Dienstag, 28. Dezember 2010

Leserbrief an die Neue Westfälische zum Schneechaos

Sehr geehrte Damen und Herren,
im Folgenden nehme ich Bezug auf die jüngsten Neuigkeiten zum Thema Schneechaos an der Brackweder Hauptstraße sowie den dazugehörigen Leserbrief von Claus Spilker in der heutigen Ausgabe der NW.
Die Entscheidung, auf der Hauptstraße in Brackwede ab sofort Parkbuchten zu sperren, so wie dies auch auf der Nikolaus-Dürkopp-Straße gehandhabt worden ist, halte ich für sehr begrüßenswert; nicht zuletzt, weil diejenigen Autofahrer, die dort sonst parken würden, ja offensichtlich alle zu Orten wollen, die auch mit dem ÖPNV erreichbar sind. Dieser läuft aufgrund der Entscheidung ja hoffentlich wieder störungsfrei und ist daher für alle nutzbar.
Es gibt jedoch auch Bereiche, in denen sich die Stadt in den letzten Tagen nicht mit Ruhm bekleckert hat. Die fehlende Räumung von Seitenstraßen in Bielefeld hat nicht einfach nur zur Folge, dass Anwohner erst ihr Auto freischippen müssen. Auch beispielsweise Pflegedienste müssen in vielen Fällen diese Straßen nutzen – und das, obwohl sie meistens nur mit kleinen Autos und oft auch schon früh morgens unterwegs sind. Das führt dazu, dass sie ihre Patienten schlecht und mitunter alles andere als rechtzeitig erreichen können – ein ernster Missstand, über den man sich vielleicht mal ein paar mehr Gedanken machen sollte als über fehlende Parkbuchten.
Vor diesem Hintergrund kann ich auch Herrn Spilkers Vorschlag, Bezieher öffentlicher Gelder zum Schneeschaufeln in Parkbuchten einzusetzen, rein gar nichts abgewinnen. Dass Menschen, die öffentliche Gelder beziehen, grundsätzlich auch für gemeinnützige Arbeiten herangezogen werden sollten, halte ich für eine gut vertretbare Forderung. Dann doch aber bitte auch für wirklich (!) gemeinnützige, sprich soziale Arbeiten, wie etwa im Falle der Seitenstraßen, die von Pflegediensten genutzt werden, und nicht, weil sich ein paar Autofahrer zu bequem sind, ihre Einkäufe mit der Stadtbahn zu tätigen. Genau das klappt nämlich nach meiner eigenen Erfahrung eigentlich sehr gut – wenn nicht gerade wieder mal jemand falsch geparkt hat.
Mit freundlichen Grüßen
Florian Sander

Montag, 20. Dezember 2010

Die FDP und die Erinnerung an die Spätphase der SPD

Der schleswig-holsteinische FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, Fraktionschef im Landtag, hat mit seiner Äußerung, die derzeitige Situation der FDP erinnere an die Spätphase der DDR, empörte Reaktionen seitens der Parteiführung provoziert. Zwar muss der FDP zu Gute gehalten werden, dass sie stets eine diskussionsfreudige Partei war, in der abweichenden Meinungen stets mehr Toleranz entgegen gebracht wurde als in etwa in der SPD, in welcher Parteiordnungsverfahren schon derart häufig sind, dass so manche Genossen sie im Sprachgebrauch nur noch mit „PO“ abkürzen. Dennoch: Die Welle von Angriffen, die sich nach seinem Vergleich über Kubicki ergoss und die nicht selten ins Persönliche ging, zeigt, dass scheinbar auch die FDP-Parteiführung mittlerweile dem Reflex folgt, sich den Überbringer schlechter Nachrichten vorzuknöpfen, anstatt die Ursachen anzugehen.
Kubicki hatte – wie so oft – das Problem in erfrischender norddeutscher Klarheit analysiert. In der ihm eigenen Art äußerte er: „Es wird von der Bundesspitze behauptet, ich sei profilierungssüchtig, ein ständiger Nörgler, und was sonst noch. Zu allem kann man ja sagen. Es ist nur gut, dass Frau Homburger das alles nicht ist. Deswegen geht es der FDP auch so gut, wie die aktuellen Umfragen es ausweisen.“ Das erste Schlüsselproblem ist damit dargestellt: Die FDP hat die falschen Charaktere an den falschen Stellen. Guido Westerwelle, der als Oppositionsführer im Bundestag ohne Zweifel einen hervorragenden Job gemacht hat, hat eben dies geschafft, weil er die oben genannten Eigenschaften mit Wolfgang Kubicki teilt. Westerwelle kann provozieren, er kann auf den Tisch hauen, er kann laut werden, er kann Finger in Wunden legen, er kann opponieren. Ideale Voraussetzungen für einen Fraktionsvorsitzenden, der vor allem durch scharfe Rhetorik, Schlagfertigkeit und scharfe Abgrenzung zum politischen Gegner auffallen muss. Birgit Homburger fehlt es an diesen Eigenschaften: Ganz ähnlich einigen glücklosen SPD-Generalsekretären wie Olaf Scholz, Klaus-Uwe Benneter oder Hubertus Heil wirkt sie spröde, unauffällig und wenig polarisierend. Westerwelle wiederum wirkt im staatstragenden Amt des Bundesaußenministers extrem deplatziert. Seine schrille Rhetorik und seine Fähigkeit zu polarisieren werden da zur entscheidenden Schwäche, wo präsidialer Ton, Ausgleich und vor allem sichere Ruhe gefragt sind. Dies haben nicht nur amerikanische Diplomaten erkannt, sondern auch die deutsche Bevölkerung. Der Versuch, entgegen dem eigenen Charakter bei Interviews und Reden die außenministerialen Eigenschaften zu schauspielern, macht es nicht besser, sondern führt nur zu dem Eindruck der Heuchelei. Und während Homburger und Westerwelle nun versuchen, Ämter auszufüllen, für die sie nicht geeignet sind, wird der frühere Shooting-Star der FDP, Philipp Rösler, einst die Nachwuchshoffnung für den Parteivorsitz, als Bundesgesundheitsminister verheizt. Wer solche Personalpolitik betreibt, den sollte nichts mehr wundern.
Auch das zweite Schlüsselproblem hat Kubicki klar erkannt: „Diejenigen, die in Regierungsverantwortung in Berlin sitzen, nehmen den Zustand der Partei kaum wahr. Sie sind abgehoben von dem, was in der FDP passiert. Das ist ein menschlicher Reflex auf die Vielzahl öffentlicher Angriffe. Man schottet sich ab und bestätigt sich wechselseitig, dass man gut ist. Wenn die Kritik ein so hohes Ausmaß erreicht hat wie bei Guido Westerwelle, dann will man das nicht mehr wahrnehmen. Es ist eine Art Selbstschutz.“ Der Psychologe Irving Janis hat dieses Phänomen mit dem Begriff des „Groupthink“ beschrieben und in seinem 1972 erschienenen Buch „Victims of Groupthink“ mehrere politische Fiaskos wie Pearl Harbor oder die Eskalation des Vietnamkrieges beschrieben, welche allesamt auf Situationen zurückführbar sind, in denen Gruppen realitätsferne Entscheidungen getroffen haben, weil die mehrheitlich zu Opportunismus tendierenden Gruppenmitglieder ihre Meinungen an vermutete Gruppenmeinungen angepasst und sich dadurch Dynamiken entwickelt haben, die unheilvolle Folgen hatten. In der Politik gibt es hierzu enorm zahlreiche historische Beispiele. Man braucht jedoch keine derart provokanten Fälle wie den der DDR zu wählen, um die Problematik zu verdeutlichen – es reicht bereits ein Blick auf die SPD der Jahre 2008 und 2009. Seien es der SPD-Landesverband Hessen unter Andrea Ypsilanti im Jahre 2008 oder die SPD-Spitze unter Franz Müntefering im Bundestagswahlkampf 2009 – in jedem Fall fiel auf, dass bei den entscheidenden Gruppen ein Abschottungs- und Abkopplungsprozess stattfand, im Zuge dessen Ansichten, Meinungen, Prämissen und „biases“ Eigendynamiken entwickelt haben und man sich solange gegenseitig bestätigt hat, dass alle Anderen außerhalb der entscheidenden Gruppe als „Nörgler“ oder „Selbstdarsteller“ klassifiziert und dadurch als irrelevant eingestuft werden.
Freilich gibt es hierfür noch mehr Ursachen als lediglich die Tatsache, dass man sich in einer Schicksalsgemeinschaft befindet, die kollektiv einem starken öffentlichen Druck ausgesetzt ist. Hinzu kommt nämlich das in der Politik noch viel größere und schwerwiegendere Problem der gegenseitigen Abhängigkeiten. Man muss kein „Parteienforscher“ sein, um zu erkennen, dass Guido Westerwelle derzeit vor allem von den FDP-Spitzenpolitikern Rückendeckung erhält, die ihm ihre Positionen zu verdanken haben. Bundesentwicklungshilfeminister Niebel etwa verteidigt Westerwelle und nimmt ihn gegen Kritik in Schutz, ebenso wie kürzlich Rainer Brüderle. Philipp Rösler wirft Kritikern „Zwergenmut“ vor und Birgit Homburger und Generalsekretär Christian Lindner stehen schon von Berufs wegen an des Parteivorsitzenden Seite. Im Falle der beiden Letzteren ist dies noch verzeihlich. Pikant wird es aber, wenn Vorsitzende der Landesverbände – also in Vertretung ihrer Landesverbände – Meinungen äußern, die mindestens unter dem Verdacht stehen, politischen Abhängigkeiten zu entspringen. So mahnt Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger als bayrische Landesvorsitzende ein Ende der Personaldebatte an und der neu gewählte Vorsitzende der NRW FDP Daniel Bahr – zugleich Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium – stellt die doch sehr abenteuerliche Behauptung auf, es gäbe in der FDP keine Mehrheit gegen Westerwelle. Ob er damit seinen Landesverband adäquat vertritt darf bezweifelt werden. All das demonstriert eines sehr klar: Es hat etwas für sich, Politiker wie Wolfgang Kubicki in der Partei zu haben, die in keinerlei politischer Abhängigkeit stehen und als Konsequenz daraus die Möglichkeit haben, das zu äußern, was ihrer Meinung nach richtig und geboten ist.
In Zeiten des krisenverursachten Gruppendenkens weisen die leitenden Gruppen gerne darauf hin, dass Geschlossenheit, Teamgeist etc. nötig sind, um wieder ein geschlossenes Bild der Partei herzustellen. Ganz abgesehen davon, dass die Übersetzung dieser Forderung nicht selten schlicht und einfach „Maulkorb“ lautet, sollten die beteiligten Akteure bedenken, dass es einen schnelleren und sicheren Weg gibt, Geschlossenheit wiederherzustellen: Die Ursache für den fehlenden Teamgeist anzugehen. Will man genau dies versuchen, so hilft es nicht, beständig darauf zu verweisen, die eigene Politik „besser kommunizieren“ zu müssen. Ob Kommunikation gelingt, hängt primär vom Empfänger ab – in diesem Fall der Bevölkerung. Und wie durch eine neue Umfrage bekannt wurde, geben 63 % der Bevölkerung der Person Guido Westerwelle die Schuld am derzeitigen negativen Bild seiner Partei. Übersetzt bedeutet dies: Die FDP kann noch so viele politische Erfolge „kommunizieren“ – wenn Guido Westerwelle der Sender ist, werden diese schlicht nicht akzeptiert und die Kommunikation gelingt nicht.
Das Problem des Schiffes FDP ist ihr Kapitän. Wenn dieser ernsthaft zur Besserung der Situation an Bord beitragen möchte, so wäre es nun an der Zeit, das Deck zu verlassen.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Die Ökonomisierung der Bildung ist unliberal

Die britischen Liberalen, die als Junior-Partner der Koalition im Vereinigten Königreich mitregieren, erleben derzeit, welche Folgen gebrochene Wahlversprechen haben können. Nachdem sie im Wahlkampf versprochen hatten, die Studiengebühren nicht anzuheben, hat die Regierung nun eine Verdreifachung der Studiengebühren beschlossen, wonach die Universitäten ab September 2012 Studiengebühren in Höhe von bis zu 9000 Pfund im Jahr erheben dürfen. Dies hat Proteste nach sich gezogen, die vor einigen Tagen in einem Angriff auf Prinz Charles und dessen Gattin und weiterer Gewalt  mündeten.
Das Beispiel der britischen Hochschulpolitik führt uns in Deutschland zwei wichtige Erkenntnisse vor Augen. Zum einen zeigt es in aller Deutlichkeit, auf welch hohem Niveau die nordrhein-westfälischen Studierenden in den letzten Jahren geklagt haben, wenn es darum ging, gegen die Erhebung von bis zu 500 Euro Studiengebühren pro Semester anzugehen. Wirft man zudem einen Blick auf das Studiengebühren-Niveau in Ländern wie den USA, so rückt dies doch so einiges wieder ins rechte Licht.
Es gilt jedoch auch eine Schlussfolgerung aus dem Fall Großbritanniens zu ziehen, die der bisherigen hochschulpolitischen Linie der deutschen Liberalen ganz offenkundig widerspricht. Die britischen Studierenden kämpfen, ganz ähnlich ihren deutschen Kommilitonen im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks, nämlich nicht nur gegen eine – in diesem Fall wirklich übermäßige – Belastung ihres Geldbeutels, sondern auch gegen die Abwertung der Geisteswissenschaften vor dem Hintergrund einer Ökonomisierung der Hochschulbildung. Gefördert werden sollen nämlich nur noch technische, mathematische und naturwissenschaftliche Studiengänge. Geistes- und Sozialwissenschaften wurden damit – nicht offen, aber implizit – für überflüssig erklärt.
Derartig deutlich wie im Vereinigten Königreich hat in Deutschland bisher noch keiner der relevanten politischen Akteure seine Ignoranz gegenüber den Geisteswissenschaften bekundet. Deutliche Ansätze in diese Richtung sind aber dennoch seit der Bologna-Reform zu spüren. Die deutschen Studierenden sollen vor allem als Humankapital für die Wirtschaft fit gemacht werden: Die Abschlüsse sollen vergleichbarer werden, das Studium kürzer, die Inhalte „praxisnäher“, die Organisation „effizienter“. Die neu installierten Hochschulräte, ausgestattet mit erstaunlich weitreichenden Kompetenzen, wirken in ihrer Zusammensetzung nicht selten wie operative Kopplungen, über welche das Wirtschaftssystem seine (Profit-)Interessen besser in die Wissenschaften projizieren kann.
Es ist kein Geheimnis, dass dies oftmals nur vom linken Teil des politischen Spektrums problematisiert wird, während Union und FDP derlei Strukturen scheinbar zu ihrer hochschulpolitischen Zielsetzung erklärt haben. Liberale, die sich nicht lediglich als Wirtschaftsliberale sehen, sollte dies jedoch irritieren: Grundlage jeder liberalen Programmatik ist immerhin die Verteidigung aller verfassungsrechtlich garantierten Freiheiten. Und diese Freiheiten beziehen sich entgegen dem, was Juristen in ihren semantischen Selbstbeschreibungen gerne erzählen, eben nicht nur auf Individuen, sondern, im Sinne einer soziologischen Perspektive, vor allem auch auf die Autonomie der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft. Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft, aufrecht erhalten durch die Verfassung als struktureller Kopplung von Politik und Recht, bildet die Grundlage der liberalen Demokratie. Über die Grundrechte sichert sie u. a. die Pressefreiheit (Autonomie des Massenmediensystems), das Recht auf Eigentum (Autonomie des Wirtschaftssystems), die Freiheit der Kunst (Autonomie des Kunstsystems) oder eben die Freiheit der Forschung und der Lehre (Autonomie des Wissenschaftssystems). Dies negiert freilich keine strukturellen Kopplungen des Wissenschaftssystems mit anderen Funktionssystemen, wie sie beispielsweise über Politikberatung, Marktforschung etc. zweifelsohne vorhanden sind und als solche auch ihre Existenzberechtigung besitzen. Gleichzeitig bedeutet „Freiheit der Wissenschaft“ aber eben auch die Freiheit von der ausufernden Hegemonie einer wirtschaftlichen Codierung: Es kann und darf in der Wissenschaft eben nicht nur darum gehen, was ökonomisch von Nutzen ist. Es kann und darf nicht das Ansinnen der Forschung sein, ausschließlich Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was wirtschaftlichen Profit bringt. Und es kann und darf nicht das Ansinnen der Lehre sein, Studierende zu möglichst adäquatem wirtschaftlichem Humankapital zu verarbeiten. Legitime Forderungen, die insbesondere im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks in den letzten zwei Jahren wieder zunehmend von Studierenden artikuliert worden sind.
Die Geschichte der Menschheit hat gezeigt, dass die Erfahrung oder die Konstruktion des Wissens einer Gesellschaft über verschiedenste Wege zustande kommt. Wer diese Wege durch ein ökonomisches Primat beschneiden und verengen will, der arbeitet nicht nur aktiv auf eine kollektive Verblödung hin, sondern tut zugleich das, was gerade der Bologna-Zeitgeist andauernd kritisiert: Er macht die Wissenschaften ineffizient. Gute wissenschaftliche Arbeit benötigt Kreativität und Freiraum. Sie benötigt daher auch – so idealistisch dies für manchen klingen mag – die Losgelöstheit von ständigen finanziellen Zwängen und Konditionen. Einer meiner Professoren drückte es einmal plastisch aus: „Man muss sich in der Wissenschaft auch mal mit etwas beschäftigen können, was erst einmal unnütz wirkt.“ Letztlich sind es genau diese Beschäftigungen, die in der weiteren Arbeit die Resultate bringen, die dann vom Rest der Gesellschaft schließlich doch als „nützlich“ eingeschätzt werden. Die nötige geistige Elite ist kein Produkt von hyperschnellen Studiengängen, in denen die Studierenden mit nichts anderem beschäftigt sind, als in der Regelstudienzeit einer Unmenge von Scheinen, Leistungs- und Teilnahmenachweisen hinter zu jagen. Die geistige Elite ist das Produkt von Studiengängen, die wissenschaftliche Neugier stimulieren und bewusst Freiräume zulassen, in denen die Studierenden ihr Wissen vertiefen können.
Gerade Liberale sollten um die Bedeutung einer solchen, auch einmal nicht nur ökonomischen, sondern wissenschaftlichen Freiheit wissen. Diese Erkenntnis negiert nicht die Notwendigkeit von Wirtschaftlichkeit. Sie bringt jedoch die Einsicht mit sich, dass Wirtschaft ein Instrument ist – kein Selbstzweck. Letztendliche Grundlage für die Weiterentwicklung und den Fortschritt einer Gesellschaft ist nicht das Erzielen von finanziellem Gewinn, sondern das Erlangen von Wissen. Wenn Liberale wirklich für die verfassungsmäßig garantierten Grundrechte einstehen wollen, so sollte sich eben dieses Credo auch in der hochschulpolitischen Konzeption der FDP niederschlagen.

Montag, 6. Dezember 2010

"Sei einfach du selbst!" - Auf der Suche nach Authentizität

Ein Gastbeitrag von Dennis Walkenhorst

Authentizität scheint das Substrat der modernen Gesellschaft zu sein. Gleichzeitig ist es eine Idealform, die stets unerreichbar scheint. „Sei einfach du selbst“ heißt es in nahezu jedem der inflationär erscheinenden Lebens-Ratgeber, auf bunten Werbeplakaten oder als gut gemeinte Aufmunterung enger Freunde, „dann kann nichts schiefgehen“. Doch wo bitte findet man sich selbst? Und was muss bis dahin alles schiefgehen?

Die Moderne hat die Suche nach dem Selbst zur Sisyphos-Aufgabe verkommen lassen. Die Ausdifferenzierung unzählbarer Rollen und Perspektiven, unüberschaubar für die einzelne Person, hat den einen (und vor allem den eigenen!) Mittelpunkt verschwinden lassen. Der Aufbau von umfassender Komplexität und eine chronische Überforderung infolge stetiger Reizüberflutung in Kombination mit unerfüllbaren Selbstverwirklichungsansprüchen haben die meisten der zivilisierten Mitteleuropäer zu zutiefst neurotischen, rastlosen Wesen verkommen lassen. Welch Sicherheit vermochte noch die Religion zu bieten, bevor sie sich zur reinen Privatangelegenheit einiger belächelter Spinner ausdifferenzierte! Welch beruhigende Wirkung hatte die vormoderne Familie, durch die der weitere Lebensweg irreversibel in patriarchalisch gelenkten und damit unerschütterbaren Bahnen verlaufen würde! Alles dahin...

Das wirklich Tragische an der ehrenrührigen Suche nach dem Selbst ist die Tatsache, dass die Moderne nur sehr enge Grenzen des zu findenden Selbst zulässt.

„Sei einfach du selbst, aber bitte nach unseren Maßstäben!“

Der dauerdepressive Stadtneurotiker, jeden Sozialkontakt scheuend und am Neujahrsmorgen kalt und starr von den durch unerträgliche Geruchsbelästigung aufgescheuchten Nachbarn entdeckt, war im Moment seines Abschiedes wahrscheinlich mehr „er selbst“ als jeder andere Mensch. Denn was kann schon authentischere Selbstverwirklichung sein, als dem verhassten körperlichen Selbst Lebewohl zu sagen!? Genau diese Seite der Authentizität, ihre Negativform sozusagen, wird jedoch ständig und bewusst invisibilisiert und verschwiegen.
Selbstverwirklichung kann nur die Form einer „wilden, verrückten“ (aber dennoch ordentlich durch Reiseveranstalter organisierten) und vor allem „spontanen“ Reise durch die kanadische Wildnis annehmen (allerdings nicht ZU wild!). Sie ist nur zu finden im einem flammenden Bekenntnis zu dem, was man für Buddhismus hält, in überteuerten Yoga-Kursen, im offensiven Vegetarismus (aber ein bisschen Fisch geht immer!) und vor allem natürlich in netten Gesprächsrunden bei (höchstens!) drei Gläsern Wein, einem anschließenden Spiele-Abend und dem gemeinsamen Zubereiten möglichst exotischer Speisen. Alleinstehende sind übrigens nur insofern eingeladen, als dass ein gegengeschlechtlicher (oder natürlich gleichgeschlechtlicher, Intoleranz kommt uns nicht ins Haus!) Part zur zügigen Verkupplung und folgender Paar-Assimilation organisiert werden kann, aber das ist eine andere (und vielleicht noch viel tragischere) Merkwürdigkeit, die gleichzeitig zur strukturellen Verfestigung des Selbstverwirklichungsfetisches beiträgt. Die Massenmedien in ihrer momentan zumeist pervertierten Form machen es vor, täglich und auf den rund 200 für jedermann frei empfangbaren Kanälen. „Lebe deine Träume!“ plärrt es aus der Flimmerkiste. „Doch was du zu träumen hast, das überlass mal schön uns! “

Dabei ist doch das Rezept des authentischen Menschen so simpel, man wäre mit ein wenig Geistesanstrengung wohl auch von selbst (selbst!) draufgekommen (aber wer hat schon die Zeit?): Ein Jahr Auslandsaufenthalt in möglichst harmlosen, konfliktfreien Ländern, wahlweise Australien, Kanada oder Neuseeland (Tolle Erfahrungen, so viele nette Menschen kennengelernt. Da sieht man mal wie unfreundlich hier alle sind! Und das Wetter erst, ich bin ja mehr so der Sonnen-Typ), eine Prise Esoterik (Buddhismus find ich ja gut wegen der Friedfertigkeit und so. Ich hab mir aber auch schonmal die Karten legen lassen, so ganz glaub ich da auch nicht dran. Was steht heute im Horoskop?), ein paar freundliche aber dennoch exklusive Hobbys, die natürlich exakt zur eigenen, einzigartigen Persönlichkeit passen (Wir gehen gerne tanzen, da können wir ganz wir selbst sein, ich male aber auch ganz gern, aber natürlich nur mit Acrylfarben, nicht so Standard-Zeugs. Er geht ja lieber ins Stadion. Ist halt sein Verein. Zum gemeinsamen Spinning-Kurs kommt er trotzdem nie zu spät!) und der obligatorische „bewusste“ Konsum (Wir kaufen nur Fair-Trade Produkte. Zumindest wenn es der Geldbeutel zulässt. Und Obst natürlich nur mit Bio-Siegel, wir wollen den Kleinen ja nicht vergiften), und schon müsste man dem Selbst doch ein ganzen Stück näher sein!

Es geht vor allem darum, einen Weg zu finden, um aus dem Alltag auszubrechen, sich von der Masse der uniformierten Abenteuertouristen noch weiter abzugrenzen und dabei sein alltagsfernes Selbst paradoxerweise in den eigenen Alltag zu integrieren. Gleichsam jedoch verfestigt sich der eigene Alltag so immer mehr. Schließlich fügt man sich irgendwann doch seinem eigenen Schicksal und beginnt sich im eigens eingerichteten Konservativismus wohl zu fühlen. Dieser langwierige Kampf, dieser Versuch des Ausbruchs ist bei weitem kein Einzelfall, er erscheint eher als die Regel.
Offenheit bei gleichzeitiger Geschlossenheit ist dabei das wirkliche Problem. Der in der westlichen liberal-demokratischen Konsumgesellschaft lebende Mensch hat zunächst die Qual der Wahl, und zwar nahezu täglich, in jeder Lebenssituation. Gleichzeitig wird ihm diese Wahl jedoch schon im Vorhinein abgenommen. Es bleibt ihm nur die Uniformität des Andersseins. Und wem nichts Anderes bleibt als Abgrenzung durch Konsum, wer weder wirtschaftlich noch politisch, weder in Liebes- noch in Leibesdingen erwähnenswerte Erfolge verbuchen kann, der tappt geradezu zwangsläufig in die vielbeschworene „Schuldenfalle“: Er schuldet seiner Bank eine Menge Geld, seinen Kindern Liebe, Zuwendung und Bildung. Seinem Körper schuldet er zumeist vernünftige Ernährung und sportliche Betätigung. Diese Authentizitäts-Exkludierten werden zu den wahren Opfern der für sie scheinbar nur noch durch übersteigerten Konsum erreichbaren Selbstverwirklichungswelle, die sich gleichsam immer weiter von ihnen entfernt.

Und so ist man wieder angekommen auf der Negativseite der Authentizität. Was kann authentischer sein, als morgens einfach mal liegen zu bleiben, das eigene Kind zu verprügeln und auf dem Weg zum Zigarettenautomat kurz in der Lieblingskneipe einzukehren? „Mir war eben danach, so bin ich.“ Authentizität pur!
Doch dem fiesen alten Mann, der von seinem Balkon spuckt, die Kinder vom Rasen prügelt und den Müll seiner Nachbarn auf korrekte Mülltrennung hin überprüft, wird dabei gerade nicht ob seiner großen Authentizität frenetisch zugejubelt. Er wird nur verachtet, denn er bleibt fies und alt. Die authentischste Person, die in diesem Zusammenhang vorstellbar erscheint, ist der Hamas-Kämpfer, der sich auf einem israelischen Markt durch geschickte Sprengstoffverwendung selbst in sein eigenes Seelenheil inkludiert.
Insofern sollte man eventuell darüber nachdenken, ob wir der Suche nach Authentizität, analog zum Selbstmordattentäter, nicht viel zu viel unserer kostbaren Aufmerksamkeit schenken. Ihre beiden Seiten müssen für immer unerreichbar bleiben...

Dennis Walkenhorst (26) ist Politikwissenschaftler und studiert im Master Politische Kommunikation an der Uni Bielefeld.

Freitag, 3. Dezember 2010

Willkommen!

Liebe Besucherinnen und Besucher,

herzlich willkommen auf meinem neuen Blog! Die Möglichkeit der öffentlichen Artikulation eigener politischer Statements ist Grundbedingung für gute und transparente politische Arbeit. Seit ich im August 2009 zum Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld gewählt worden bin, hatte diese Funktion ein Stück weit die Webseite der Bielefelder Jungen Liberalen inne, deren Kreisvorsitzender ich seit November 2008 war. Aus diesem Amt bin ich aus zeitlichen Gründen im November 2010 ausgeschieden. Daher wird von nun an dieser Weblog den "Job" übernehmen, und ich werde mich nach Kräften bemühen, ihn durch politische Statements einerseits und vielleicht auch einige eher in die sozialwissenschaftliche Richtung gehende Beiträge andererseits aktuell zu halten. Darüber hinaus findet Ihr hier übrigens noch eine Sammlung der JuLi-Pressemitteilungen* und -Blogartikel, die ich im Zeitraum von Dezember 2008 bis zur Einrichtung dieses Blogs im Dezember 2010 herausgegeben habe. Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre und freue mich auf Euer Feedback an: florian.sander (at) uni-bielefeld.de

Freiheitliche Grüße
Florian Sander


*An dieser Stelle gilt mein Dank den ehemaligen und aktuellen Bielefelder JuLi-Pressesprechern, die meine vielen, oft anspruchsvollen Schreibaufträge gekonnt umgesetzt haben: Benjamin Brast, Sahba Afradi und Marvin Hartwig.