Freitag, 21. Oktober 2011

Beobachtung zweiter Ordnung als diskursive Grundbedingung

In politischen Debatten sind Emotionen an der Tagesordnung. Die Stimme wird lauter, man unterbricht sich mitunter gegenseitig, wird unter Umständen polemisch. Bei schriftlich geführten Diskussionen, gerade in sozialen Netzwerken, bei YouTube oder in Kommentarfeldern von Blogs und Online-Medien, geschieht das gleiche: Ausrufungszeichen häufen sich, Beleidigungen vermehren sich. Die schützende Anonymität des Internets vergrößert das Problem: Unter politischen Videos, die in YouTube eingestellt werden, stapeln sich geradezu Kommentare, die nur so strotzen vor Beschimpfungen, Bedrohungen, Vulgärausdrücken und anderen Inhalten, die an der Mündigkeit der Bürger gewisse Zweifel aufkommen lassen. Der Debattenkiller Nazi-Vergleich ist dabei noch eines der harmloseren „Stilmittel“. Politische Diskussionen werden somit de facto zur Qual, konstruktive Ergebnisse unmöglich. Das Internet eröffnet dabei zwar neue Kommunikationswege, zugleich werden diese hoffnungsvollen Instanzen aber dank der im Internet herrschenden Anarchie zu nicht-sanktionierten Artikulationswegen asozialer Kommunikation pervertiert. Langfristig führt dies zu einem qualitativen Niedergang der politischen Kultur und zum Ende konstruktiver Diskurse.
Was also tun? Der Vorschlag von Bundesinnenminister Friedrich, die Anonymität im Internet einzuschränken, erzürnte zwar die „Internet-Community“, ist aber, solange er nicht zu weit geht, kein ganz unvernünftiger Schritt. In den Kommentarfeldern von Online-Medien, Blogs etc. würde eine stetige Mit-Veröffentlichung des Namens sicherlich zu einer zivilisierteren Kommunikation beitragen. Was Blogs angeht, so sollte die Kenntlichmachung des Namens des betreffenden Bloggers eigentlich schon nach dem bestehenden Presserecht eine Selbstverständlichkeit sein.
All diese Tatsachen ändern jedoch nichts daran, dass selbst namentliche Diskussionen zu oft in Konfliktformen ausarten, die sachliche Diskutanten demotivieren und verprellen und die politische Spielwiese damit den pöbelnden Schreihälsen und Fundamentalisten überlassen. Wie begegnet man diesen Menschen?
Fehlverhalten in Debatten und fehlende Diskussionskultur wurzeln tief und liegen nicht selten in Psychologie und Sozialisation begründet. Eine besonders wichtige Beobachtung ist dabei die besondere Rolle dessen, was man gemeinhin als „Reflexion“ bezeichnet. Es geht darum, sich in andere hineinzuversetzen, auch wenn dies sicherlich ein soziologisch untauglicher Begriff ist, da psychische Systeme stets nur voneinander getrennt existieren können und sich daher niemand in den anderen direkt „hineinversetzen“ kann. Der Soziologe Niklas Luhmann bezeichnete es präziser als „Beobachtung zweiter Ordnung“: Diese zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, zu beobachten, wie wiederum andere beobachten. Dies macht die Komponente des Verstehens in der Kommunikation aus: Man vollzieht nach, auf der Basis welcher ihm eigenen Rationalität der andere zu seiner Meinung kommt, indem man beispielsweise seine Lebensumstände bedenkt, seine soziale Situation, seine Sozialisation. Man kalkuliert das mit ein, was die Anthropologin Mary Douglas als „cultural bias“ bezeichnet hat: Die Prämissen, mit denen der andere an das Leben als solches herangeht, seine Vorstellungen von dem, was erstrebenswert ist und von dem, was bedrohlich ist. Gelingt dies, so gelingt die Beobachtung zweiter Ordnung. Diskutanten, die sich auf diese Weise verhalten, können gelassener miteinander umgehen, da sie einander die jeweils eigene Logik und somit die jeweils eigene politische Schlussfolgerung und Position zugestehen, ohne sie deswegen automatisch teilen zu müssen.
Wer diese Fähigkeit besitzt, der ist imstande, mit Menschen aus verschiedensten politischen Lagern nicht nur sachlich debattieren zu können, sondern – man stelle sich vor – sogar mit ihnen persönlich befreundet zu sein, ohne dass politische Diskussionen pausenlos in persönliche Beschimpfungen und Freundschaftskündigungen ausarten müssen. Ja, man ist sogar imstande, Diskussionen – nicht allen, aber den meisten – mit einer größeren Gelassenheit entgegen zu treten. Natürlich: Manch einer wird dies zweifellos als Fatalismus und Gleichgültigkeit einschätzen. Das Gegenteil jedoch ist der Fall: Wer in zweiter Ordnung beobachtet und dadurch gelassener diskutiert, der bleibt auch länger politisch motiviert. Gleiches gilt dann in der Folge auch für die Diskussionspartner, da die fehlende Emotionalisierung die Atmosphäre der Diskussion grundlegend verbessern und zu konstruktiveren Ergebnissen führen wird.
Grundbedingung für die Einhaltung eines solchen „Kodex“ ist jedoch ein basales Eingeständnis, das für so manchen, insbesondere für so manchen Linken, schwer zu schlucken sein wird. Es geht um das Eingestehen der Tatsache, dass moralische Gut/Böse-Unterscheidungen immer nur einen selbst gelten, niemals jedoch per se auf andere übertragen werden können. Beobachtung zweiter Ordnung bedeutet, anderen die ihnen eigene Art der Rationalität und somit auch ihre eigene Moral zuzugestehen, die nicht automatisch keine Geltung mehr hat, nur weil sie der eigenen widerspricht. Politische Toleranz kann es deswegen nur ganz geben – oder gar nicht. Ab dem Moment, in dem Einzelne abseits von den eigens dafür eingerichteten gesetzlichen Institutionen darüber zu urteilen versuchen, wo die Toleranz aufhört, bis wohin also die Moral und die Rationalität anderer von der jeweils eigenen abweichen darf, ab diesem Moment ist die Grundlage dafür gelegt, dass der politische Diskurs misslingt, da er potenzielle Diskurspartner ausschließt. Dies wiederum führt zur Abschottung der Gruppe der Ausgeschlossenen, dadurch zum Groupthink-Phänomen und somit letztendlich zur Radikalisierung. So wie Meinungsfreiheit also absolut gelten muss – Bedrohungen und Beschimpfungen, also Äußerungen, die offenkundig keinen sachlichen Inhalt haben und gerade auf die Diskreditierung des anderen und somit seinen Ausschluss aus der Kommunikation abzielen, ausgenommen – so muss auch die Beobachtung zweiter Ordnung zunächst jedem gegenüber ausgeübt werden, und wenn das sachlich Geäußerte für den Zuhörenden noch so absurd, noch so falsch, noch so moralisch schlecht klingen mag.
Wir würden gut daran tun, bereits in der Schule mit dem Vermitteln einer solchen Form von Diskussionskultur zu beginnen. Es geht dabei nicht nur um eine Form der Bildung, die sich darauf beschränkt, den Kindern einzutrichtern, dass sie den anderen ausreden lassen sollen. Es geht genauso um die Frage, wie mit dem Gesagten konkret umgegangen wird und um eine Bildung, die darauf basiert, Kinder via Lehre von Beobachtung zweiter Ordnung zu sozialer Kommunikation zu erziehen – und damit zu sozialem Verhalten.

Sonntag, 2. Oktober 2011

Was ist heute revolutionär?

Es sind bei weitem nicht nur Vertreter der Linkspartei, die sich bei vielen Gelegenheiten revolutionär gebärden und im Rahmen ihrer öffentlichen Äußerungen, Publikationen etc. ihren stetigen Kampf gegen das „Establishment“ zu belegen versuchen. Die dauerrebellischen Jusos, Jugendorganisation der Sozialdemokratie, sind nie um ein Che-Guevara-Shirt verlegen, und auch die Grüne Jugend gibt sich auf ihrer Bundes-Webseite mit dem Slogan „Fight for your right!“ offen rebellisch und fordert mit einer gereckten Faust: „Werde aktiv!“. Im linksalternativen, jugendlichen Spektrum gibt man sich als „Kämpfer gegen die Etablierten“, als diejenigen, die aufbegehren, gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung und zahlreiche andere negative politische Vokabeln. Aber ist diese Einschätzung der aktuellen linksgrünen Rolle richtig und zeitgemäß?
Kein Zweifel: So wie Liberale Mitte des 19. Jahrhunderts in ihrem Kampf für ein vereintes und freiheitliches Deutschland revolutionär waren, so waren es auch über viele Jahrzehnte zunächst die Sozialdemokraten und schließlich zumindest die Sozialisten. Auch die 68er Bewegung, aus der die Grünen letzten Endes hervorgegangen sind, war eine – im Grunde recht heterogene – revolutionäre Bewegung, deren „Marsch durch die Institutionen“ zwar so manche verhängnisvolle, noch heute spürbare Folge mit sich brachte, die jedoch, soviel muss man ihr attestieren, auch so manche gesellschaftlich verkrustete Struktur aufbrach und der damaligen Politik vermittelte, dass die Jugend nicht vor hat, sich als Menschenmaterial für womöglich heiß werdende kalte Kriege zur Verfügung zu stellen. Dieser Wunsch fand auch in der rot-grünen Friedensbewegung der 80er Jahre seinen wiederholten, im Kern revolutionären Ausdruck, da er für ein neues, bis dato nicht etabliertes politisches Klima stand.
Doch wie ist es heute? Grüne, also ökologisch-linksliberale Positionen sind nicht nur etabliert worden, sondern sind gar Bestandteil eines institutionalisierten Zeitgeistes geworden, der sich nicht länger auf die Grünen beschränkt, sondern neben der SPD längst auch die CDU und den linksliberalen Flügel der FDP erfasst hat. Die trotz bequemer Oppositionsrolle kaum verbesserten Umfragewerte der SPD liegen nicht nur in der Existenz der – momentan recht erfolglosen und entzauberten – Linkspartei begründet. Und ebenso wenig, wie die jüngsten Niederlagen der CDU aus heiterem Himmel kamen, ebenso wenig resultieren die katastrophalen Werte der FDP aus deren vermeintlichen „Anti-Europa-Kurs“. Fakt ist viel mehr, dass sowohl SPD als auch CDU und FDP in den letzten Jahren, besonders aber in den letzten Monaten so gut wie alle Alleinstellungsmerkmale aufgegeben haben und es fast unmöglich ist, noch Punkte zu finden, die sie von den Grünen maßgeblich unterscheiden. Energiepolitik? Seit Fukushima – Fehlanzeige. Außenpolitik? Kaum Differenzen zu finden. Gesellschafts- und Familienpolitik? Die CDU hat sich angepasst. Bildungspolitik? Die nächste Kapitulation der CDU, u. a. manifestiert in Hamburg und im wässrigen „Schulkonsens“ in Nordrhein-Westfalen. In der Integrationspolitik überbot man sich gemeinsam in Anti-Sarrazin-Parolen. Von der Europapolitik müssen wir angesichts der Ereignisse der letzten Wochen an dieser Stelle nicht mehr reden. Und selbst im Bereich der Sozialpolitik besteht ein im Großen und Ganzen übergreifender Konsens, der in Schröders Agenda 2010 seinen Ausdruck fand. Zusammengefasst: Der multikulturell-öko-linksliberale grüne Zeitgeist hat gesiegt. Er ist heute identisch mit dem, was man als politisches Establishment bezeichnet.
Angesichts dieser Erkenntnis ist die Tatsache, dass sich, wie einleitend beschrieben, vornehmlich junge linksgrüne Akteure noch immer „revolutionär“ geben, nicht nur ein Hohn, sondern auch eine Anmaßung. Dank des grünen Siegeszuges ist heute keinerlei Mut mehr erforderlich, um „links“ oder „alternativ“ (alternativ zu was eigentlich?) zu sein. Wer sich lautstark zu Multikulti bekennt, gegen Kernenergie polemisiert und für Einheitsschulen ist, erntet dafür – einige wenige bayrische Kleingemeinden vielleicht ausgenommen – heute überall nur noch gelangweiltes Nicken, in Uni-Seminaren vielleicht noch ein müdes, gnädiges Lächeln, das das Bestehen des Political-Correctness-Tests verkündet. Empörung dagegen löst der aus, der sich gegen den Zeitgeist wendet: Wer auf den deutschen Bedarf an energiepolitischer Souveränität hinweist, vor der Eurokratie warnt, Sarrazin Recht gibt und zum dreigliedrigen Schulsystem steht, wird als „Rechtspopulist“ diffamiert und politisch ausgegrenzt. Offen freiheitlich und konservativ zu sein – dafür braucht es heute Mut. Natürlich besonders in Universitäten.
„Revolution“ als Begriff steht für Wandel und Erneuerung. Wer also revolutionär ist, der steht dafür ein, die bestehenden Verhältnisse ändern zu wollen. Dies will zur Zeit niemand mehr als die vom grünen Generalkonsens gebeutelte, bis auf einige wenige Ausnahmen wie Frank Schäffler, Peter Gauweiler oder Wolfgang Bosbach außerparlamentarische Opposition der Freiheitlich-Konservativen dieses Landes. Eine Opposition, die nun, in Zeiten, in denen Kanzleramtsminister gegenüber gewählten Volksvertretern Gewissensfragen als „Scheiße“ bezeichnen, für sich erkennen sollte, dass sie es ist, der jetzt die Rolle des Revolutionärs zukommt.
Morgen wird der Tag der Deutschen Einheit begangen – ein Tag, an dem auch die Befreiung von Leuten gefeiert wird, in deren Tradition Funktionäre wie Ronald Pofalla stehen. Ein guter Anlass, um es sich und anderen klar zu machen: Es wird Zeit, aufzubegehren. Mit allen legalen Mitteln.