Samstag, 6. November 2010

"Gelebte Weltkultur" als Leitkultur - Versuch einer Definition

Die kürzlich wiederbelebte deutsche Debatte um die Frage „Leitkultur – ja oder nein?“ treibt zuweilen seltsame Blüten. Wird im Rahmen der Integration von Migranten von (zumeist) konservativer Seite die Forderung nach einer deutschen Leitkultur erhoben, so erhebt sich im Anschluss geradezu reflexartig der heftige Widerspruch von SPD, Grünen und Linken, die schon bei bloßer Erwähnung des Wortes zusammenzucken.

Soweit nichts Neues. Überraschter kann man aber sein, wenn sogar die sonst eher rational gepolte, liberale Seite des Spektrums in den politisch korrekten Aufschrei mit einstimmt. Noch überraschter ist man, wenn dieser Aufschrei nicht bloß aus der Ecke schallt, aus der man ihn kennt – ich denke hier an den linksliberalen Flügel um Vertreter wie Baum und Leutheusser-Schnarrenberger – sondern von bisher immer sachlich agierender und argumentierender Seite. Die LHG an der Uni Bielefeld veröffentlichte kürzlich diesen, von erstaunlicher Polemik durchzogenen Blogartikel: http://lhg.julis-bi.de/2010/10/20/leitkultur-sabbel-di-doot

Zunächst: Nicht alles an dem Artikel der LHG ist falsch. Es ist in der Tat irreführend wie kontraproduktiv, noch im 21. Jahrhundert eine Leitkultur an Religion, ob christlich, jüdisch oder auch islamisch, fest zu machen. Diejenigen Unionspolitiker, die dies versuchen, verschaffen Deutschland ein Glaubwürdigkeitsdefizit, das nur schwer wieder zu beseitigen wäre: Wie kann man von Muslimen eine Entpolitisierung des Islams – genau darum geht es – verlangen, wenn man im gleichen Atemzug versucht, das Christentum zu re-politisieren? Spätestens seit der Aufklärung sollten wir über derartige Versuche hinweg sein.

Gleichzeitig jedoch stellt man sich bei der Lektüre des Artikels auch die Frage: Wieso die polemisch und schenkelklopfend-humoristisch formulierte Abgrenzung von jeglicher Form von Leitkultur? Eine adäquatere Auseinandersetzung mit einem ohnehin schon viel zu emotional diskutierten Thema bestünde doch vielmehr darin, einen Begriff genau zu untersuchen und ggf. zu definieren, bevor man ihn pauschal ablehnt.

Betrachten wir den Begriff der „Leitkultur“ einmal genauer. Der erste Wortbestandteil entstammt dem Wort „leiten“. Nun wird niemand bestreiten wollen, dass mit einem Integrationsprozess immer auch ein Prozess der Leitung und vor allem der Anleitung verbunden ist, der die zu integrierende Person einweist in die integrierende Gesellschaft. Ausgeübt wird diese Leitung zumeist durch viele Akteure: Sprachlehrer, Nachbarn, alte und neue Freunde, Familie, Dolmetscher, Mitarbeiter von Wohlfahrtsverbänden und Ämtern usw. usf. Die (An-)Leitung ist etwas Alltägliches in der deutschen Integrationsarbeit.

Den problematischeren Bestandteil des Wortes macht der Begriff der „Kultur“ aus. Problematisch ist er aus einem einzigen Grund: Niemand weiß so recht, was er bedeutet. Mal steht Kultur für bürgerliche Kunst, mal für den politischen Kommunikationsraum („politische Kultur“), mal für Ernährungspräferenzen („Esskultur“), für Schimmelpilze, usw. usf. Welche Schlussfolgerungen müssen wir aus diesem Problem ziehen? Linke, Grüne und LHG schlagen vor, den Begriff pauschal abzulehnen und sich über ihn und all jene, die ihn verwenden möchten, lustig zu machen. Ich schlage vor, ihn politisch zu definieren und mit Bedeutung zu füllen.

Der amerikanische Soziologe John W. Meyer brachte einen auf seine Weise neuen Kulturbegriff in die Sozialwissenschaften ein, indem er die Theorie einer „Weltkultur“ (world culture) aufstellte. Dabei handelt es sich um die Annahme einer globalen Institutionalisierung von westlichen Prinzipien, die sich insbesondere im letzten Jahrhundert und gerade nach 1945 immer weiter ausgebreitet und dabei gesellschaftliche Strukturähnlichkeiten (Isomorphie) erzeugt haben. Meyer und sein Team von der Universität Stanford bauten diese Annahme nicht nur zu einem in den Sozialwissenschaften viel diskutierten theoretischen Ansatz aus, sondern unterfütterten ihn auch empirisch mit zahlreichen Studien.  Diese wiesen nach, dass auch dort, wo westliche Institutionen wie Demokratie, Menschenrechte, Sozialstaatlichkeit, Gleichberechtigung und Emanzipation, Bildung etc. nicht in der Strukturebene vorzufinden sind, sie doch zumindest auf semantischer Ebene akzeptiert und postuliert werden müssen, um auf Legitimation der eigenen Gesellschaft oder des eigenen Staates hoffen zu können. So muss sich etwa selbst der theokratisch-repressive Iran den Anschein einer Demokratie geben und – wenn auch nur scheinbar faire – Wahlen durchführen, um der eigenen staatlichen Organisation gegenüber der westlich geprägten Weltkultur Legitimität zu verleihen.

Meyer und diejenigen Soziologen und Politikwissenschaftler, die sich in diesem, als Neo-Institutionalismus bezeichneten Theoriekontext verorten, haben nicht das Ziel einer Beschönigung. Im Gegenteil: Gerade die Unterscheidung zwischen einer semantischen Ebene, auf der die Prinzipien der Weltkultur global akzeptiert und artikuliert werden, und einer strukturellen Ebene, auf der sie längst nicht überall wiederzufinden sind, erlaubt die Offenlegung einer weltweiten Heuchelei, einer starken bis völligen Entkopplung zwischen Reden und Handeln. Und genau an diesem Punkt kehren wir wieder zu der hier aufgeworfenen Frage nach der Leitkultur zurück.

Fest steht also nun – und hier muss man alle Nationalisten sowie Rechts- und Nationalkonservative enttäuschen – dass die Leitkultur keine rein deutsche sein kann, sondern als Weltkultur das Produkt eines westlichen Wertehorizonts darstellt. Fest steht auch, dass sie nichts ist, was erst noch neu geschaffen werden müsste. Die soziale Konstruktion der Weltkultur, die sich selbst als universal gültig ansieht, wurde schon vor langer Zeit vollzogen und eine De-Institutionalisierung ist, wie die neo-institutionalistische Forschung beweist, nicht abzusehen.

Linken und Grünen sowie Liberaler Hochschulgruppe sei jedoch davon abgeraten, nun zu einem „Seht ihr, sage ich doch!“ anzusetzen. Die Anschlussfrage, wozu wir denn dann noch den Begriff der „Leitkultur“ brauchen, wenn wir doch schon in der Weltkultur leben, klärt sich mit Blick auf die zweite große Erkenntnis der neo-institutionalistischen Soziologie: Entkopplung, das Auseinanderklaffen von Reden und Handeln, ist auch hinsichtlich der deutschen Gesellschaft diagnostizierbar, wenn wir betrachten, wie Politik über Jahre hinweg dazu neigte, aus Angst vor „politischer Unkorrektheit“ Integrationsprobleme zu verschweigen und sich der Thematisierung von möglichen Maßnahmen gegen Integrationsverweigerer zu entziehen. Deutschland bejaht zwar in Sonntagsreden weltkulturelle Prinzipien wie Toleranz, Emanzipation und Selbstbestimmung sowie Rechtsstaatlichkeit, schaut aber Problematiken wie inländerfeindlichem Rassismus, Unterdrückung von islamischen Frauen, antiquierten Männlichkeitsvorstellungen und Ghettoisierung mit der Folge steigender Migranten-Kriminalität schweigend zu.

Diese nicht wegdiskutierbare Heuchelei zeigt auf, welche Funktion ein Begriff der Leitkultur im Deutschland des 21. Jahrhunderts einnehmen kann und muss: Er muss Reden und Handeln eng koppeln. „Leitkultur“ muss definiert werden als „gelebte Weltkultur“, als ein Übergreifen der semantisch postulierten, globalen weltkulturellen Prinzipien auf die Ebene des nationalen, regionalen und lokalen politischen und gesellschaftlichen (Alltags-)Handelns. Und um damit eine weitere, in dem LHG-Artikel aufgeworfene Frage zu beantworten: Dies darf ein demokratischer Staat nicht nur einfordern – er muss es sogar!

Gerade Experten für politische Kommunikation, von denen es in der Bielefelder LHG ja einige gibt, sollten wissen: Möchte man etwas verändern, sprich altes Handeln durch neues Handeln ersetzen, so ist ein neuer Begriff dabei oft hilfreich, da er das Ansinnen in passender Weise symbolisiert. Der Begriff der „Leitkultur“ verbindet Prinzipien einerseits mit der für ihr selbstbewusstes Vertreten nötigen Bestimmtheit andererseits. Definierte man ihn darüber hinaus so, wie ich es hier versucht habe, so hätte er vielleicht durchaus das Potenzial, die deutsche Integrationsdebatte voranzubringen.