, gerade in Bezug auf Anders-Sein. Aber: Kinder können sich auch umso schneller an Anders-Sein gewöhnen und damit den Hindernissen der Inklusion oftmals besser begegnen als so mancher Erwachsener. Es geht also wahrlich nicht nur um Kinder, sondern auch um die Frage, was sich in den Köpfen der Erwachsenen tun muss, um Inklusion zu realisieren.

An diesem Punkt kommt nun die Soziologie ins Spiel. Die nur allzu häufig als abstrakt und wenig tauglich für alltägliche Fragen und Probleme beschriebene philosophische Strömung des Konstruktivismus, die in so gut wie alle anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen gestreut hat, vermittelt in diesem Zusammenhang die entscheidenden Erkenntnisse, die es vermögen, ganze Psychen umzukrempeln. Denn wer konstruktivistisch denkt, der erkennt an, dass Behinderung und Krankheit nichts ist, was von Grund auf irgendwie objektiv „da“ ist, sondern etwas ist, das zugerechnet wird. Zugerechnet entweder von Personen auf sich selbst oder aber von Personen auf eine andere Person.

Krank ist demnach jemand erst, wenn entweder er sich selbst so sieht oder aber, wenn andere ihn so sehen, was in der Regel im Rahmen sozialer Dynamiken dazu führt, dass er diese Fremdbeschreibung irgendwann übernimmt und zur Selbstbeschreibung macht, so dass er sich als krank ansieht, weil andere ihn so behandeln. Gleiches gilt für Behinderung. Der Satz „Behindert ist man nicht, behindert wird man“ enthält in diesem Kontext mehr Wahrheit, als es erst scheint: Es ist nicht die Lähmung selbst, die einen Rollstuhlfahrer behindert, sondern die Konsequenzen, die dies im Alltag für ihn hat. Und hierzu gehören nicht nur Treppen ohne Fahrstühle daneben, sondern eben auch die tägliche Erfahrung des Anders-Seins, die Zurechnung anderer auf ihn als „behindert“. Im Zuge dieser Fremdzurechnung ist es in der Folge sozialer Interaktion beinahe unvermeidbar, dass er sich irgendwann selbst als „behindert“ oder gezwungenermaßen „anders“ sieht und sich damit ein Selbstverständnis aneignet, dass für ihn selbst psychisch nicht gesund ist. Wer sich auf negative Weise anders fühlt, der benimmt sich in der Folge auch anders: Er verliert das Selbstwertgefühl, ist unglücklich, vermeidet soziale Kontakte. Durch daraus generiertes unsicheres Auftreten verunsichert er wiederum andere, die nicht wissen, wie sie mit diesen – in Wirklichkeit nicht so sehr körperlichen, sondern eben psychischen! – Problemen umgehen sollen. Der Teufelskreis ist da.

Nun ist das Problem im Kern eigentlich gar nicht ein so unbekanntes oder nicht-alltägliches. Jeder, der schon einmal eine Grippe hatte, der weiß, dass man sich bereits an dem Tag weniger krank fühlt, an dem man das Bett verlassen hat – selbst, wenn das Fieber womöglich noch gar nicht gesunken ist. Es ist das Selbstverständnis als „krank“, das einen nicht geringen Teil der Krankheit ausmacht: Der Mensch definiert „tagsüber im Bett liegen“ als Zeichen von Krank-Sein und schafft für sich selbst die Zurechnung „ich bin krank“, sobald es auf einen selbst zutrifft und man im Bett liegt. Wer dagegen trotz Husten, Schnupfen, Kopfschmerzen und Fieber seiner Tätigkeit nachgeht, der fühlt sich oftmals vielleicht körperlich schlecht, aber eben nicht unbedingt so krank, als läge er damit im Bett. Das physische und das soziale Umfeld schaffen Assoziationen, somit Zurechnungen und damit psychische Zustände, die dann wiederum auf das soziale Umfeld einwirken können.

Das Beispiel zeigt die Macht, die Zurechnungen und soziale Konstruktion jeden Tag auf uns und damit auch auf andere ausüben. Im Bereich des Umgangs mit Behinderten erreicht dieser Einfluss ein Level, das die Lebensqualität von Betroffenen massiv beeinflussen kann.

Der Grundgedanke, der hinter dem Inklusionsprinzip steht, sieht vor, Andersartigkeit als Normalität zu begreifen. Behinderung ist damit nicht länger ein anderer Begriff für dauerhaftes Krank-Sein, verminderte Leistungsfähigkeit, zu erregendes Mitleid oder Einschränkung, sondern primär ein Merkmal von vielen, das in einer Reihe steht mit Eigenheiten wie roten statt schwarzen Haaren, grünen statt blauen Augen etc. Damit einher geht die Erkenntnis, dass es nicht nur die physische Selbstbestimmung (z. B. Mobilität), sondern eben auch die Normalität in der tagtäglichen Interaktion ist, die Zufriedenheit schafft: Wer nicht direkt mitleidig angeschaut wird, der fühlt sich auch weniger bemitleidenswert. Wer die Merkmale seiner Behinderung als körperliche Eigenheiten neben Haar- und Augenfarbe wahrnimmt, der hat es schlussendlich leichter, sich als gleichwertig zu erkennen und Zufriedenheit mit sich selbst zu gewinnen.

Es sollte deutlich geworden sein, wie entscheidend es im Zuge einer zu realisierenden Inklusion ist, Behinderung als solche sozial zu dekonstruieren und ein grundlegend anderes Verständnis hierfür zu implementieren. Denn die behindertengerechteste Schule, die modernsten Fahrstühle, das am weitesten ausgefeilte Blindenleitsystem nützen nichts, wenn die Betreffenden bei der Nutzung weiterhin die Wahrnehmung haben, „Sonderlinge“ in einem Kreis von vermeintlichen „Normalos“ zu sein, die man gnädiger Weise partizipieren lässt. Entscheidend ist, wie so häufig, die Kommunikation und die Dimension der Interaktion: Wen man als gleichwertig und als gesund behandelt, der fühlt sich auch so. Fremdbeschreibung wird zu Selbstbeschreibung. Es ist vor allem diese eigentliche simple Weisheit, die in den Köpfen der Leute ankommen muss, wenn die Inklusion gelingen soll.

Sonntag, 9. September 2012

Junge Liberale laden JU-Mitglieder in die FDP ein

Angesichts des öffentlich gewordenen Streits zwischen CDU und Junger Union (JU) in Bielefeld sprechen die JuLis eine Einladung an die JU-Mitglieder aus, zu den Liberalen zu wechseln. „Im Gegensatz zur Union ist die FDP eine Partei, in der kritische Köpfe stets willkommen sind – gerade hier im Bezirksverband von Frank Schäffler“, erklärte Florian Sander, Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen Bielefeld. „Gleiches gilt für die JuLis. Sönke Völker und die Mitglieder der JU sind herzlich eingeladen, die autoritäre Meinungshierarchie der CDU hinter sich zu lassen und mit uns für die freiheitliche Sache zu kämpfen.“

Es sei auch deutlich geworden, dass Lena Strothmann für das bürgerliche Lager bei der kommenden Bundestagswahl keine Option darstelle. „Eine Abgeordnete, die nicht nur kaum auffällt, sondern die sogar nach Ansicht der eigenen Parteijugend nicht wieder antreten sollte, ist ganz offensichtlich keine gute Wahl für Bielefeld“, so der JuLi-Vorsitzende. Gleiches gelte für die CDU als Ganzes. Sander: „Eine Partei, die lieber die eigene Jugend in die Wüste schickt, anstatt gute Kandidaten aufzustellen, ist für die Zukunft nicht gerüstet.“

Mittwoch, 5. September 2012

Aktive Sterbehilfe endlich legalisieren

In Folge des Gesetzentwurfes der Bundesregierung zum Verbot gewerblicher Beihilfe zum Suizid ist eine neue Diskussion zum Thema entbrannt, die in weiten Teilen nicht nur auf Basis exorbitanter Unkenntnis des Gesetzentwurf-Inhaltes geführt wird, sondern die auch erfüllt ist von einem aggressiven Schwall an religiös aufgeladenen, in der praktischen Konsequenz aber zutiefst inhumanen und anti-humanistischen Dogmen, die geeignet sind, Menschen in schlimmste physische und psychische Qualen zu stürzen.

Der Gesetzentwurf berührt dabei gar nicht den Kern des Problems, weder in negativer, noch in positiver Weise (positiv höchstens insoweit, als dass er die Beihilfe durch Ärzte, die dem Patienten nahe stehen, weiterhin nicht unter Strafe stellt), sondern thematisiert nur die Frage nach den Motiven der Helfer. Überhaupt dreht sich die Debatte seit Jahren vor allem um Leute und Fragen, um die es in diesem Zusammenhang eigentlich erst sekundär gehen sollte: Dogmatische Christen, ängstliche Politiker, sich selbst überschätzende Palliativmediziner, geldgierige und daher moralisch verwerfliche Sterbehilfe-Geschäftemacher. Das Schicksal und die Motive der leidenden Patienten bleiben in der Diskussion im Grunde weiterhin zweitrangig. Und selbst Leute, die es mehr im Auge haben als andere, flüchten sich schließlich stets in ausweichende, unklare und neblige Phrasen à la „Nun ja. Schwierige ethische Frage“, die die Diskussion abwürgen, aber im Ergebnis niemandem weiterhelfen. Während Politiker, Wissenschaftler und Intellektuelle mit derlei Ausweichkonklusionen herumdrucksen, leiden Menschen still, leise und verzweifelt weiter, bis sie womöglich zum letzten Mittel greifen und, wie kürzlich der am Locked-In-Syndrom leidende Brite Tony Nicklinson kurz vor seinem Tod, schlicht die Nahrungsaufnahme verweigern.

Nun sind ethische Fragen stets auch sehr persönliche Fragen, die deswegen in der Politik nicht selten losgelöst von Parteidogmen und Fraktionsdisziplin behandelt werden, so dass sich verschiedenste überparteiliche und fraktionsübergreifende Bündnisse verschiedener ethischer Strömungen ergeben. Nichtsdestotrotz geht es hier auch um eine Frage, die an den Grundfesten politischer Strömungen rührt (und so wohl dazu beigetragen hat, dass ich trotz konservativer Ausrichtung in vielen Fragen niemals in Erwägung gezogen habe, mich für eine Partei zu engagieren, die sich qua Namen die Orientierung an christlichen Dogmen zur Pflicht macht). So wie eine CDU / CSU in diesem Punkt nicht aus ihrer christlichen Haut kann, so sollte sich die FDP im Gegenzug darauf besinnen, was Liberalismus und Freiheitlichkeit in Fragen des Sterbens bedeuten müssen: Die Selbstbestimmung des Individuums.

Diese muss der Grundsatz jeder liberalen politischen Ethik in diesem Punkt sein. Geht man von dieser Position aus, so hat ein Mensch das Recht zum Suizid und zugleich das Recht darauf, im Falle einer ihn an der Ausübung seiner Rechte hindernden gesundheitlichen Einschränkung hierfür Hilfe in Anspruch nehmen zu dürfen – ohne Wenn und Aber, ohne Herumdrucksen, ohne Entmündigung durch Moralisten, die nicht in des Patienten Haut stecken. Das Recht auf Selbstbestimmung steht über dem Schutz des Lebens um jeden Preis.

Die dagegen geäußerten Argumente sind vielfältig, aber letztlich nie zufriedenstellend, da sie den Kern des Problems selten treffen. So wird etwa geäußert, Palliativmedizin sei mittlerweile so weit, dass sie jedem ein schmerzfreies Sterben ohne nötige Fremdeinwirkung ermögliche. Ein Argument, das nicht nur von praktischer Unwissenheit kündet – Sterben kann auch heute noch in vielen Fällen trotz bester medizinischer Begleitung qualvoll sein – sondern auch von Ignoranz: So wird nicht einkalkuliert, dass es zahlreiche andere Faktoren gibt, die einem Menschen das Leben unerträglich machen können, die jedoch eher psychosozialer Art sind und mit Palliativmedizin nicht behoben werden können: Seien es die sozialen Folgen einer Entstellung, sei es die kommunikative Isolation und die fehlende Selbstständigkeit wie im Falle von Tony Nicklinson. Doch wer sind die Sterbehilfe-Gegner, dass sie etwa meinen, die Leidenden verpflichten zu können, doch gefälligst zu warten und weiter zu leiden, bis sich das soziale Umfeld gebessert und die Gesellschaft geändert hat? Wer sind die Sterbehilfe-Gegner, dass sie sich anmaßen, das Ausmaß und die Art des Leidens anderer Menschen verbindlich beurteilen zu können? 

Das Verhalten insbesondere von religiös motivierten Sterbehilfe-Gegnern steht in einer unseligen Reihe mit auch in anderen ethischen Bereichen praktizierter Ignoranz, die sich auf Fragen der Abtreibung, der Präimplantationsdiagnostik und der Forschung an humanen embryonalen Stammzellen bezieht. In all diesen Punkten sind es monotheistisch-religiös motivierte Moralisten, die mit ihren sogenannten ethischen Bedenken jedes Jahr wieder tausende von kranken und verzweifelten Menschen in arrogantester Form bevormunden und zu Qualen, Leiden und physisch-psychischen Fesseln über Jahre hinweg verurteilen. Eine Gesellschaft, die sich liberal und humanistisch nennt, kann und darf so jedoch nicht weiter machen. Es ist an der Zeit, das Recht auf Selbstbestimmung auch und gerade in jenem Bereich zu verteidigen, in dem es für Menschen eine existenzielle Relevanz erreicht.